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Gottfried Keller: 1 (1844)

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In Gold und Purpur eingehüllt,
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O Sonne! willst du scheiden?
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Und ich, von Freuden überfüllt,
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Soll plötzlich dich nun meiden?
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Du hast mein Herz mit Lust entzündet,
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Du allerschönste Königin!
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Wenn mir dein strahlend Antlitz schwindet,
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Ist nicht das Feuer tot und hin?

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O reiche mir noch
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Der bindend, helfend auf mich falle,
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Daß ich aus diesem Dämmertal
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An deiner Hand hinüberwalle!
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Ich will dein treuer Page bleiben,
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Dein Spiegel, wie das klare Meer,
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Als Schäfer deine Lämmer treiben,
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Die Morgenwolken, vor dir her.

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Als leichte, leichte Wolke nur
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Laß mich an deinem Hofe weilen,
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Als deines Glanzes schwächste Spur
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Vor deinem Zuge kündend eilen!
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Ich präg als Lehrer neue Lieder
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Den Lerchen, deinen Kindern, ein.
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Du willst mich nicht? du tauchest nieder?
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Ich bin im Schatten und allein!

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Ich wende mich verlassen ab,
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Die Welt ist eine tote Kohle!
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Was sonst die Klarheit wiedergab,
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Stäubt, Asche, unter meiner Sohle.
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Doch wie ich mich gen Osten kehre,
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Steigt mir ein Wunder zaubrisch auf:
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In einem weichen Rosenmeere
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Beginnt der Mond den Elfenlauf.

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Groß, magisch, wie ein Riesenstern,
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Seh ich ihn überm Grünen hangen:
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Er ist nicht kalt, er ist nicht fern,
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Nein, warm und nah, wie zum Erlangen!
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Ist er der Sonne Ährenleser,
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Der nach verlornen Strahlen jagt?
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Ist er der Sonne Reichsverweser,
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Bis wieder sie im Osten tagt?

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Es webt von Silber und Kristall
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Ein Netz sich über alle Räume,
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Wie feiner Elfenglöcklein Schall
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Erklingt das spröde Laub der Bäume:
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Das sind des Mondes Zitterstrahlen,
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Die schlagen an die Blätter an –
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Auf all dem Meer von Schein und Strahlen
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Mein Auge schifft als leichter Kahn.

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Und weil mein Herz am Westen noch,
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Am Abendrote hängt mit Sehnen,
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Fühl ich ein neues süßes Joch
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Von Osten über mich sich dehnen.
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Ich schwebe zwischen toten Wonnen
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Und neuem Hoffen wunderbar
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Wie eine Knospe eingesponnen,
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Die erst noch am Ersterben war!

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Es ist auf Erden keine Nacht,
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Die nicht noch ihren Schimmer hätte!
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So groß ist keines Unglücks Macht:
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Ein Blümlein hängt in seiner Kette.
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Und ist das Herz vom rechten Schlage,
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So baut es sich ein Sternenhaus
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Und macht die Nacht zum hellen Tage,
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Wo sonst nur Asche, Schutt und Graus!

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Der du im Unsichtbaren schwebst,
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Doch immer in mir widerklingend!
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Der du die goldnen Brücken webst,
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Von Welten sie zu Welten schwingend,
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Du hast ein Liebesband gewoben
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Mir um das Herz so alt und krank,
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Du hast mich aus dem Staub erhoben –
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Du großer Weber, habe Dank!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Keller
(18191890)

* 19.07.1819 in Zürich, † 15.07.1890 in Zürich

männlich, geb. Keller

Schweizer Schriftsteller, Dichter und Maler

(Aus: Wikidata.org)

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