Waldplage

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Eduard Mörike: Waldplage (1841)

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Im Walde deucht mir alles miteinander schön,
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Und nichts Mißliebiges darin, so vielerlei
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Er hegen mag; es krieche zwischen Gras und Moos
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Am Boden, oder jage reißend durchs Gebüsch,
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Es singe oder kreische von den Gipfeln hoch,
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Und hacke mit dem Schnabel in der Fichte Stamm,
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Daß lieblich sie ertönet durch den ganzen Saal.
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Ja machte je sich irgend etwas unbequem,
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Verdrießt es nicht, zu suchen einen andern Sitz,
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Der schöner bald, der allerschönste, dich bedünkt.
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Ein einzig Übel aber hat der Wald für mich,
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Ein grausames und unausweichliches beinah.
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Sogleich beschreib ich dieses Scheusal, daß ihr's kennt;
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Noch kennt ihr's kaum, und merkt es nicht, bis unversehns
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Die Hand euch und, noch schrecklicher, die Wange schmerzt.
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Geflügelt kommt es, säuselnd, fast unhörbarlich;
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Auf Füßen, zweimal dreien, ist es hoch gestellt
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(deswegen ich in Versen es zu schmähen auch
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Den klassischen Senarium mit Fug erwählt);
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Und wie es anfliegt, augenblicklich lässet es
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Den langen Rüssel senkrecht in die zarte Haut;
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Erschrocken schlagt ihr schnell darnach, jedoch umsonst,
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Denn, graziöser Wendung, schon entschwebet es.
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Und alsobald, entzündet von dem raschen Gift,
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Schwillt euch die Hand zum ungestalten Kissen auf,
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Und juckt und spannt und brennet zum Verzweifeln euch
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Viel Stunden, ja zuweilen noch den dritten Tag.
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So unter meiner Lieblingsfichte saß ich jüngst–
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Zur Lehne wie gedrechselt für den Rücken, steigt
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Zwiestämmig, nah dem Boden, sie als Gabel auf –
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Den Dichter lesend, den ich jahrelang vergaß:
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An Fanny singt er, Cidli und den Zürcher See,
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Die frühen Gräber und des Rheines goldnen Wein
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(o sein Gestade brütet jenes Greuels auch
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Ein größeres Geschlechte noch und schlimmres aus,
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Ich kenn es wohl, doch höflicher dem Gaste war's). –
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Nun aber hatte geigend schon ein kleiner Trupp
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Mich ausgewittert, den geruhig Sitzenden;
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Mir um die Schläfe tanzet er in Lüsternheit.
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Ein Stich! der erste! er empört die Galle schon.
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Zerstreuten Sinnes immer schiel ich übers Blatt.
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Ein zweiter macht, ein dritter, mich zum Rasenden.
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Das holde Zwillings-Nymphen-Paar des Fichtenbaums
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Vernahm da Worte, die es nicht bei mir gesucht;
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Zuletzt geboten sie mir flüsternd Mäßigung:
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Wo nicht, so sollt ich meiden ihren Ruhbezirk.
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Beschämt gehorcht ich, sinnend still auf Grausamtat.
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Ich hielt geöffnet auf der flachen Hand das Buch,
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Das schwebende Geziefer, wie sich eines naht,
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Mit raschem Klapp zu töten. Ha! da kommt schon eins!
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»du fliehst! o bleibe, eile nicht, Gedankenfreund!«
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(dem hohen Mond rief jener Dichter zu dies Wort.)
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Patsch! Hab ich dich, Kanaille, oder hab ich nicht?
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Und hastig – denn schon hatte meine Mordbegier
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Zum stillen Wahnsinn sich verirrt, zum kleinlichen –
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Begierig blättr' ich: ja, da liegst du plattgedrückt,
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Bevor du stachst, nun aber stichst du nimmermehr,
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Du zierlich Langgebeinetes, Jungfräuliches!
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– Also, nicht achtend eines schönen Buchs Verderb,
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Trieb ich erheitert lange noch die schnöde Jagd,
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Unglücklich oft, doch öfter glücklichen Erfolgs.

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So mag es kommen, daß ein künftger Leser wohl
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Einmal in Klopstocks Oden, nicht ohn einiges
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Verwundern, auch etwelcher Schnaken sich erfreut.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Eduard Mörike
(18041875)

* 08.09.1804 in Ludwigsburg, † 04.06.1875 in Stuttgart

männlich, geb. Mörike

deutscher Lyriker der Schwäbischen Schule, Erzähler und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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