Göttliche Reminiszenz

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Eduard Mörike: Göttliche Reminiszenz (1845)

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Vorlängst sah ich ein wundersames Bild gemalt,
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Im Kloster der Kartäuser, das ich oft besucht.
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Heut, da ich im Gebirge droben einsam ging,
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Umstarrt von wild zerstreuter Felsentrümmersaat,
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Trat es mit frischen Farben vor die Seele mir.

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An jäher Steinkluft, deren dünn begraster Saum,
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Von zweien Palmen überschattet, magre Kost
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Den Ziegen beut, den steilauf weidenden am Hang,
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Sieht man den Knaben Jesus sitzend auf Gestein;
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Ein weißes Vlies als Polster ist ihm unterlegt.
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Nicht allzu kindlich deuchte mir das schöne Kind;
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Der heiße Sommer, sicherlich sein fünfter schon,
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Hat seine Glieder, welche bis zum Knie herab
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Das gelbe Röckchen decket mit dem Purpursaum,
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Hat die gesunden, zarten Wangen sanft gebräunt;
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Aus schwarzen Augen leuchtet stille Feuerkraft,
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Den Mund jedoch umfremdet unnennbarer Reiz.
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Ein alter Hirte, freundlich zu dem Kind gebeugt,
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Gab ihm soeben ein versteinert Meergewächs,
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Seltsam gestaltet, in die Hand zum Zeitvertreib.
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Der Knabe hat das Wunderding beschaut, und jetzt,
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Gleichsam betroffen, spannet sich der weite Blick,
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Entgegen dir, doch wirklich ohne Gegenstand,
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Durchdringend ewge Zeitenfernen, grenzenlos:
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Als wittre durch die überwölkte Stirn ein Blitz
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Der Gottheit, ein Erinnern, das im gleichen Nu
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Erloschen sein wird; und das welterschaffende,
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Das Wort von Anfang, als ein spielend Erdenkind
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Mit Lächeln zeigt's unwissend dir sein eigen Werk.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Eduard Mörike
(18041875)

* 08.09.1804 in Ludwigsburg, † 04.06.1875 in Stuttgart

männlich, geb. Mörike

deutscher Lyriker der Schwäbischen Schule, Erzähler und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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