Ländliche Kurzweil

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Eduard Mörike: Ländliche Kurzweil (1842)

1
Um die Herbstzeit, wenn man abends
2
Feld und Garten gerne wieder
3
Tauschet mit dem wärmern Zimmer,
4
Bald auch schon den lang verschmähten
5
Ofen sieht mit andern Augen,
6
Jetzo noch zweideutigen:
7
Haben wir hier auf dem Lande
8
Noch die allerschönsten Stunden
9
Müßig halb und halb geschäftig
10
Plaudernder Geselligkeit.

11
Jüngst so waren wir am runden
12
Tisch versammelt um die Lampe.
13
Eine Freundin, aus der Ferne
14
Neulich bei uns angekommen,
15
Saß, ein holder Gast, im Kreise.
16
Abgetragen war das Essen,
17
Nur das Tischtuch mußte bleiben.
18
Reinliche Gefäße vor sich
19
Eiferten die guten Frauen,
20
Wer des vielkörnigen Mohnes
21
Größern Haufen vor sich bringe;
22
– Weißen hatten wir und blauen –
23
Emsig klopften, unbeschadet
24
Des Gespräches, ihre Messer,
25
Während ich, zunächst dem Lichte,
26
In den Haller Jahresheften
27
Blätterte und hin und wieder
28
Einen Brocken gab zum besten.

29
Doch nach einer kleinen Stille,
30
Plötzlich wie vom Zaun gebrochen,
31
Sagte meine Schwester Clärchen,
32
Schadenfrohen Blicks nach mir:
33
»geld auf Zinsen auszulehnen
34
Ist wohl keine üble Sache,
35
Wenn man es nur christlich treibt;
36
Denn vom Hundert zieht man immer,
37
Wo nicht fünfe, doch fünfthalbe,
38
Das ist einem wie geschenkt;
39
Aber wer in müßger Weile
40
An dem Mohnfeld einst vorüber
41
Schlenderte, der grünen Häupter
42
Eines an der Seite spaltend,
43
Kleine Münze drin verbarg,
44
Hoffend, daß es groß und größer,
45
Eine Wunderfrucht, erwachse,
46
Und so viel es Körner trüge
47
So viel nagelneue Kreuzer
48
Künftig in der dürren Hülse
49
(eine feine Kinderklapper,
50
Eine seltne Vogelscheuche!)
51
Klingend in dem Winde schüttle,
52
Der ist übel angeführt.
53
Nicht nur, daß die Interessen
54
Fehlen, auch die schönen Samen
55
Sind vergiftet, schwarz gemodert,
56
Und der unfruchtbare Mammon
57
Lauter Grünspan, ganz unkenntlich,
58
Garstig, wie dies Beispiel zeigt!«
59
Und hiermit warf sie den Kreuzer
60
Auf den Tisch, da lachte alles.

61
»lassen Sie sich das erklären!«
62
Sagt ich, zu dem Gast gewendet:
63
»wer in Schwaben einen neuen
64
Rock anhat zum ersten Male,
65
Muß von Freunden und Bekannten
66
In das neue Taschenfutter
67
Einen blanken Kreuzer haben;
68
Und so ward mir, ländlich sittlich,
69
Auch der meine vorgen Sommer
70
Für den hübschen Schlafrock, eben
71
Den man gegenwärtig sieht.
72
Jenen Morgen nun erging ich
73
Guten Mutes mich im Garten,
74
Tat auch wirklich wie sie sagt,
75
Doch was ich dabei mir dachte,
76
Muß ich wohl am besten wissen.
77
Ein Orakel sollt es sein,
78
Das der Herbst erproben würde:
79
Bringt die Kolbe blauen Samen,
80
Ist der liebe Gast nicht kommen;
81
Bringt sie weißen, wird er dasein
82
Eben wenn man sie eröffnet;
83
Und um sie genau zu zeichnen
84
Legt ich jene Münze ein.
85
Aber bald war dieses alles
86
Bis den Augenblick vergessen.
87
Und nun seht« –
88
»nichts!« rief die Schwester:
89
»nein, ich lasse mir's nicht nehmen,
90
Spekulieren wolltest du!
91
Und der Fall beweist nur wieder,
92
Was oft, dich in Schutz zu nehmen,
93
Andere mit mir bezeugten:
94
Daß mein teuerster Herr Bruder
95
Bei dem allerbesten Willen
96
Zum Kapitalisten eben
97
Einmal nicht geboren ist.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Eduard Mörike
(18041875)

* 08.09.1804 in Ludwigsburg, † 04.06.1875 in Stuttgart

männlich, geb. Mörike

deutscher Lyriker der Schwäbischen Schule, Erzähler und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.