Götterwink

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Eduard Mörike: Götterwink (1845)

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Nachts auf einsamer Bank saß ich im tauenden Garten,
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Nah dem erleuchteten Saal, der mir die Liebste verbarg.
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Rund umblüheten ihn die Akazien, duftaushauchend,
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Weiß wie der fallende Schnee deckten die Blüten den Weg.
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Mädchengelächter erscholl und Tanz und Musik in dem Innern,
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Doch aus dem fröhlichen Chor hört ich nur andre heraus.
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Trat sie einmal ans Fenster, ich hätte den dunkelsten Umriß
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Ihrer lieben Gestalt gleich unter allen erkannt.
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Warum zeigt sie sich nicht, und weiß, es ist der Geliebte
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Niemals ferne von ihr, wo sie auch immer verweilt?
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Ihr umgebt sie nun dort, o feine Gesellen! Ihr findet,
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Schön ist die Blume, noch rein atmend die Würze des Hains.
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Dünkt euch dies Kind wohl eben gereift für das erste Verständnis
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Zärtlicher Winke? Ihr seid schnelle, doch kommt ihr zu spät.
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Stirne, Augen und Mund, von Unschuld strahlend, umdämmert
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Schon des gekosteten Glücks seliger Nebel geheim.
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Blickt sie nicht wie abwesend in euren Lärmen? Ihr Lächeln
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Zeigt nur gezwungen die Zahnperlen, die köstlichen, euch.
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Wüßtet ihr was die Schleife verschweigt im doppelten Kranze
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Ihrer Flechten! Ich selbst steckte sie küssend ihr an,
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Während mein Arm den Nacken umschlang, den eueren Blicken
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Glücklich der seidene Flor, lüsterne Knaben, verhüllt.
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– Also sprach ich und schwellte mir so Verlangen und Sehnsucht;
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Kleinliche Sorge bereits mischte sich leise darein.
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Aber ein Zeichen erschien, ein göttliches: nicht die Geliebte
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Schickt' es, doch Amor selbst, welchen mein Kummer gerührt.
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Denn an dem Altan, hinter dem nächtlichen Fenster, bewegt sich
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Plötzlich, wie Fackelschein, eilig vorüber ein Licht,
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Stark herstrahlend zu mir, und hebt aus dem dunkeln Gebüsche,
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Dicht mir zur Seite, die hoch glühende Rose hervor.
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Heil! o Blume, du willst mir verkünden, o götterberührte,
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Welche Wonne, noch heut, mein, des Verwegenen, harrt
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Im verschloßnen Gemach. Wie schlägt mein Busen! – Erschütternd
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Ist der Dämonien Ruf, auch der den Sieg dir verspricht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Eduard Mörike
(18041875)

* 08.09.1804 in Ludwigsburg, † 04.06.1875 in Stuttgart

männlich, geb. Mörike

deutscher Lyriker der Schwäbischen Schule, Erzähler und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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