Bey Erblickung seiner Vaterstadt

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Nicolaus Götz: Bey Erblickung seiner Vaterstadt (1751)

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Nach so viel überstandnem Kummer
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Empfind ich nun, daß diese Ruh
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Noch sanfter, als ein Mittagsschlummer
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Bey schwülen Sommertagen, thu.
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Mein Worms ergötzt mich schon von Ferne;
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Wie wird erst die Entzückung seyn,
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Kehr ich beym Glantz der Abendsterne
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In seinen Mauren jauchtzend ein?

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Wofern mich nicht die Sinnen trügen,
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So seh ich dich, mein Ithaka!
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Wo ich, gewindelt in der Wiegen
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Zuerst das holde Tagslicht sah;
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Wo oft mein Vater voll Erbarmen,
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In seinem Leben zu mir kam,
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Und mich von meiner Mutter Armen
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Mit liebesvollen Worten nahm.

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Mein Hertze saget mir im Stillen,
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An diesem Flus, an diesem Feld,
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Wo Ströme gelben Weines quillen,
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Und Ceres Frucht die Scheunen schwellt,
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An diesem Schmeltz beblümter Triften,
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An allem was die Gegend hat,
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Selbst an den Thürmen in den Lüften
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Erkennst du deine Vaterstadt.

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O seyd gegrüst, ihr Bangionen,
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Der Friede kehre mit mir ein,
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Der Friede müsse bey euch wohnen,
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Und fest an euch gefesselt seyn.
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Und du, o Thurn, dort in der Mitte!
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Wie ist mir? ach! mein Hertze bebt – – –
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Ist, oder ist dies nicht die Hütte,
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In welcher meine Mutter lebt?

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Hier wars – – Ich kenne noch die Stelle, – –
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Wo einst mein Lebewohl erscholl.
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Du Thüre, du geliebte Schwelle,
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Du sahest meine Thränen wohl.
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Du sahst mich noch am Ecke weinen,
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Mit Reu und Sehnsucht rückwärts sehn.
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O Hütte, leben noch die Meinen?
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Und darf ich auch zu ihnen gehn?

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Was frag ich? ist mir ihr Gemüthe
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Nach so viel Jahren nicht bekannt?
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Zählst du die Proben ihrer Güte,
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So zählst du auch des Rheines Sand.
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Doch schwör ich hier bey Hayn und Matten,
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Bey allem was nur heilig ist,
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Ja selbst bey meines Vaters Schatten,
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Daß mir ihr Wohlthun nicht vergist.

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Nun endigt euch, ihr bittern Stunden,
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Ihr süssern Tage fahet an,
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Nun ich mein Vaterland gefunden,
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Nun ich die Meinen küssen kann.
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O Vorsicht, wirft dein heilger Wille,
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Mir noch ein Jahr zu leben, zu,
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So gönne mir in sanfter Stille
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In ihrem Schoose Fried und Ruh.

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Du prüftest mich durch schwere Zeiten;
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Nun kennstu ja mein junges Hertz.
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Vier Jahre voller Bangigkeiten,
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Gefahr, Angst Kranckheit, Unmuth, Schmertz,
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Des Todes Wurm im Eingeweide,
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Melancholey in Geist und Sinn,
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Die rissen Hoffnung, Trost und Freude,
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Selbst alle Lust zu leben, hin.

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Was dort der fromme Held erlitten,
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Sturm, Ungewitter, Näß und Schnee,
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Wie Winde wieder Winde stritten,
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Litt ich nicht minder auch zur See.
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Auch konnt ich auf des Wassers Flächen,
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Die grausen Ungeheuer sehn;
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Auch hört ich Mast und Segel brechen,
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Sah Schiff und Schifvolck untergehn.

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Einst, als von Stürmen hingerissen,
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Mein Schif bald nach den Wolcken gieng,
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Bald in des Abgrunds Finsternissen,
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Bedeckt mit Wassern, krachend hieng;
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Als ich dem werthen Vaterlande
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Entfernt den letzten Seegen gab,
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Und sieben Meilen von dem Strande
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Nun nichts mehr wünschte, dann ein Grab:

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Da spaltete mit raschen Rossen
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Der Geist der See der Tiefe Schoos,
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Kam, als ein Strom, hervorgeschossen,
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Und machte mich des Kummers los.
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Sohn, sprach er, wahrer Sohn der Tugend,
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Halt in Versuchung nur Bestand,
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Ich liebe dich und deine Jugend,
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Und schencke dich dem Vaterland.

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Du solst dem nahen Tod entgehen,
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Die Syrten werden dir nichts thun;
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Die alte Mutter wirst du sehen,
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Und in der Brüder Armen ruhn.
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Dies Meer, muß es gleich Laster strafen,
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Soll nie das Grab der Tugend seyn.
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Ja, ja, dort seh ich dich schon schlafen
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Auf jenem Ufer an dem Rhein.

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Da hör ich dich auf hellen Saiten
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In dem berühmten Maulbeerwald,
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Mein Lob aus Danckbarkeit verbreiten,
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Daß das Gehöltze wiederschallt.
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Da kannst du dein beglücktes Leben
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Der Schaar der schönen Künste weyhn,
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Um, wenn du einst wirst Abschied geben,
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Im Tode noch beweint zu seyn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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