Christus vor den Hohenpriestern

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Johann Rist: Christus vor den Hohenpriestern (1637)

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Hin ist die Nacht, der Tag bricht an,
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Die Morgenröte malt den Himmel,
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Die Welt erwacht, und jederman
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Erregt sein tägliches Getümmel:
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Da wird das Gotteslamm gerissen
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Sehr grimmig vor den hohen Rat,
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Als ihn die Zunft der Diener hat
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Die ganze Nacht herümgeschmissen.
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Es samlet sich die leichte Rott
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Und lässet vor dem Richtstuhl führen
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Mit Spott den hochgelobten Gott,
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Der selber prüfet Herz und Nieren;
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Ja, der sich niemals hat empöret,
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Muß aller Aufruhr schüldig sein;
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Man sagt ihm ins Gesicht hinein,
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Gottlästern sei von ihm gehöret.
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Sobald der Judas nun vernimt,
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Wie schändlich seine That gelungen
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Und alles das, was angestimt,
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Von jedem werde nachgesungen,
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Daß nämlich unser Heil sol sterben:
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Da überfällt ihn Reu und Schmerz,
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Das quälet nun sein falsches Herz,
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So daß er spüret sein Verderben.
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»ach, ruft er, was hab' ich gethan!
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Mein Herr ist ohne Schuld verraten.
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Ihr Richter, legt doch ab den Wahn,
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Verfluchet meine bösen Thaten;
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Nemt hin eur Geld, das mich verführet,
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Eur Geld, das mir schafft schwere Pein!«
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Die Richter sprechen alle: »Nein,
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Es wird nicht mehr von uns berühret.«
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O Bubenstück, o falscher Kuß,
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Der diesen Mann zur Höllen sendet,
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Verzweiflung machet ihm den Schluß,
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Indem ein Strick sein Leben endet,
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Ein Strick treibt aus sein' arme Seele,
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Sein Bauch zerbricht als ein Geschwür,
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Sein Eingeweide dringt herfür,
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Der Geist fleugt in des Satans Höle.
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Herr Jesu, der du durch den Rat
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Des Todes schüldig bist erkläret,
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Vergib mir doch die Missethat,
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Die mich wie Sand am Meer' beschweret!
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Ach Herr, es ist mir unvergessen,
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Daß ich gehör' in diese Rott;
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Als du verdammet bist, mein Gott,
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Bin ich beim Priester mit gesessen.
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Mein Heiland, du wirst hingeführt
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Zu solchen Richtern, die nicht wissen
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Was deiner Herlichkeit gebührt,
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Die Blut zu stürzen sind geflissen.
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Warum hast du dieß uns gestanden?
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Darum, auf daß ich würde nicht,
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Wenn du wirst kommen zum Gericht,
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O Gott, vor deinem Stuhl zu Schanden
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Ach, gib mir einen tapfern Mut,
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Daß ich ja nimmermehr erlige;
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Wenn mich versehrt des Kreuzes Glut,
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So hilf mir, daß ich frölich siege.
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Dein bitters Leiden kan erquicken,
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O treuer Gott, mein mattes Herz,
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Daß weder Tod, noch Not, noch Schmerz
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Dasselbe können unterdrücken.
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Es tröste mich zur jeden Zeit,
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Besonders in der Höllen Schrecken,
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Des andern Lebens Süßigkeit,
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Zu welchem du bald wirst erwecken
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Die Gläubigen, die dich geliebet:
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Nach solchem Leben seufz' ich sehr;
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Da wirst du geben Freud und Ehr'
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Uns, die wir lebten so betrübet.
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Ein Gasthaus nenn' ich diese Welt
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Und nicht das Vaterland der Frommen;
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Du hast ja, Herr, ein Haus bestellt
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Vor alle, welche zu dir kommen;
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Dahin nun wollen wir uns schwingen,
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Was geht uns dieses Erdreich an?
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Hilf, daß wir bald in Kanaan
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Der Ewigkeit ein Liedlein singen.
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O wolte Gott, es käm' herbei
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Die Stund', in der ich solt' ablegen
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Des Fleisches Last und werden frei
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Von Sünden, die sich stets noch regen!
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O, solt' in jennem Freudenleben
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Mein Seelichen sehn für und für
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Die Feinde ligen unter dir,
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Wie wolt' ich meine Stimm erheben!
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O Jesu, Herr der Herlichkeit,
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O süßer Trost der armen Sünder,
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O ewig Gott, Mensch in der Zeit,
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Du liebest ja die Menschenkinder;
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Wie freundlich hast du dich erwiesen,
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Der du des bittern Sterbens Not
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Getötet hast durch deinen Tod!
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Sei hier und dort von mir gepriesen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Rist
(16071667)

* 08.03.1607 in Hamburg, † 31.08.1667 in Wedel

männlich, geb. Rist

deutscher Dichter und lutherischer Prediger

(Aus: Wikidata.org)

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