Blumen des Gartens

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Johann Rist: Blumen des Gartens (1637)

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Liebster, wilst du meiner warten,
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Bis die Sonne bricht herfür,
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Und mich führen in den Garten
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Durch der Andacht schöne Thür,
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Zarter Blumen Lieblichkeit
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In der süßen Frühlingszeit
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Mit Verwundern zu besehen,
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Ei, so kom und laß uns gehen!
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Jesu, sol ich deinen Augen
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Einmal recht gefällig sein,
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Sol mein Schmuck nur etwas taugen,
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Sol ich prangen hell und rein
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Dir zur Ehr und mir zum Ruhm:
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Ei, so must du manche Blum'
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An den klaren Tugendbächen,
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Mich zu zieren, freundlich brechen.
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Ja, du führst mich bei den Händen
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Zu dem bunten Blumenheer;
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Ach, wohin sol ich mich wenden,
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Finden, was ich längst begehr?
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Haben dort nicht ihre Stell'
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Edle Rosen, die so hell
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Und gar rot von Farben blühen,
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Daß sie Purpur vorzuziehen?
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Aber das so scharfe Stechen
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Ihrer Zweiglein thut mir weh;
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Herr, du wollst es ja nicht rächen,
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Wenn ich leider nochmals geh'
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In der schnöden Wollust Bahn,
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Wie ich manchen Tag gethan,
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So daß ich in Schand und Nöten
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Wie die Rose muß erröten.
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Lieblich zwar sind diese Rosen,
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Dauern doch nur kurze Zeit;
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Solt' ich selber mich liebkosen
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Wie ein Kind der Eitelkeit?
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Nein, die Wollust fliegt dahin;
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Auch des Lebens Rauberin,
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Unsre Zeit, muß schnell vergehen,
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Wie die Rosen nicht bestehen.
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Liebster, führe mich nur weiter
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Auf das klare Lilienfeld,
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Brich mir eine, mein Begleiter!
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Bin ich dir doch zugesellt.
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Ach, daß solch ein edle Blum'
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Ich in deinem Heiligtum
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Möcht' in rechter Unschuld heißen
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Und von wahrer Tugend gleißen.
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Aller Menschen Schmuck und Prangen
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Ist doch lauter Trügerei;
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Auch kein Kaiser kan's erlangen,
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Daß er gleich den Lilien sei.
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Wil ich helle Kleider sehn,
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Darf ich nur zum Garten gehn,
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Wo die Blumen auch erzählen,
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Daß uns Christen nichts kan fehlen.
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Ei, wie blühen die Narcissen
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Und Violen mancher Art!
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Gleichwol läßt mein Freund mich wissen,
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Daß die Zeit sie nimmer spart.
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Was ist unser Leben doch!
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Wenn man ist bemühet noch,
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Viel zu lernen, viel zu schaffen,
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Pflegt der Tod uns hinzuraffen.
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Meine Zeit ist fast vergangen:
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Führe mich, mein Jesu, hin,
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Wo sich stillet mein Verlangen
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Und ich selbst dein Blümlein bin,
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In das schönste Paradeis,
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Wo man nichts zu sagen weiß
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Als von Jauchzen, Triumphieren,
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Mit den Deinen zu regieren.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Rist
(16071667)

* 08.03.1607 in Hamburg, † 31.08.1667 in Wedel

männlich, geb. Rist

deutscher Dichter und lutherischer Prediger

(Aus: Wikidata.org)

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