Ueber das Evangelium am 15. Sonntage nach dem Feste der h. Dreifaltigkeit

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Johann Rist: Ueber das Evangelium am 15. Sonntage nach dem Feste der h. Dreifaltigkeit (1637)

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Komet, komet, laßt uns gehn,
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Unsre Felder zu besehn;
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Christus selber ist der Mann,
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Der uns heißet schauen an,
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Wie die Lilien auf der Weid
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Herlich stehen ohne Leid,
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Tragen doch ein schönes Kleid.
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Gott, der diese Blumen schafft
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Und denselben Kraft und Saft
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Reichlich schenket alle Jahr,
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Der wil uns auch immerdar
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So versorgen in der Welt,
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Daß der Mensch hie Gut und Geld,
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Speis' und Kleider noch behält.
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Gott, der dir ja Seel' und Leib,
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Haus und Hof, Gut, Ehr' und Weib
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Schon fürlängst ertheilet hat,
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Wird auch ferner wissen Rat;
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Hoff auf ihn mit freiem Mut,
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Schaue was sein' Allmacht thut:
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Alles muß noch werden gut.
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Merke doch den Unterscheid:
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Jedes Blümlein hat sein Kleid,
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Dieses ist von Farben schön
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Und sehr lieblich anzusehn,
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Jennes aber steht nur schlecht;
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In der Welt ist auch solch Recht:
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Der heißt Herr und jenner Knecht.
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Dieser trägt die Königskron'
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Und besteigt den güldnen Thron,
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Jenner, als ein armer Mann,
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Ziehet grobe Kittel an.
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Der ist hoch und wolgelehrt,
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Wird deswegen sehr geehrt,
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Jenner wird kaum angehört.
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Bist du nun nach deinem Wahn
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Nicht so prächtig angethan,
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Auch viel leichter am Gewicht,
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Neide drum den Nächsten nicht;
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Spricht der Thon zum Töpfer auch:
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Machest du mich zum Gebrauch
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Etwa nur dem Staub und Rauch?
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Eigennutz verdirbt die Welt,
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Sonst würd' alles wol bestellt;
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Hat der Himmel dich geziert
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Und mit Gaben ausstafiert,
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Ei, so sei den Blumen gleich,
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Die der Neid nie machet bleich,
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Sind sie schon von Farben reich.
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Laß uns auch den Ort besehn,
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Wo die schönste Blumen stehn;
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Unter diesem blauen Dach
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Wachsen sie mit Ungemach,
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Wind und Regen, Frost und Hitz',
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Hagel, Donner, Reif und Blitz
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Decken oftmals ihren Sitz.
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Lieber Mensch, bedenk es wol,
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Sind nicht deine Tage vol
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Trübsal, Jammer, Angst und Not,
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Bis zuletzt der bleiche Tod
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Gänzlich dich davon befreit
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Und aus dieser kurzen Zeit
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Führet hin zur Ewigkeit?
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Komt ein Ungewitter her,
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Welches überaus ist schwer,
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Harr' auf Gott, der Sonnenschein
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Wird sich wiedrum stellen ein,
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Daß die Wolken trennen sich;
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Es gedenkt auch Gott an dich,
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Hilft zuletzt ganz gnädiglich.
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Aber, o der kurzen Frist,
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Die des Blümleins eigen ist!
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Heute prangt es trefflich schön,
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Morgen muß es schnell vergehn:
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Mensch, wo bleibt doch deine Kunst,
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Ehr' und Reichtum, Glück und Gunst?
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Alles wird nur Asch' und Dunst.
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Ach, der Mensch ist schwach und weich,
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Nicht den starken Bäumen gleich,
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Sondern wie das Wiesengras,
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Wird in einer Stunde blaß;
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So gar plötzlich und geschwind
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Gilt ins Grab ein Menschenkind;
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Unser Leben ist nur Wind!
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Weil du nun, mein lieber Christ,
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Ein so zartes Blümlein bist,
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Ei, was bist du denn bedacht,
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Dich zu quälen Tag und Nacht
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Um das eitle Gut und Geld?
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Ach ümsonst! In dieser Welt
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Ist dir schon der Theil bestellt.
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Geht die Lilie gleich dahin,
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Ist es doch nur ihr Gewinn,
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Schöner wächst sie denn aufs Neu,
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Wenn der Frühling komt herbei;
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So der Mensch, das edle Thier,
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Wird mit größrer Pracht und Zier
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Kommen aus dem Grab herfür.
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Mein Herr Jesu, laß mich sein
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Solch ein edles Blümelein,
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Das der Lieb' und Glauben vol
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Blüh' und rieche trefflich wol,
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Das auch künftig, englisch schön,
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Mög' im Paradiese stehn,
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Ewig, ewig dich zu sehn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Rist
(16071667)

* 08.03.1607 in Hamburg, † 31.08.1667 in Wedel

männlich, geb. Rist

deutscher Dichter und lutherischer Prediger

(Aus: Wikidata.org)

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