Abschiedslied aus diesem Leben

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Johann Rist: Abschiedslied aus diesem Leben (1637)

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Nun, Welt, du must zurücke stehn
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Mit allen deinen Schätzen;
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Mit Freuden wil ich schlafen gehn,
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Den Leichnam sol man setzen
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Ins Grab hinein, da keine Pein
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Hinfür' ihn wird verletzen.
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Mein Seelichen fleugt himmelan,
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Der Leib schläft in der Erden,
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Bis daß er mit der Seelen kan
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Wiedrüm verknüpfet werden;
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Inmittelst sol er ruhen wol
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Ohn' einige Beschwerden.
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O was für Reichtum werd' ich doch
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In jenner Welt besitzen!
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Hinfüro wird des Kreuzes Joch
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Mich nimmermehr erhitzen;
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Es wird die Sünd ein Gottes Kind
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Nicht können mehr beschmitzen.
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O was für Ehr' und Herlichkeit
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Wird mir daselbst gegeben!
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Wie lieblich werd' ich nach der Zeit
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Im Hause Gottes leben!
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In welchem Glanz werd' ich doch ganz
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Verkleidet ewig schweben!
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Wie groß wird sein der Liebe Macht
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Ohn' einiges Betriegen!
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Wie herlich meiner Glieder Pracht,
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So durch die Wolken fliegen!
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Hätt' ich nur schon die Freudenkron'
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In Gottes Sal erstiegen!
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Wie groß wird dort die Wollust sein,
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Die gar nicht Eitles heget!
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Ein Himmelskind bleibt allzeit rein,
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Sein Herz wird nie beweget
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Von Haß und Neid; auch alles Leid
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Wird dort rein abgeleget.
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Wie werd' ich auch der Jugendkraft
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So trefflich wol empfinden!
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Es wird ein süßer Lebenssaft
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Von Neuem mich verbinden,
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So daß noch Not, noch Schmerz, noch Tod
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Mein Herz kan überwinden.
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Wie werd' ich künftig sein so klug,
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Wenn ich mag Christum sehen
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Und alle Sachen kan genug
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Dem Grunde nach verstehen!
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Wie wol wird mir denn für und für
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In Gottes Reich geschehen!
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Wie trefflich wird der Freiheit Schatz
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Nach dieser Knechtschaft prangen!
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Drum trag ich auch nach diesem Platz'
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Ein sehnliches Verlangen,
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Ach wär' ich nur des Lebens Uhr
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Einst völlig durchgegangen!
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Wie wird mir dort die werte Schar
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Der Engel und der Frommen
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Mein Herz ergetzen immerdar,
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Wenn ich bin aufgenommen!
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Möcht' ich nur bald, mein Aufenthalt,
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Herr Jesu, zu dir kommen!
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Mein Gott, wie werd' ich jauchzen dort,
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Wie werd' ich mich erquicken,
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Wenn ich an deinem schönsten Ort
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Dich selber werd' erblicken!
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Ich wil mit Lust an meine Brust
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Dich, o mein Heiland, drücken.
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Ich wil nach dieser kurzen Zeit
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Dich unaufhörlich preisen,
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Du heilige Dreifaltigkeit,
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Und deinen Knecht mich weisen;
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Du wirst ja mich auch ewiglich
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Mit Freud' und Wonne speisen.
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Hinfort, o Welt, kenn' ich dich nicht,
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Ich weiß ein ander Leben:
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Dem Himmel wil ich meine Pflicht
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Nun ganz für eigen geben,
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Der wird geschwind mich armes Kind
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Zur Herlichkeit erheben.
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Kom denn, o hocherwünschter Tag,
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Mich herzlich zu befreien,
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Kom, liebstes Stündlein, das mich mag
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Zum Himmelsfürsten weihen.
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Kom bald heran, damit ich kan
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Dein ewigs Lob ausschreien.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Rist
(16071667)

* 08.03.1607 in Hamburg, † 31.08.1667 in Wedel

männlich, geb. Rist

deutscher Dichter und lutherischer Prediger

(Aus: Wikidata.org)

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