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Neaera Mann war über Land
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Von seinem Herren ausgesandt,
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Daß er ein' angelegne Sach'
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An fremden Orten richten mag,
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Und wann er die gerichtet aus,
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Alsdenn bald wiedrum käm' zu Haus
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Und meld es seinem Fürsten an,
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Was er gelassen und gethan.
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Indem erhört man ein Gerücht',
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Als ob er nunmehr lebe nicht;
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Er sei ohnlängst bei finstrer Nacht
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Im Wald erwürgt und umgebracht
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Und läg' jetzt mitten in dem Pfad,
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Zwölf ganzer Meilen von der Stadt,
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In Regen, Hitz' und Sonnenschein;
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Man solt' ihn schleunigst holen ein.
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Ein ander sagt, es wär nicht wahr;
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Herr Appius lebt' ohn Gefahr,
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Ja sei auch noch verletzet nicht;
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Es sei nur Lügen und Gedicht,
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Was man von dieser Unglücksnacht
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Aus Scherz hab' auf die Bahn gebracht.
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So rief der ein', es wär geschehn,
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Ein ander wolt' es nicht gestehn;
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Doch war der Immenschwätzer Zahl
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Viel größer noch, die allzumal
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Bezeugten fast mit Hand und Mund,
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Daß Appius noch wär' gesund
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Und wüste gar von keiner Pein;
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Er würde bald zugegen sein.
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Als dieß sein junges Weib vernahm
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Und auf den Markt gelaufen kam,
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Hilf Gott, wie rief das liebe Kind!
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Sie warf die Hauben gar geschwind
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Vom Kopf herab und riß ihr Haar,
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So daß es zum Erbarmen war.
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Sie schrie: »Ach weh, ich armes Weib!
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Mein Schatz, wo find' ich deinen Leib?
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O Appius, mein liebster Mann,
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Ach weh', ach weh', was fang' ich an?
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Sag' an, mein Schatz, wie weit von hier
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Hat dich der Tod entzogen mir?
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Sag' an, bekenn' es ohne Scheu,
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Ob auch noch Leben in dir sei;
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Wo nicht, so hol' mich Arme nach.
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Wie kan ich solches Ungemach
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Erdulden, o mein Appius,
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Daß ohne dich ich leben muß?
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Ein finstres Grab ist mein Begehr.
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O süßer Tod, kom' eiligst her
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Und würge mich von Stunden an,
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Weil ich nicht länger leben kan.«
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So schrie das Weib; ihr Leid war groß;
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Manch tausend Thränen sie vergoß,
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Ja wrang die Händ' und schlug die Brust,
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Daß es die Stein' erbarmen must'.
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Und ob gleich viel' ihr schrien zu,
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Daß sie doch stünd' in guter Ruh',
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Es hätte nicht so große Not,
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Ihr Appius wär' nimmer tot,
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So half es alles nicht ein Haar.
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Neaera rief noch immerdar,
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Ja heulte so erschrecklich sehr,
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Als ob sie nicht bei Sinnen wär,
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Bis daß man endlich ihren Mann,
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Der gleichwol tot war, bracht' heran.
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Ganz blutig lag er ohne Sark.
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Und wie er nun kam auf den Markt,
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Da schwieg das Weib und gieng zu Haus,
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Ihr Leid und Klagen das war aus;
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Sie ließ hinfort kein Seufzerlein,
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Ein andre möchte traurig sein;
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Sie aß und trank mit solchem Mut,
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Als mancher kaum zur Hochzeit thut;
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Recht frölich war ihr Angesicht;
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Bei ihr war mehr kein Trauren nicht,
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Nur Scherzen und Spazierengehn,
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Den ganzen Tag im Fenster stehn,
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Bei guten Freunden frölich sein,
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Das war ihr' Arbeit ganz allein.
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Dieß wunderte manch frommes Kind,
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Wie sich das Weiblein so geschwind'
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Aus so gar großer Traurigkeit
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Doch schicken könt in solche Freud',
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Und war doch gleichwol keiner nicht,
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Der forschen dorft' aus ihr Bericht,
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Weil Frau Neaera nicht nur zart,
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Auch reich und wert gehalten ward,
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Bis endlich ihre Muhme kam
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Und sie zu fragen unternahm,
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Was dieß doch vor ein Handel wär,
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Daß sie zuvor so mächtig sehr
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Getrauret, da sie doch nicht gar
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Und eigentlich berichtet war
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Von ihres liebsten Mannes Tod;
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Jetzt aber, da sie selbst die Not
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Mit Augen leider angesehn,
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So wär' es um ihr Leid geschehn;
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Sie säng' und sprüng', es wär' behend'
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Ihr Trauren schon vorlängst zum End';
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Ein solcher Wechsel der käm' ihr
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Und vielen fremd und seltzam für;
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Sie möchte doch zu dieser Stund'
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Ihr allen Handel machen kund.
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»ja«, sprach sie, »Muhme, weiß sie nicht,
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Wie mit den Weibern oft geschicht?
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Als ich vernahm die neue Mär',
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Wie daß mein Mann erschlagen wär',
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Und bald ein ander kam und sprach,
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Es wäre nichts noch an der Sach',
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Ei wol, da war es Weinens Zeit,
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Da klagt' ich nur der Wäscher Streit;
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Denn einer sprach, mein Mann wär' hin;
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Der andre schlug mirs aus dem Sinn.
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Und weil sein Tod war mein Begehr,
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So ward mir angst, drum schrie ich sehr;
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So lang' ich noch im Zweifel stund,
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Beklagte sich mein bleicher Mund;
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Ich muste sorgen früh und spät,
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Daß er vielleicht noch leben thät;
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Drum schrie ich, bis der Leichnam kam
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Und ich den rechten Grund vernahm.
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Da ward' ich heimlich froh und still',
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Erfüllet war mein Wunsch und Will';
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Ich kam aus aller Angst und Not
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In schnelle Lust, denn er war tot.
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Jetzt bin ich nun mein eigen Herr;
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Was wolt' ich doch begehren mehr?
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Nun, Lob sei Gott, mein Leid ist hin,
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Dieweil ich frei und ledig bin!«
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So sprach das Weib. O leichtes Thier!
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O falsches Herz, das für und für
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Den Raben solt' ein Futter sein,
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Geh, schäme dich ins Herz hinein!
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Ist das wol Lieb, ist das wol Treu?
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Ich muß mein Urteil sagen frei:
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Wenn dieß wär' aller Weiber Sinn,
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Man ließ' sie stündlich fahren hin
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Mit Leib und Gut ins finstre Grab,
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So käm' der Mann der Marter ab
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Und würde von dem Thier erlost.
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Doch ist dieß frommer Männer Trost,
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Daß sie nicht sein all' einer Haar,
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Wiewol das Sprichwort bleibt mir wahr,
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Das nicht so neu erfunden ist:
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Was geht doch über Weiberlist?