1
Kaum gläub' ich, daß auf dieser Erd'
2
Ein höher Lob gegeben werd'
3
An allem Ort' und Enden,
4
Als denen, die mit Hand und Mund
5
Des Himmels Gaben machen kund,
6
Ja Lehr' und Tugend senden
7
In manches Herz, das dieser Zeit
8
Sich sondert von der Eitelkeit.
9
Poeten mein' ich, werter Freund,
10
Poeten, welchen niemand feind
11
Als Leute, die nichts wißen;
12
Die nur sind Schlaven dieser Welt,
13
Ja Tag und Nacht das bloße Geld
14
Zu samlen sind geflißen.
15
Bei solchem Stank und Lasterschaum
16
Hat selten ein Poete Raum.
17
Ein edler Geist, der höher zielt,
18
Ein Geist, der Feur und Himmel fühlt,
20
Der hochgelahrten Tichter Schar,
21
Von welchen nimmermehr fürwahr
22
Ein Frommer wird betrogen;
23
Da samlet sich zu ieder Frist
24
Was hungrig nach der Weisheit ist.
25
Wenn lobet Gott ein reiner Mund,
26
Wer ehret ihn aus Herzengrund?
27
Ich mein', es thun Poeten.
28
Wer rühmet Gottes Wunderthat,
29
Im Fall er ihn erlöset hat
30
Aus großer Angst und Nöten?
31
Wer singet Gott ein Liedelein?
32
Ich sage, daß es Tichter sein.
33
Wer wüste von den Helden doch
34
Ein einzigs Wort zu sagen noch,
35
Welch' Ilium bezwungen,
36
Wenn der Poeten Haubt und Licht,
37
Homerus, ihre Thaten nicht
38
Der Nachwelt vorgesungen?
39
Ein hochbegabter Tichter schreibt
40
Ein Werk, das nach dem Tode bleibt.
41
Poeten können Herz und Sinn
42
Durch ihre Kunst zum Trauren hin,
43
Wenn sie nur wollen, bringen;
44
Sie können wiedrum schweres Leid
45
Verkehren bald in lauter Freud'
46
Und solches durch ihr Singen.
47
Was Menschen Augen je gesehn,
48
Muß ihnen schnell zu Dienste stehn.
49
Dafern nur ein Poete wil,
50
So steht der Himmel nimmer stil,
51
Die Sterne müssen tanzen;
52
Es springen auch die Stein' herfür,
53
Da hüpfen Wälder, Berg' und Thier',
54
Es zittern Wäll' und Schanzen;
55
Ja, was die schwarze Nacht bedeckt,
56
Wird durch Poeten aufgeweckt.
57
Herr Klaius, tretet doch herbei,
58
Durchleset dieß und saget frei,
59
Ob ich die Wahrheit schreibe?
60
Das weiß ich, daß kein Biedermann,
61
Was ich hier singe, strafen kan,
62
Wenn ich nur kühnlich bleibe
63
Bei dem allein, was Ihr gemacht,
64
Worüber Erd' und Himmel lacht.
65
Ihr, werter Tichter, und der Held,
66
Herr Harstorff, den die große Welt
67
Vor tausend andre preiset,
68
Ihr beide singet dergestalt,
69
Daß Ihr, was ich geschrieben, bald
70
Mit Hand und Mund' erweiset;
71
Drum seid Ihr, Lichter dieser Zeit,
72
Gesichert vor der Sterblichkeit.