Schlechtes Büchlein, wilt du reisen

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Johann Rist: Schlechtes Büchlein, wilt du reisen Titel entspricht 1. Vers(1637)

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Schlechtes Büchlein, wilt du reisen
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Nunmehr in die große Welt,
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Da die Sachen schlecht bestellt,
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Wo man dich mit Schmach wird speisen,
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Ja dir sauren Lästerwein
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Aller Oerter schenken ein?
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Weißt du nicht, der dich geschrieben,
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Daß er hat der Kläffer viel,
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Welcher Gott verhaßtes Ziel
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Dieses ist, ihn zu betrüben?
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Bleibe, Büchlein, wo du bist,
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Weil dein Herr noch frölich ist.
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Ach, du bist ja schlecht bekleidet,
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Schlecht von Worten, schlecht von Kunst;
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Gleichwol hoffest du noch Gunst,
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Da doch manches wird beneidet,
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Das ein solcher Geist gemacht,
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Der sich trefflich hoch gebracht.
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Nein, da leben ander' Helden,
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Und der edlen Tichter mehr,
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Reich von Kunst und groß von Ehr'.
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Etlich' hat der Tod gerißen
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In ein fest verschloßnes Grab;
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Er nahm bei sich selber ab,
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Daß ihr gar zu großes Wißen
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Sie noch würd in dieser Zeit
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Schützen vor der Sterblichkeit.
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Muste gar zu früh davon;
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Und der Grobheit Untertreter,
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Ein so junger frischer Held,
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Ließ ja gar zu schnell die Welt.
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Zwar sie schlafen nach dem Leibe,
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Wachen aber nach der Kunst;
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Möglich ist es nicht ümsunst,
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Was auch ich zu Zeiten schreibe:
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Nach dem Tode lebt man noch.
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Drum, mein Büchlein, gehe doch.
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Gehe, weil du ja wilt gehen;
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Glaube mir, daß mancher Geist,
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Der nicht alles Thorheit heißt,
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Dich mit Freuden wird ansehen,
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Ja dich ehren ohne List,
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Mehr auch als du würdig bist.
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Sage nur den Hochgelahrten,
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Unsern Teutschen teutsch und frei,
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Daß ich stets ihr Diener sei,
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Der in Demut woll' abwarten
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Ihre Meinung und Bericht,
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Ob du taugest, oder nicht.
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Werden sie dich nützlich nennen,
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Hast du schon erreicht dein Ziel;
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Halten sie das Widerspiel,
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Wahrlich, Buch, so must du brennen;
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Denn der klugen Seelen Schrei'n
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Soll und muß dein Richter sein.
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Wird dich aber einer tadlen,
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Der doch selber weinig weiß,
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Diesem sag', er soll' mit Fleiß
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Seine scharfe Lästernadlen
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Stecken in sein falsches Herz.
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Solches bringt dem Neider Schmerz.
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Sprich: »Was hast du mirs zu sagen?
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Bin ich selber doch nicht mein;
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Sol ich aber strafbar sein,
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Magst du meinen Herren fragen.
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Lebt der nur, so wird er dich
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Finden und wol schützen mich.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Rist
(16071667)

* 08.03.1607 in Hamburg, † 31.08.1667 in Wedel

männlich, geb. Rist

deutscher Dichter und lutherischer Prediger

(Aus: Wikidata.org)

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