Wer wird, o Vaterland, wer wird dir doch vermelden

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Johann Rist: Wer wird, o Vaterland, wer wird dir doch vermelden Titel entspricht 1. Vers(1637)

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Wer wird, o Vaterland, wer wird dir doch vermelden
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Die Thaten ohne Zahl des hochberühmten Helden,
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Der voller Mut und Treu aus Schweden zu dir kam
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Und, wie ein Vater thut, sich deiner Not annahm?
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Wer wird den klugen Sinn doch klug genug beschreiben,
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Die Reden mein' ich, die in tausend Büchern bleiben
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Der Ewigkeit zu Trotz? Es sol die lange Nacht
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Doch nie verdunkeln, was, du Held, hast vorgebracht.
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Du warest ja, nicht nur den Krieg allein zu führen,
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Geschicket und bereit, du wußtest auch zu zieren
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Die Sprachen durch die Kunst, dir stund das Reden an,
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Als hätt' es Cicero und der Muret gethan.
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Ein Teutscher hat dich oft mit Freuden angehöret,
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Wie du sein Vaterland durch seine Sprach' verehret
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Im Lenzen deiner Zeit, teutsch, redlich, ohne List,
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So daß kein teutsches Herz', o König, dein vergißt.
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Das große Nürenberg, wie war es doch vol Freuden,
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Als es nach mancher Not und ausgestandnen Leiden
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Dich, Held, zum ersten Mal vor seiner Pfort' empfieng,
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Da gleich dein mutigs Volk zum Feind' in Bayern gieng!
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Die Fama macht' es kund, der König wär' fürhanden,
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Der großen Stadt zum Trost, der Feinde Macht zu Schanden;
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Der König, der sich längst der kugelrunden Welt
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Durch hohe Tapferkeit zum Wunder vorgestellt.
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So bald dieß Nürenberg, die edle Stadt, vernommen,
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Wie daß der Helden Kron' zu ihnen würde kommen
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Und reiten in die Stadt, da hat man sich mit Macht
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Gerüstet und in Eil' die Reuter aufgebracht.
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Nicht Reuter, wie man jetzt aus Bauren pflegt zu machen,
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Die grob und tölpisch sein, da mancher was zu lachen
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Und zu verspotten hat, nein Nürenberg ist wert,
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Daß sie von Königen und Fürsten wird verehrt.
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Die Reuter zogen auf, sehr herrisch ohn' Gelächter,
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Doch prächtig angethan. Erst kamen die Geschlechter,
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Hernach die Bürgerschaft, zuletzt der ganze Rat,
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Der kniend unsern Held Gustav empfangen hat.
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Sie führten ihn hinein durch so viel schöner Gassen,
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Gezieret überall, besetzet bestermaßen
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Mit wolstafiertem Volk; es rief die ganze Schar:
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»glück zu, Gustavus, Glück, Glück sei dir immerdar!
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O neuer Josua, o Held von Gott gegeben,
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Der Höchste sei dein Schutz, der friste dir dein Leben,
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Das unsers noch erhält; glückselig sei der Tag,
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Der Tag, da Nürenberg dich frölich schauen mag!«
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So rief das freie Volk. Ja vielen Stadtgenossen
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Ist drauf ein Zährenbach die Wangen ab geflossen,
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Als sie das tapfre Thun, die Sitten, Wort und Gehn
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Der trefflichen Person erstarret angesehn.
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»wie solts doch müglich sein,« sprach der, »daß solche Gaben
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Ein Mensch, der sterblich ist, könt ohn' die Gottheit haben?«
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Und jenner rief: »Fürwahr, ich sag es ohne Spott,
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Halb ist er nur ein Mensch, halb ist er wie ein Gott.
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Der Himmel hat ihm selbst die Herschaft hie auf Erden
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Gutwillig zugestellt, die prächtige Geberden,
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Mit Freundlichkeit vermischt, dieß zeiget uns ja frei,
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Daß dieses Häubt der Welt auch kaum einst sterblich sei.«
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Bald ließ der weise Rat viel schöner Gaben bringen
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Von Habern, Fischen, Wein und mehr dergleichen Dingen,
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Die man nach altem Brauch verehret, wenn die Stadt
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Ein hochgebornes Häubt zum Gast bekommen hat.
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Noch wurden zum Geschenk mit Pauken und Posaunen
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Ihm prächtig vorgeführt vier brausende Carthaunen
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Mit aller Zugehör, das war Gustavus Lust,
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Wie denen, so für ihn gestritten, ist bewust.
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Noch hatt' er nicht genug, er muß auch das noch wissen,
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Wie Nürenberg so hoch der Künste sich beflissen,
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Da man zur Gab' ihm bracht zwo großer Kugeln für,
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Von Silber ausgemacht, woran die höchste Zier
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War diese, daß man sie ganz künstlich ausgegraben,
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Denn auf dem einen stund des Himmels Lauf erhaben,
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Der ander deutet' an der runden Erden Kloß;
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Sie waren beide schön, vergüldet, theur und groß.
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Dieß war noch merkenswert: sie hatten ihre Decken,
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Doch künstlich ausgehölt, im Fall man wolte schmecken
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Lyäus süßen Saft im königlichen Sal,
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So funden sich zugleich zwo Kugeln, zwo Pokal.
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Herr Führer war bestellt, die Gaben einzubringen,
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Er bat den König sehr, daß er vor allen Dingen
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Die ihm getreue Stadt ließ anbefohlen sein,
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Als die, nächst Gott, auf ihn nur hoffen thät allein.
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Der König nahm es an, und zwar mit großen Gnaden:
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»der Gaben sind zu viel, damit ihr mich beladen«,
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Sprach er aus Höflichkeit, »doch könt ihr diese Zeit
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Mir liebers schenken nicht als teutsche Redlichkeit.
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O lasset euch mit mir die Not sein angelegen,
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Die Not, so alle trifft, die unser Feind erregen,
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Daß sie in ihrem Grimm mit Morden, Raub und Brand
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Verheeren jämmerlich das werte Vaterland.
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O lasset euch nicht Geiz, noch Lust, noch Haß verführen!
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O lasset unsern Feind kein Schrecken an euch spüren,
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Er poche, trotze, wüt' und was er immer kan,
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Ei, rennet ihr mit mir zu unserm Gott hinan!
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Der Feind wird keine Kunst noch Arbeit unterlassen,
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Mit unerhörter List, mit Schrecken, Dräuen, Hassen
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Zu trennen euch von mir, euch, die ihr alle Macht
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Vor Gottes Ehr' und Lehr' zu wagen seid bedacht.
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Es ist ja offenbar, wie stark sie sich verbunden,
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Die sich, das teutsche Reich zu tilgen, unterwunden;
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Jetzt suchen sie zwar Fried', ach, wie ein falscher Schein!
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Ja, Frieden mein' ich, der euch sol ein Henker sein.
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Gott hat ja diese Stadt gleich selber auferbauet
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Und euch und eurem Schutz so manche Seel' vertrauet.
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Nun sind viel schöner Städt', und zwar durchs teutsche Land
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So wol als anderswo, mir ziemlich wol bekant,
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Noch wüst' ich keine fast, die besser mir gefallen
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Hätt' als eur Nürenberg, die preis' ich noch ob allen;
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Ja, sie behält die Kron, darum bedenkt es wol,
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Wie man so großes Volk also regieren sol,
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Damit ihr dermaleinst, wann ihr dies eitle Leben
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Beschlossen, gute Red' und Antwort könnet geben
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Dem Richter, der sich nicht mit Gaben blenden läßt.
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Drum haltet ja am Wort und am Gewissen fest.
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Ihr seid fast allzumal aus altem Stamm entsprossen,
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Ihr seid Geschlechter ja, der Ehr' habt ihr genossen,
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Der Ehr' und hohen Ruhms, den euch der Alten Fleiß
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Erworben hat: wolan, vermehret diesen Preis!
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Wo Phoebus Fackel steht, wo die Planeten stralen
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Und samt des Monden Schein die See und Flüsse malen,
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Wo Feur und Wasser ist, wo man die Luft begehrt,
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Da wird eur Nürenberg gehalten lieb und wert.
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Ei, folgt der Väter Bahn und lasset dies der Alten
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Erworbnes hohes Lob bei euch ja nicht erkalten!
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Thut was euch müglich ist, seid herzhaft, haltet an,
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Bedenket, wie die Zeit viel Unglück ändern kan!
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Gott lasse ja dem Feind die Sache nicht gelingen,
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Der alles schleifen würd', im Fall er euch bezwingen
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Und unterwerfen solt'. O, weh der guten Stadt,
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Die schon so manche Not und Angst erlitten hat!
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Das war der Sünden Schuld, die täglich in uns wütet,
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Der folgt das Kreuze nach; doch hat euch Gott behütet,
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Indem er eurem Feind erblendet sein Gesicht,
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Daß er die großen Städt' im Reich erobert nicht.
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Wie hätt' er doch gekönt so leicht sie alle trennen,
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Ja, zwingen mit Gewalt; doch Blindheit ists zu nennen,
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Die Schanz' also versehn. Seht, dieß kan unser Gott;
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So werden seine Feind und all ihr Thun zu Spott.
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Nun, das kan unser Gott, der euch auch hat beschützet,
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Der sieget, wann die Welt vor Grimm gleich Flammen sprützet,
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Drum heißt er wunderbar; ich hätts ja nie gedacht,
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Daß mich sein Krieg und Sieg gen Nürenberg gebracht.
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Dieß ist ein schlechtes Werk. Denn, wie mich hat bewogen
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Der Teutschen höchste Not, da bin ich ausgezogen
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Aus meinem großen Reich und hab in kurzer Zeit,
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Verlassen Scepter, Kron, Land, Ruh und arme Leut'.
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O, wie manch tapfres Herz hat alles wollen wagen,
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Ja, mit mir Gut und Blut schlecht in die Schanze schlagen,
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Damit das reine Wort, der edle Seelenschatz,
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Die Freiheit noch darzu, behielten Raum und Platz.
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Nur war es mir um euch, ich hätte ja mein Leben
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Der Ruh und Sicherheit auch wol gekont ergeben
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Wie andre, da ich nun wie sonst ein schlechter Mann,
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Stets schwebend in Gefahr, den Harnisch angethan.
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Viel zwar ist vollenbracht; ein mehres muß geschehen;
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Doch wo der Teutschen Macht wird treulich bei mir stehen
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Und streiten neben mir, wolan, es sei gewagt,
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Ein königliches Herz hält, was es zugesagt.
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So lasset meine Wort euch Sinn und Mut bewegen,
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Ja, lasset diese Red' auch stete Treu erregen
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In eurem tapfern Geist; ei, sprecht auch andren zu,
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Damit eur Vaterland komm' endlich einst zur Ruh.
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Hie ist kein Zweifel zwar, ob soltet ihr nicht streben
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Nach Freiheit, Ehr' und Gut; man muß die Sporen geben
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Dennoch dem schnellen Pferd, im Fall es in der Eil'
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Das Ziel erreichen soll. Hieran besteht eur Heil,
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Daß ihr mit gleichem Sinn und Mut zusammensetzet,
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Es wird durch Einigkeit der Fremden Macht verletzet
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Und eigner Nutz bewahrt; denn wo man einig kriegt,
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Jedoch in Gottes Schutz, da hat man obgesiegt.
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Behaltet diese Red', ihr werdet solche Lehren
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Von mir nicht manchen Tag noch alle Stunden hören.
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Ich bin ein Priester jetzt, vom Höchsten abgesant,
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Daß ich euch rühren sol Herz, Leben und Verstand.
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Erduldet etwas noch, bis Gott durch meine Waffen
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Dem Vaterland' und euch wird festen Frieden schaffen;
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Bedenket, wie euch Gott auch bis auf diese Zeit
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So wol beschützet hat, daß sich die Grausamkeit
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Des bittern Feindes noch nicht über euch erstrecket.
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Nun hat der Höchste mich durch seinen Geist erwecket,
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Zu führen eure Sach'; ei, thut was euch gebührt,
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Es wird des Herren und nicht unser Krieg geführt.
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Im Fall ihr nun bei Gott und mir beständig bleibet,
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So ist kein Rauch so stark, der euren Glanz vertreibet
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Der nimmergrauen Ehr', es wird in manchem Land
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Eur unvergänglichs Lob der Tugend sein bekant.
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Der Herr ist unser Schutz, der wird uns Hülf' erweisen,
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Wann Menschenhülf' ist aus; ihn wollen wir auch preisen
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In aller Angst und Not, ja mitten in dem Streit,
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Und wenn die Not vorbei, dort in der Ewigkeit.«
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Dieß war des Königs Schluß. O Held, vom Himmel kommen,
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Ists Wunder, daß du so viel Länder eingenommen
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Durch Tapferkeit der Faust, da deiner Reden Kraft
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Hat vielmals größern Nutz als Spieß und Schwert geschafft?
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O wertes Nürenberg, du hast es angehöret,
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Du hast auch in der Not beständiglich verehret
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Den vielbegehrten Gast, dann muß dein Lob vergehn,
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Wenn weder Berg noch Baum in Franken mehr wird stehn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Rist
(16071667)

* 08.03.1607 in Hamburg, † 31.08.1667 in Wedel

männlich, geb. Rist

deutscher Dichter und lutherischer Prediger

(Aus: Wikidata.org)

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