Magdeburg

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Johann Rist: Magdeburg (1637)

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Schweig nur, Homerus, schweig und laß dein Troja fahren,
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Du kanst dein Klagen jetzt im Schreiben wol ersparen,
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Daß Ilion im Feur, jedoch durch Trug und List
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(versteh das große Pferd), so gar zerstöret ist.
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Hie ist ein' andre Stadt, hie sind auch andre Feinde,
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Ja Feinde, die man noch muß ehren wie die Freunde.
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Hier wird Parthenope, die allerschönste Magd,
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Die Helena beschämt, geschändet und geplagt,
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Zuletzt gar umgebracht. Hie gilt nicht Paris Rauben;
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Man greift einander hie viel härter auf die Hauben,
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Als dazumal geschah; hie gilt kein Hektor nicht,
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Kein Herz, kein tapfrer Mut, kein freudig Angesicht;
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Wer hie wil trefflich sein, der muß tyrannisieren,
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Der muß der Laster Schaar im Mund und Herzen führen,
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Ja, toben grimmiglich mit Morden, Raub und Brand;
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Wer solches nun wol kan, wird aller Welt bekant.
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Das ist, o Magdeburg, damals an dir erwiesen,
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Als Tilli kam heran mit seinen starken Riesen,
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So wie die Titanes ehmals des Himmels Schloß
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Zu stürmen meineten mit Bergen und Geschoß.
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Der Held aus Mitternacht war eben auf der Straßen,
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Als sich der alte Greis hat ehlich eingelassen
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Mit dieser schönen Magd, und suchte dieß allein,
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Daß ja sein Hochzeittag möcht' allzu blutig sein;
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Drum eilt er heftig sehr, das schnöde Fest zu enden,
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Eh' durch Gustavus Glück das Blatt sich thäte wenden,
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Und ihm das Jungfreulein durch Treu und Tapferkeit
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Würd' etwa ritterlich gerissen von der Seit.
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Er und sein Pappenheim, die thaten sich bemühen,
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Der guten Stadt ihr Heil und Leben zu entziehen,
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Und das so grausamlich, daß sie den heißen Mut
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Zu kühlen wünscheten im jungfreulichen Blut.
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Sie gaben schöne Wort, jedoch aus falschem Herzen,
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Und thaten unterdeß mit Schwert und Flammen scherzen,
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Bis sie die liebe Magd, die solches nie gedacht
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In großer Sicherheit, zum schweren Fall gebracht.
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Nun, dieser Wunsch gelang. Ach, daß ichs muß gedenken!
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Es that sich allgemach mit dieser Nymphen lenken
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Zum Tod und Untergang. Es war die gute Stadt
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Ihr selber nicht getreu; es mangelt ihr an Rat,
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Witz, Klugheit und Vernunft. Man hatte viel versehen,
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Da sonst der ganz Krieg ehmals pflag beizustehen.
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Das war nun viel zu spät. Es nahm ein Jeder wahr
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Sich selber und sein Gut, verlachte die Gefahr,
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Die Allen war so nah. Es muß sich Alles schicken,
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Wann uns die schwere Not von oben her sol drücken
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Und reißen grimmig hin durch kriegerisch Gewalt,
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Auch fast im Augenblick, Reich, Arme, Jung und Alt.
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O Stolz und Uebermut, wie viel habt ihr verdorben!
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O Geiz und Sicherheit, durch euch ist ja erstorben
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Die weit berühmte Magd; ihr Städte, nehmts in Acht:
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Sie ist durch Eigennutz in Not und Tod gebracht.
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Es war fast um die Zeit, daß Phoebus seinen Wagen
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Hieß wiedrum gehn hervor und ließ den Himmel tagen,
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Damals brach an die Stund' und das betrübte Licht,
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Die dir, o schönste Stadt, dein lieblichs Angesicht
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So sehr verwüstet hat; da war es anzusehen,
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Als wenn der starke Feind gedacht' hinweg zu gehen,
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Hielt auch mit Schießen auf, drum war die Stadt in Ruh'
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Und gieng in Sicherheit fein stil dem Grabe zu.
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Der Held
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Geritten in die Stadt, weil Tilli lassen fragen,
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Ob er die Thore nicht zu öffnen wär' bedacht?
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Die Bürger giengen heim, die sonst die ganze Nacht
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Gestanden auf der Hut; die auf den Wällen blieben,
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Die waren müd' und matt, bis daß es war um sieben,
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Da gieng das Stürmen an, sie fielen an mit Macht
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Und schossen grausamlich, daß Berg und Thal erkracht'.
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Die Stadt war Lärmens vol, so bald sie nur vernahmen
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Die Feinde, so den Wall hinan gestiegen kamen
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In einer schnellen Frist, da that der Bürger Schar
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Sich samlen in der Eil' und was fürhanden war
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Von Knechten hie und da. Man ließ zu Sturme schlagen
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Und, was nur dienlich war, zur Wehr zusammentragen,
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Doch leider viel zu spät! Das Fechten war umsunst,
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Hie half kein Schießen mehr, kein Schwert, Macht, Witz noch Kunst.
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Denn wie die tapfren Knecht und Bürger ohnverdrossen
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Dem Feinde widerstehn, wird Falkenberg erschossen,
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Der theure werte Held, von welches großem Mut
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Man rühmen wird so lang die Zeit sich ändren thut.
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Drauf weichen sie zurück, indem der Wall erstiegen
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Und man viel Todte sah um ihre Graben ligen
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Von denen, die sich zwar als tapfre Teutsche noch
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Gewehret und verflucht das schwer Maranen Joch.
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Da fällt der Feind herein und öffnet schnell die Pforten
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Der großen Räuberschar, die drauf von allen Orten
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Sich drang zur Stadt hinein, vermeinend, daß hie frei
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Mehr denn sechs Königreich' hinweg zu rauben sei.
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Wie nun dieß grausam Volk der Wahlen und Croaten
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Nach Gottes Willen ist in Magdeburg geraten,
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Da gieng solch' eine Not und bittrer Jammer an,
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Die auch kein Cicero zur Gnüg' erzählen kan.
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Was hilfts, ich sag' es frei, es ist nicht auszusprechen
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Der Feinde Grausamkeit, das Herze wil mir brechen,
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Wenn ich daran gedenk, ich schreib es kümmerlich,
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Mein Angesicht verbleicht, die Thränen netzen mich;
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Denn hie wird Christenblut wie Wasser ausgegossen,
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Hie ist zu würgen auch fast keiner nicht verdrossen,
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Hie ligt ein tapfrer Mann, hie Weib, hie Kind, hie Knecht,
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Hie Bürger, hie Soldat, hie gilt kein Ehr' noch Recht.
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Die Feind' erfreuen sich, in Menschenblut zu baden,
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Sie nehmen kümmerlich die Kinderlein zu Gnaden,
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Sie morden Jung und Alt, sie rauben Alles hin
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Und schänden was kaum lebt, aus übermachtem Sinn.
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Indessen wird getobt mit Stücken und Musketen,
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Es werden Groß und Klein ermordet und zertreten;
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Hie stürzet Roß und Mann, hie heulet Weib und Kind,
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Hie schlachtet man den Wirt mit allem Hausgesind.
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Ach, es ist gar zu viel! Theils Kinderlein, die ligen
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Und seufzen nach der Milch in blutgefärbten Wiegen,
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Die Mütterlein sind tot, gestrecket in den Sand,
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Und halten theils noch fest ihr allerliebstes Pfand,
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Das sie vor kurzer Zeit mit Schmerzen erst geboren;
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Der Ehwirt hat sein Weib, die Frau den Mann verloren;
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Hie würget man den Knecht, dort schändet man die Magd;
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Ja, die getödtet ist, wird auf das neu geplagt.
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Hierunter läßt der Feind die hellen Pauken rühren
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Und allen Raub zum Thor hinaus ins Lager führen,
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Den Raub, den er mit Macht gestolen, mehr mit List,
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Und der von Menschenblut umher besudelt ist.
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Was mehr? Man sieht sie auch der Kirchen nicht verschonen,
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In welchen ja noch Zucht und Tugend solte wonen;
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Sie dringen grimmiglich zu denen auch hinein,
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Die sonst im höchsten Chor vermeinten frei zu sein,
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Sie lösen ihnen ab die Häubter von den Leibern;
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Dieß ist fürwahr geschehn an mehr denn fünfzig Weibern,
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Die, wie ein' Lämmerherd', mit ihren Kinderlein
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Recht unter dem Gebet grausam erwürget sein.
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Als nun die liebe Zeit mit Mord in allen Ständen,
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Mit Rauben Geld und Gut, mit geilem Weiberschänden,
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Mit Schlachten Jung und Alt so grausam zugebracht,
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Da brennet es und geht das Sengen an mit Macht.
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Das frißt nun eilig fort, bis daß die Häuser krachen
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Und stürzen unter sich mit so viel schönen Sachen
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Durch Kraft der starken Glut recht mitten in den Kot,
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Der nun mit Menschenblut gemalet ist ganz rot.
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Das Feur nimt überhand und steiget in die Höhe
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So, daß man ferne sieht die Magdeburger Löhe,
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Dadurch die schöne Stadt in einer kurzen Frist
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Zur Staub- und Aschenburg, oh weh! geworden ist.
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Die Flamme frißt das Blut, die Menschen und die Zinnen.
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Es weiß nun keiner mehr, wie er es sol beginnen,
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Daß er sein Leben rett', es ist doch Raub und Mord,
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Feur, Hitze, Rauch und Dampf an allem End und Ort.
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Die Spitzen neigen sich recht mitten in den Flammen
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Und fallen aus der Höh' auf Haufen jetzt zusammen;
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Die Glocken brausen sehr, wann sie das Feur erreicht,
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Dadurch denn ihr Metall von ihnen mählig schleicht.
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Die Kirchen zittren schon, es wacklen ihre Seulen,
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Man hört sehr jämmerlich die schönen Orglen heulen;
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In Summa, alles fällt zertrümmert und zubricht,
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Das grimmig Element verschonet keines nicht,
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Bis daß die schöne Stadt, samt Kirchen und Palästen,
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So gar zerstöret ist von diesen leichten Gästen.
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Nun ligt sie wüst und öd und lehret jederman,
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Wie die Gerechtigkeit vom Himmel strafen kan.
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Was wollen wir nun viel vom alten Troja sagen,
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Und, daß Carthago sei durchs Feuer zerstört, beklagen?
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Komt, schauet Mageburg, die nun so ganz und gar
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Vulcanus eigen ist, ja mehr, als Troja war.
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Was schelten wir doch viel des losen Nero Thaten,
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Als der in solchen Grimm und Wüterei geraten,
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Daß er das Haubt der Welt mutwillig hat befleckt
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Und Rom an manchem Ort' erbärmlich angesteckt?
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Hie ist ein solcher Mann, dem Nero weit muß weichen
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Wiewol er leis' und stil einhero pflag zu schleichen.
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Doch jenner und sein Volk sind Heiden nur allein,
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Und diese wollen noch sehr gute Christen sein.
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Wo hat der Sultan wol viel grausamer gewütet?
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Wann hat der Tartarn Volk jemalen das verhütet,
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Daß, die erschlagen sein durch ihres Säbels Macht,
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Hernach wie sichs geziemt nit sind ins Grab gebracht?
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Hie ward der Menschlichkeit so ganz und gar vergessen,
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Daß man die Toten auch ließ von den Hunden fressen
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Und zwar die meisten noch zur Elbe warf hinein
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Und ließ sie in der Tief' ein Schleck der Fische sein.
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Nun, Herr, du großer Gott, wir haben dieß verdienet
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Und was dein Grimm mit uns noch mehr und mehr beginnet;
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Du strafest deine Freund' auch wol in solchen Zorn
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Und wilt doch gleichwol nit, daß jemand sei verlorn.
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Ich weiß, es thut dir ja nach unserm Heil verlangen,
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Wiewol wir leider nicht von Herzen angehangen
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Den Worten und Befehl, die du der ganzen Welt
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Durch Mosen deinen Knecht zum Spiegel vorgestellt.
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Doch weißt du deine Feind' auch endlich wol zu strafen,
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Daß sie uns trotzen nicht: »Ihr Gott, ihr Gott thut schlafen«.
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Ach, Herr, du bist gerecht, dein ist allein die Rach';
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Ei, drum so stellen wir dir heim die ganze Sach'.
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Ach, Herr, streit' unsern Streit und beuge ja den Nacken
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Der Feind', auch schlage sie ganz grimmig auf die Backen,
191
So preisen wir dich stets, und bitten dieß allein:
192
Du wollest Magdeburg und uns barmherzig sein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Rist
(16071667)

* 08.03.1607 in Hamburg, † 31.08.1667 in Wedel

männlich, geb. Rist

deutscher Dichter und lutherischer Prediger

(Aus: Wikidata.org)

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