Bißher nun sey der Krieg und auch umb wessen wegen

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Martin Opitz: Bißher nun sey der Krieg und auch umb wessen wegen Titel entspricht 1. Vers(1618)

1
Bißher nun sey der Krieg und auch umb wessen wegen
2
Er unser Land betrifft; jetzt, hilfft mir Gottes Segen,
3
So wil ich weiter gehn auff dieser neuen Bahn
4
Und zeigen, wie man sich hinwider trösten kan.
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Die schöne Poesie, als die von oben kommen,
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Unnd auß dem Himmel selbst ihr erstes Quell genommen,
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Hat allzeit mir behagt. Ich trage freylich Gunst
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Von meiner Kindheit an zu dieser edlen Kunst,
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Doch gleichwol kan und wil ich nimmermehr verneinen,
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Es sey nicht gäntzlich nichts, was viel Gelehrte meynen;
11
Sie wird von manchem kaum zum besten angelegt,
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Der als ein schädlichs Gifft unnd Pest sie bey sich trägt.
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Poeten sollen mir Bericht von Weißheit geben
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Und sagen, wie ich doch in diesem armen Leben
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Die bösen Lüsten fliehn, das Creutze tragen soll,
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So sind sie Eytelkeit und falscher Meynung voll.
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Hier sitzt der grosse Fürst Achilles der Vertrauten
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In ihrer zarten Schoß, spielt eines auff der Lauten,
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Läßt Troja Troja seyn, helt diese Schlacht für gut,
20
Die ohne Todes-Angst den Feinden Abbruch thut.
21
Da fasset Jupiter sein Weib bey ihren Füssen
22
Und hänckt sie in die Lufft, deß Zornes Lust zu büssen.
23
Da steht der weise Mann Ulysses, seufftzt und klagt,
24
Er werde gar zu weit vom Vatter weg gejagt
25
Und wolte gerne heim. Da ligt der Kern der Helden
26
Ihr starcker Hercules, und fluchet, wie sie melden,
27
Auff seiner Frauen List und das vergiffte Kleid
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Durch das er sterben muß, weynt, seufftzet, heult unnd schreyt.
29
O weg mit solcher Gunst, weg, weg, mit solchen Sachen,
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So die Gemüther nur verzagt und weibisch machen,
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Die leichtlich, wie man wil, durch der Gedichte Schein
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Und eusserlichen Glantz zu überreden seyn.
33
Ich lasse dieses mal die Zuckerworte bleiben,
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Wil auf mein Teutsches hier von teutscher Tugend schreiben,
35
Von Mannheit, welche steht; wil machen offenbar
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Wie keiner unter uns in Nöthen und Gefahr,
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Die jetzt für Augen schwebt, so gäntzlich sey verlassen,
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Daß er nicht widerumb ein Hertze solle fassen,
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Es ist noch Trost genug auff dieser weiten Welt,
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Durch welchen sich ein Mann unnd Christ zufrieden stellt.
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Laßt uns zuvörderst doch erkennen und bedencken,
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Wie diß, darumb wir uns so grämen, martern, kräncken,
43
Nicht anders gehen muß; daß Gottes weiser Rath,
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Der nicht zurücke weicht, es so geordnet hat.
45
Der Gott von Ewigkeit sitzt auff deß Himmels Vesten,
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Streckt seine starcke Hand von Osten biß in Westen;
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Von seiner Weißheit Macht, die nimmer Unrecht wil,
48
Hat diese gantze Welt ihr Wesen, Lauff und Ziel.
49
Diß müssen wir gestehn: Kein Volck ist so verblendet,
50
Kein Land so gar von Zucht und Erbarkeit gewendet,
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So wild' und ungezähmt, das nicht erkennen kan,
52
Es sey was über uns, dem alles unterthan.
53
Sie müssen der Natur sich ja gefangen geben,
54
Wo daß sie Unterricht und Lehren widerstreben.
55
Wohin sie immer sehn, hoch, nidrig, nah' und weit,
56
Da ist ein Ueberweiß und Bild der Göttlichkeit.
57
Schaut jemand über sich, da geht der Sonnen Wagen,
58
Kömpt weiter nicht herab, den Monden zu verjagen
59
Von seiner kalten Bahn; hier steht der weisse Bär,
60
Helt seinen Platz vor sich, fällt nimmer in das Meer.
61
Der schöne Lucifer verkündigt uns den Morgen,
62
Und Hesperus zeigt an die Linderug der Sorgen,
63
Die Nacht sey bey der Hand, die andern Sternen auch,
64
Die Augen in der Lufft, behalten den Gebrauch
65
Nach dem sie biß jetzund von Anfang her gelauffen,
66
Gehn allzeit ihren Weg und kommen nicht zu Hauffen
67
Und werden nicht vermengt. Ihr Sitz wird nie verwand,
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Man spürt an ihnen nichts, als Ordnung und Bestand.
69
Nun, wann wir weiter auch bey uns betrachten werden
70
Der Elementen Art, Lufft, Feuer, Wasser, Erden,
71
Wie naß und trucken sich, wie kalt und warm begehn,
72
Da wird man der Natur Verbündnüß wol verstehn.
73
Auff daß wir auß der Lufft nun auch herunter steigen,
74
Wer kan den schönen Lauff der Dinge doch verschweigen?
75
Was auß der Erden wächst, lebt durch der Wurtzel Safft,
76
Ein jedes hat sein Thun, ein jedes seine Krafft.
77
Schau auch den Thieren zu, wie allesampt sich paaren,
78
Wie alle sind bedeckt mit Schuppen, Federn, Haaren;
79
Diß hat ein starckes Horn, diß einen scharffen Zahn,
80
Diß Klauen; jedes was, mit dem es fechten kan.
81
Diß kreucht, diß fleucht, diß schwimmt, diß geht auff seinen Füssen;
82
Ein jedes kan der Speis' als wie es sol, geniessen.
83
Wer dieses ohngefähr so zu zu gehen spricht,
84
Der lebet ohngefähr, hat seine Sinnen nicht.
85
Wann daß wir aber dann auch auff uns selber kommen,
86
Da können wir nicht fort, da müssen wir verstummen;
87
Deß Menschen schöner Leib, sein himmlischer Verstand
88
Der zeigt auff Gottes Macht, wie gleichsam mit der Hand.
89
Diß ist das grosse Buch der armen blinden Heyden;
90
Wir Christen haben mehr; wir können uns bescheyden
91
Von Adams Zeiten her, wir wissen auß der Schrifft,
92
Was Gott, so viel ein Mensch zwar wissen sol, betrifft.
93
Was wollen wir dann nun uns wider ihn erheben,
94
Und seiner weisen Macht Befehl und Ordnung geben?
95
Was kümmern wir uns dann? Was klagen wir dann viel,
96
Weil Gott, das höchste Gut, es also haben wil?
97
Was heisset trotzig seyn und mit dem Himmel streiten,
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Wie Mimas und sein Volck gethan vor alten Zeiten,
99
Wann dieses nicht so heißt? Es hilfft doch kein Verdruß,
100
Am besten, gerne thun, dann wer nicht wil, der muß.
101
Gott wil, sich außgesetzt, nichts lassen immer währen:
102
Es sol ein Wechsel seyn, es sol sich alles kehren;
103
Was war, was ist, was wird, hat seinen rechten Lauff,
104
Wann eines niderfällt, so geht ein anders auff.
105
Wie Fäulichkeit das Holtz, Rost Eisen pflegt zu fressen,
106
So ist sein Zweck, Maß, Tag und Stunde zugemessen
107
Dem alles, was hier ist. Ein jedes Ort und Land,
108
Ein jedes Königreich hat seinen Stillestand.
109
Die Ursach ist auch zwar in eusserlichen Wercken:
110
Wann Untreu wird erregt, wann sich die Laster stercken,
111
Wann weiser Rath gebricht, wann frembdes Volck einschleicht,
112
Wan Obrigkeit von Art der alten Rechte weicht,
113
Und was noch weiter ist; doch eygentlich zu schreiben,
114
Der erste Quell ist Gott, der thut diß alles treiben,
115
Der stellet alles an, der hat ein jedes Haar
116
Der Menschen abgezehlt, geschweige Zeit und Jahr.
117
Er dancket Fürsten ab, setzt ander an die Stelle:
118
Da hilfft nun nichts darfür, wie sehr man widerbelle,
119
Wie seltzam man auch thu, wie offt man sage: Nein,
120
Es ist der alte Lauff und wird auch noch so seyn.
121
Deß Himmels schöner Bau muß wie ein Kleyd veralten,
122
Kan seine Zierlichkeit nicht immerzu behalten,
123
Das Firmament gibt nach und unsrer Erden Kreiß
124
Nimpt ab je mehr und mehr, wird wie ein alter Greiß.
125
Hoch, nidrig, klein und groß wird alles fortgerissen,
126
Kein Regiment, kein Stand vermag sich außzuschliessen,
127
Wie prächtig er auch ist, wie häfftig er sich wehrt:
128
Die Stätte fallen umb, kein Stein bleibt unverhert.
129
Wo ist der Perser Krafft, wo ist die Macht der Griechen,
130
Wo ist doch ihr Athen, wo Sparta hin gewichen,
131
Wo manches edles Reich und altes Regiment?
132
Ach Gott, sie werden kaum in Büchern noch genennt.
133
Wo sind die Wunderwerck' in solcher Pracht gebauet,
134
Daß einem, welcher sie betrachtet, gleichsam grauet?
135
Stehn alle Pfeiler noch? Wo ist die schöne Grufft,
136
So Artemisia erhöhet in die Lufft?
137
Hat der Dianen Kirch' auch ewig mögen tauren?
138
Wo ist doch Babylon mit ihren dicken Mauren?
139
Wo ist das grosse Bild der Sonnen zu Rhodis,
140
Das seinen Daumen auch gar kaum umbklafftern ließ?
141
Wo ist der Jupiter, den Phidias gegossen?
142
Hat Cyrus noch sein Hauß? Sie sind wie Schnee verflossen,
143
Auff den zu Frühlingszeit die heisse Sonne fällt.
144
Sie wusten nicht wohin, sie brachten Gold und Gelt
145
Tieff auß der Erden her und schmierten es mit Menge
146
Auch widerumb darauff; diß Wesen war zu enge,
147
Sie hinderten der Lufft fast ihren Tageschein,
148
Der Himmel schiene selbst für sie zu nidrig seyn.
149
Jetzt ist die hohe Pracht, so die Natur verworren
150
Und ihre Zier beschämt, der Erden gleich geschorren.
151
Wo dieser Hoffart vor kein Mensch noch Thier genaß,
152
Da weydet man nun Vieh, da wächset Laub und Graß.
153
Wo ist das schöne Rom, dem nichts auff Erden gleiche,
154
Nichts nächst gefunden ward, die Göttin aller Reiche,
155
Der Außgang der Natur, das Haupt der gantzen Welt?
156
Ihr Aaß ist noch zu sehn, sie selber ist gefällt.
157
Wo ist ihr grosser Stoltz, wo sind die Wassergänge?
158
Wo sind die Gassen doch, so unerhörter Länge?
159
Das Capitolium, die Tempel allzumal,
160
Vier hundert, wie man sagt, unnd mehr noch an der Zahl?
161
Wo Fabius vorhin, wo Scipio gegangen,
162
Wo Julius den Raub der Völcker auffgehangen,
163
Wo Cicero der Faust mit Worten widerstrebt,
164
Wo Maro, wo sein Fürst Octavius gelebt,
165
Wo mancher theurer Held, wo so viel hohe Seelen
166
Erzogen und geborn, da sind jetzt alte Hölen,
167
Da ist jetzt Mord und Raub. Ihr königlicher Rath
168
Und sie darzu ist hin, die überreiche Statt;
169
Ihr Wesen hat mit ihr nur müssen gantz verschwinden,
170
Die Laster nehm' ich auß, die sind noch da zu finden,
171
So viel man ihrer wil, dann auch die alte Schaar,
172
Wird noch auff diesen Tag vermehret Jahr auff Jahr.
173
Nichts ist so überhoch, da nicht das Glück hin reiche
174
Mit seiner langen Hand, das Schwerd macht offters gleiche,
175
Die schon nicht gleiche sind: Das gantze Vatterland
176
Steht mehrmals besser nicht, als in gewehrter Hand.
177
Der Krieg ist Gottes Zeug, mit welchem er zertrette,
178
Was nicht mehr stehen sol; die allerbesten Stätte
179
Sind wie ein grosser Baum, der wächset lange Zeit
180
Und wird auff einen Tag hernachmals abgemeyt.
181
So muste Tyrus auch gantz eingeäschert werden,
182
So ward Jerusalem geleget auff die Erden,
183
Die Gott sonst liebe Statt, sein außerwehltes Hauß;
184
So ist kein Platz so gut, er hat noch endlich auß.
185
Was wollen wir uns dann von dessentwegen grämen,
186
So andern widerfährt, und der Natur uns schämen?
187
Die Welt kan nicht bestehn, die Länder nicht in ihr,
188
In Ländern keine Statt, in keinen Stätten wir.
189
Das Feld wird durch das Jahr begabt mit reichem Segen,
190
Auch widerumb verdeckt durch Kälte, Frost und Regen;
191
Der Himmel giebet uns deß schönen Tages Pracht,
192
Er bringt hergegen auch die schwartze trübe Nacht.
193
Zu Zeiten ligt die See gantz stille, glatt und eben,
194
Zu Zeiten pflegt sie sich mit Wellen zu erheben,
195
Zu stürmen in die Lufft. Wie dann begehren wir,
196
Daß uns das gute Glück ersehe für und für?
197
Diß ist sein altes Thun; es steht auff einem Rade,
198
Was neulich oben war, erfüllt mit Gunst und Gnade,
199
Das ist jetzt unten an, und was vor unten war,
200
Das steht jetzt oben auff, ist ausser der Gefahr.
201
Vermeynestu, du seyst nicht glückhafft dieser Stunden,
202
Weil das, was glücklich war, ist allbereyt verschwunden,
203
So meyne gleichfals nicht, du seyst jetzund in Pein,
204
Weil da, was schmertzlich ist, auch muß fürüber seyn.
205
Deß Winters Sonnenglantz, deß Mondes Stillestehen,
206
Deß Sommers kühler Wind pflegt eylends zu vergehen,
207
Viel eher noch das Glück, als wie ein Weibesbild,
208
Die ihres Fleisches Lust bald hier und da bald stillt,
209
Begehrt den, der sie haßt, und haßt, der sie begehret,
210
Liebt keinen immerfort; so wird es auch verkehret,
211
Schlägt augenblicklich umb. Es ist der Lauff der Welt,
212
Diß fällt und jenes steigt, diß steigt und jenes fällt.
213
Die auff dem Schiffe sind, sie schlaffen oder wachen,
214
Sie gehen oder stehn, sie machen, was sie machen,
215
Führt doch der Wind sie fort; wer hier zu Schiffe geht,
216
Muß folgen der Natur, die nimmer stille steht.
217
Viel besser ist es ja sich beugen, als zerbrechen,
218
Es heischet närrisch thun an Gott sich wollen rechen.
219
Ist auch ein kluger Mensch, der nicht der Psiller lacht,
220
Die, wie man lesen kan, sich an den Sudt gemacht,
221
Dieweil er umb ihr Land und Gegend, härter bliesse,
222
Als ihnen gut und lieb? Sie nehmen Schild und Spiesse
223
Und auff das Ufer zu; da kömpt ein Sturm daher,
224
Bedeckt das tolle Volck durch Sand unnd wüstes Meer.
225
Was ist deß Menschen Macht und seine grossen Thaten?
226
Ein Stäublin; was sein Liecht? ein Traum von einem Schatten.
227
Sein Geist? ein blosser Rauch; sein Leben? Müh und Leid,
228
Er selbst deß Glückes Spiel, ein Raub der schnellen Zeit,
229
Deß Wanckelmuthes Bild, das andre Schleim und Galle,
230
Geboren, daß er hier in Ungewißheit walle,
231
In Zwang und Kummer sey. Das Thier, das edle Thier,
232
Das alle Thiere zwingt, der Erden Lob und Zier,
233
Kömpt bloß und arm hieher: sein erstes Thun ist Zagen,
234
Ist grosse Dürfftigkeit, ist Weynen, Noth und Klagen.
235
Die andern Thiere zwar kennt jedes seine Krafft,
236
Und weiß auch von Natur von seiner Eygenschafft;
237
Der Mensch allein, ihr Haupt und Herr so vieler Sachen,
238
Muß alles, was er thut von andern lernen machen,
239
Und daß er ißt und trinckt, redt, sitzt, steht, geht und ligt,
240
Kömpt nur durch Untericht; schläfft auch nicht ungewiegt;
241
Kan nichts nicht von sich selbst, das Weynen außgenommen;
242
Wird, alsobald er nur auß Mutterleibe kommen,
243
Gefangen und gepreßt, geknüpfft an Hand und Fuß:
244
Sein Anfang der ist Qual, und Qual ist sein Beschluß.
245
Wie thöricht handeln dann, die ihnen lassen grauen
246
Für dem, was menschlich ist, die nicht zurücke schauen,
247
Was sie doch selber sind, und leben Furchte voll
248
Für dem, was keiner nicht vermeyden kan noch soll.
249
Wer seine Zuversicht dem Wesen hat ergeben,
250
Das nur den Leib betrifft, der kan nicht ruhig leben,
251
Der muß in Aengsten stehn. Kein Glück ist also frey,
252
In dem nicht etwas noch von Angst und Kummer sey:
253
Man findet allzeit was, das man nicht haben wolte,
254
Und allzeit mangelt was, das nicht gebrechen solte.
255
Was ist das schnöde Gelt, was bringt es vor Gewinn?
256
Raubts nicht, wer stärcker ist dem Schwachen allzeit hin?
257
Vermag es mir den Durst und Hunger auch zu stillen?
258
Vermag es mich vor Frost und Kälte zu verhüllen?
259
Ja, sagstu, gib nur Gelt, so wird auch wol gethan,
260
Daß Hunger, Durst und Frost vertrieben werden kan.
261
Wol gut, ich kan so Rath für meine Notturfft finden,
262
Sie aber selbst vermag ich nicht zu überwinden;
263
Sie fordert allzeit was, ihr Glück ist nimmer gar,
264
Ihr Geitz hört nimmer auff, jetzt mangelt hier, jetzt dar.
265
Gib einem so viel Land, als hundert Ochsen pflügen,
266
So viel ein Habicht ihm getraut zu überfliegen
267
Auff einen Sommertag, gib einem so viel Gelt,
268
Als Spanien bißher bringt auß der neuen Welt,
269
Doch wirstu ihm die Lust zu mehren nicht erwehren;
270
Je mehr er haben wird, je mehr er wird begehren.
271
Ist schon das Armuth weg, so bleibt doch die Begier:
272
Bin sonst ich auch betrübt, kein Reichthumb hilfft darfür.
273
Laß einen krancken Mann in Seid' und Sammet liegen,
274
Häng' allen Schmuck umb ihn, daß sich die Stollen biegen,
275
Er bleibt doch siech unnd schwach; so einen krancken Muth,
276
Ein Hertze voller Pein, macht Gold und Gelt nicht gut.
277
So ist es gleichfals auch beschaffen mit den Ehren.
278
Kan auch ein hohes Ampt mir meine Tugend mehren?
279
Wird meiner Laster Zahl durch Würden zugedeckt?
280
Macht Hochheit einen fromm? Wird Cato auch erschreckt
281
Umb daß Vatinius, der Abschaum aller Thoren,
282
Ins Bürgermeister-Ampt für ihm wird außerkohren,
283
Und sitzet oben an? Der Glantz der Herrlichkeit
284
Ist nur ein blosser Glantz und ein Betrug der Zeit:
285
Er wird viel leichter noch gefunden, als behalten,
286
Wann er gefunden ist; die Gunst kan bald erkalten,
287
Von der er hergerührt. Wer darauff Hoffnung setzt,
288
Vergleicht sich dem, der Glaß für gantz beständig schätzt.
289
Nun, grosser Herren Macht, wie bald wird die verkürtzet?
290
Sie werden offtermals gantz plötzlich abgestürtzet
291
Von ihrer Majestät; wie hoch ihr Sitz auch sey,
292
So ist er dennoch nicht von Angst und Sorgen frey.
293
Wie nichtig ist doch auch den Adels-Namen führen?
294
Ist dieses nicht sich nur mit frembden Federn zieren?
295
Wann Adel einig heist von Eltern edel seyn,
296
So butzet mich herauß ein angeerbter Schein,
297
Und ich bin, der ich bin. Kan gleich von vielen Zeiten
298
Dein Stamm bewiesen seyn und dir zu beyden Seiten
299
Kein Wappen an der Zahl, kein blancker Helm gebricht,
300
Du aber bist ein Stock, so hilfft die Abkunfft nicht.
301
Was sol ich ferner nun auch von der Wollust sagen?
302
Ist nicht ihr Anbeginn voll Fürchte, Leyd und Zagen,
303
Ihr Ende voller Reu? Was kömpt nicht vor Beschwer
304
Vor Siechheit, Qual unnd Pein, von ihrer Uebung her?
305
Bringt sie auch grosse Lust, wie wir zu meynen pflegen,
306
So sind die Thiere weit den Menschen überlegen,
307
Die bloß auff Geylichkeit und Leibeswartung gehn
308
Und allesampt sich sonst auff anders nichts verstehn.
309
So ist ja also klar, daß nichts von diesen Dingen,
310
Mir rechte Sicherheit und Ruh vermag zu bringen;
311
Sie haben nicht Bestand, sind über unser Recht,
312
Und welcher sie beherrscht, der ist deß Glückes Knecht.
313
Kein Kluger liebt ein Mensch von ihrer Kleydung wegen,
314
Die sonsten greulich ist; wiltu zur Wage legen
315
Deß Wesens Nichtigkeit, darumb man hier so kriegt,
316
So wirstu sehn, daß nichts als Koth darhinter ligt.
317
Diß, was wir unser Gut mit seinem Namen nennen,
318
Ist kein Gut eygentlich, wie sehr wir nach ihm rennen,
319
Wie sehr wir nach ihm thun. Wer sein am meisten hat,
320
Der hat am meisten auch zu sorgen früh und spat.
321
Je mehr man Holtz zulegt, je mehr die Glut sich breitet,
322
Je mehr das Glücke sich mit seinen Gaben spreitet,
323
Je mehr wird nachmals dann durch Unglück umbgekehrt;
324
Wo viel verhanden ist, da wird auch viel verzehrt.
325
Wil aber jemand Gut, das immer währet, finden,
326
Das weder durch Gewalt noch Waffen sol verschwinden,
327
Der binde nur sein Schiff der Tugend Ancker an,
328
Die nicht zu Boden sinckt, die nicht vergehen kan.
329
Sie thut es nur allein, sie, sie die schöne Tugend,
330
Deß Alters Auffenthalt, die Nährerin der Jugend,
331
Der Reichen bester Schatz, deß Adels Zier und Pracht,
332
Ja, die das Armuth reich, den Pöfel edel macht.
333
Laß kommen, wer da wil, laß schnarchen, brausen, toben,
334
Laß wüten alle Welt, sie schwimmet allzeit oben,
335
Sie wird nicht unterdruckt. Kein Feind ist so versucht,
336
Der nicht durch ihre Krafft gebracht wird in die Flucht.
337
Führt neue Felsen auff, macht meilendicke Wälle,
338
Umbringt euch mit der See, grabt ein biß in die Hölle,
339
Kein Bollwerck ist so gut, kein Thurn so hoch gebaut,
340
Kein Graben so geführt, für dem der Tugend graut.
341
Laß einen Edelstein mit Koth und Mist umbschmieren,
342
Er wird doch seinen Glantz unnd Kräfften nicht verlieren;
343
Stoß einen edlen Sinn in Kummer und Gefahr,
344
Thu mit ihm, was du wilt, er bleibt doch, wie er war.
345
Treib einen weisen Mann von allen seinen Sachen,
346
Heiß ihn in's Elend ziehn, er wird dich nur verlachen.
347
Schleuß Ketten umb ihn her, verbirg ihn in ein Schloß,
348
Da niemand zu ihm kan, sein Geist geht allzeit loß.
349
Ein Felß in tieffer See, ob schon die starcken Wellen
350
Mit Stürmen und Geräusch' ihm sich entgegen stellen,
351
Helt unbeweget auß, wie sehr das Wasser springt,
352
Wie sehr die scharffe Lufft von Norden pfeifft unnd klingt;
353
So wird ein hoher Muth auch nimmermehr gezwungen,
354
Durch keine Dürfftigkeit, durch keine Noth vertrungen.
355
Solt' alles, was hier ist, zu Grund und Boden gehn,
356
So bleibt er immerzu auff freyem Fusse stehn.
357
Kein Harnisch, kein Gewehr, kein Spieß, kein scharffer Degen
358
Kan einen Weibersinn zu Dapfferkeit bewegen;
359
Vergeuß ihn gantz in Stahl, so wird er doch gejagt;
360
Ein freyer Sinn ist bloß und nackend unverzagt.
361
Ein grosser starcker Wurm reißt an der Spinnen Weben
362
Baum, Garn und Stangen durch, die Fliege muß nur kleben,
363
Bezahlet mit der Haut. Stößt Unglück an die Thür,
364
So bleibt ein faiges Hertz; ein Mann steht für unnd für.
365
Die Freyheit wil gedruckt, gepreßt, bestritten werden,
366
Wil werden auffgeweckt (wie auch die Schoß der Erden
367
Nicht ungepflüget trägt) sie fordert Widerstand,
368
Ihr Schutz, ihr Leben ist der Degen in der Hand.
369
Sie trinckt nicht Muttermilch, Blut, Blut muß sie ernehren,
370
Nicht Heulen, nicht Geschrey, nicht weiche Kinder-Zähren,
371
Die Faust gehört darzu; Gott steht demselben bey,
372
Der erstlich ihn ersucht, und wehrt sich dann auch frey.
373
Ist Friede durch das Land, ist niemand zu bestehen,
374
So streicht man müssig hin, auß vielem Müssiggehen
375
Kömpt sichers Leben her, und endlich mit der Zeit,
376
Auff gar zu sicher seyn, erfolget Dienstbarkeit.
377
Die Tugend lieget nicht in einem zarten Bette,
378
Das harte Feldgeschrey, die Paucken, die Trompette,
379
Deß Feindes Angesicht, der Grimm, das rothe Blut,
380
Diß ist ihr rechter Sporn, von dannen nimpt sie Muth
381
Wann diese Wächter uns sind auß den Augen kommen,
382
Da wird uns auch der Sinn zur Munterkeit genommen;
383
Wird einmal dann das Hertz umbringet von der Nacht,
384
Gewiß, es ist so bald nicht wider auffgewacht.
385
Nun, unser weiser Mann gewohnet nicht zu wancken,
386
Gewohnet durchzugehn mit feurigen Gedancken,
387
Zu stehn als eine Wand, der wird von nichts versehrt,
388
Sein Reichthumb blühet stäts, bleibt gantz und unzerstört.
389
Er läßt den Feind das Gelt und sonsten zeitlichs Wesen,
390
Gleich wie Caligula die Muscheln, zu sich lesen,
391
Das beste bleibet ihm; er weiß wol, Gold und Gelt
392
Sey nichts, als theurer Koth und Tockenspiel der Welt.
393
Er stehet hoch empor, weit von deß Pöfels Hauffen,
394
Sieht diesen hier, den da, und jenen sonsten lauffen,
395
Verlacht die Eytelkeit, verhöhnet Schmach und Spott,
396
Schaut seinem Glücke zu, erschrickt vor keiner Noth.
397
Er weiß, daß im Gemüth, in Sinnen und Verstande
398
Der rechte Mensch besteh', und daß nur einem Bande
399
Der Leib zu gleichen sey, das uns zusammen helt
400
Biß unser Stündlein kömpt unnd reißt uns von der Welt.
401
Und darumb schätzt er auch deß armen Leibes Güter
402
Vor keine Güter nicht; was angeht die Gemüther,
403
Was den Verstand betrifft, das heisset er allein
404
Nach seinem rechten Werth arg oder köstlich seyn.
405
Drumb läßt er williglich deß Glückes Sachen fliehen,
406
Wann der sich wider holt, der ihm sie nur geliehen,
407
Der gantz gerechte Gott, der, wie es ihm beliebt,
408
Dem etwas, jenem nichts, dem viel, dem wenig gibt.
409
Drumb saget er auch nicht, daß Krieg, Verfolgung, Leyden,
410
Flucht, Kranckheit, Geltverlust, und was man nicht kan meyden,
411
Zum höchsten böse sey; er weiß, woher es kömpt,
412
Und daß es muß so gehn, nachdem es ist bestimpt.
413
So tritt er frölich hin, begehrt nicht abzuweisen,
414
Was auff ihn tringen wil, bringt wider Stahl und Eisen
415
Den Muth, der eisern ist, lernt warten auff sein Ziel,
416
Nicht wündschen, daß es ihm gelinge, wie er wil.
417
Seht, was Ulysses thut, sein Schiff wird durch die Winde,
418
Und Wellen angerannt, gestossen auff die Gründe,
419
Geführet in die Lufft, geworffen hin und her,
420
Es legt sich wider ihn der Himmel und das Meer.
421
Was richten sie doch auß? Die andern frembden Waaren,
422
Gefährten, Ruder, Raub, Gold, Silber, läßt er fahren,
423
Zeucht auch die Kleyder auß und wirfft sie willig hin;
424
Diß, was seyn eygen ist, kan niemand ihm entziehn.
425
Wie wol die Stimme klingt der listigen Sirenen,
426
Vermag sie doch für ihm so lieblich nicht zu thönen,
427
Er sägelt noch darvon. Was Circe thut und macht,
428
So wird er dennoch nicht auß seiner Art gebracht.
429
Der Cyclops wil ihm zu, der grosse Menschenfresser,
430
Die Zähne wässern ihm; Ulysses weiß es besser;
431
Wo sonst kein Waffen hilfft, da zwingt er durch den Wein
432
Und stößt der Bestien das Stirnenfenster ein.
433
Sein unverzagter Geist, sein Geist erzeugt zu Kriegen,
434
Zu Ehren angewehnt, der kan nichts, als nur siegen,
435
Als immer oben seyn. Er schöpfft kein Wasser nicht,
436
Er bleibet, wer er ist, wann Mast und Boden bricht.
437
Du kanst, Fortune, ja den werthen Helden zwingen
438
Hin in die tieffe See biß an den Halß zu springen;
439
Du kanst ja wider ihn vermischen Lufft und Flut,
440
Kanst fordern, wilstu so, sein Leben, Gut und Blut.
441
Daß aber er für dir die Knie auch solle beugen,
442
Viel weynen, kläglich thun, sich wie ein Weib erzeigen,
443
Sein Leben, seine Zeit verdammen für und für,
444
Sein Hertze lassen gehn, das stehet nicht bey dir.
445
Er weiß wol, daß das Meer, auff das er sich gewaget,
446
Der strenge kalte Nord, durch den er wird gejaget,
447
Die Klippen und der Sturm in Gottes Händen stehn,
448
Drumb läßt er ihm auch es nach Gottes Willen gehn.
449
O, sagt er, schwimme fort, was nicht wil bey mir halten,
450
Mein Hertze, mein Bestand sol doch mit mir veralten;
451
Mein unerschöpffter Muth, mein guter treuer Rath,
452
Der nicht ein kleines Theil gethan vor Troja hat,
453
Der bleibt so lang', als ich. Laß alles von mir lauffen,
454
Bunt über Ecke gehn, Freund, Gut, Knecht, Schiff ersauffen;
455
Es muß seyn außgelegt, diß ist der Reyse Zoll,
456
Umb mich und meinen Sinn steht alles recht und wol.
457
Das Unglück hat mir ja von aussen was genommen,
458
Zum Hertzen aber ist es mir so wenig kommen,
459
So wenig, als das Meer, das leichter diese Welt,
460
Als mein Gemüthe mir wird haben umbgefällt.
461
So bricht der grosse Mann, der Held zur Pracht geboren,
462
Zur Tugend rechter Pracht, vom Himmel außerkoren,
463
So bricht er endlich durch, behelt die Oberhand,
464
Sieht, was uns allen lieb, sein liebes Vatterland.
465
So thut ein Kecker seyn; er kan nicht unten ligen,
466
Er hat sich nicht gewehnt zu schmügen und zu biegen,
467
Er läßt gar willig gehn, was ihm nicht zugehört,
468
Und was sein Eygen ist, das bleibet unversehrt.
469
Deß Donners harte Krafft, wie die Gelehrten sagen,
470
Pflegt in den Lorbeerbaum gar nimmer einzuschlagen;
471
So ist auch für der Macht deß Glückes jederzeit
472
Der Tugend grünes Laub versichert und befreyt.
473
Sie läßt sich sonderlich durch Creutz und Unglück sehen,
474
Wann alles knackt und bricht, wann alle Winde wehen,
475
Wann Sturm und Wetter kömpt, da tritt sie dann herein,
476
Macht schauen jedermann auff sie und ihren Schein.
477
Die Sternen pflegen sich bey Tage nicht zu rühren,
478
Bey Nachte sieht man sie den gantzen Himmel zieren;
479
So ist die Tugend auch, wann sie zu schaffen kriegt,
480
Die sonst zu guter Zeit wie gleich vergraben liegt.
481
Sie helt deß Glückes Zorn für lauter Schimpff unnd Schertzen,
482
Sie wird durch keine Qual, durch keine Leibes-Schmertzen
483
Auß ihrer Burg verjagt; sie gibt sich nimmer bloß,
484
Kein Streit noch Widerpart ist ihrer Macht zu groß.
485
Wie solte sie auch nicht Gedult in Leyden haben?
486
Wir wissen ja gar wol von den Spartaner Knaben,
487
Wie sehr man ihnen hat mit Schlägen zugesetzt,
488
Noch gleichwol haben sie kein Auge nicht genetzt.
489
Die Frauen pflegten auch in Indien vorzeiten,
490
Nach dem ihr Mann verschied, selbst unter sich zu streiten.
491
Die vor die Liebste dann von allen ward erkant,
492
Sprang zu ihm in die Glut, und ward mit ihm verbrant.
493
Wie sol doch manches Weib in ihren Kindesnöthen
494
So übermännlich seyn, und auch gar kaum erröthen
495
In ihrem Angesicht', ob schon die Last sie tringt,
496
Da ihr Geschichte doch Verzagtseyn mit sich bringt;
497
Was, siehet man auch nicht die wilden Thiere leyden?
498
Wie lauffen sie herumb in allen dicken Heyden,
499
Durch Hecken, Püsch und Berg? Was Hunger stehn sie auß?
500
Wie schlägt Reiff, Eiß und Schnee zu Winter in ihr Hauß?
501
Was dulden sie doch nicht von wegen ihrer Jungen?
502
Wie werden sie von uns nicht ohne Blut bezwungen.
503
Diß helt die Stirne für, das schärffet seinen Zahn,
504
Das spitzt sein starckes Horn, das spricht die Klaunen an,
505
Was schwach und furchtsam ist, behilfft sich mit dem Lauffen;
506
Die Löwen halten Fuß. So ist es mit dem Hauffen
507
Der Menschen auch bewandt; wer scheu ist, sucht den Steg,
508
Auff den der Feind nicht kan, unnd wirfft den Schild hinweg.
509
Gleich wie der Wind die Spreu biß in die Lüfften führet,
510
Und streut sie hin und her, den Weitzen nicht berühret,
511
So nimpt ein faiger Mensch gar leichtlich das Panier
512
Das auch ein Hase sucht; ein Held steht nach Gebühr,
513
Thut nichts das schändlich ist unnd das sich nicht geziemet,
514
Weicht von der Tugend nicht. Ist Cato gleich berühmet,
515
So fällt er endlich doch in Ungerechtigkeit,
516
Umb daß er auß der Welt sich reisset vor der Zeit.
517
Es ist wol Lobens werth, daß er den greissen Haaren,
518
Den Augen, die für nichts noch je erschrocken waren
519
Zur Schmach, dem Cesar nicht zu Fusse fallen wil
520
Und überwunden seyn, das Ander' ist zu viel.
521
Er sticht sich erstlich selbst, und als man ihn verbunden,
522
Muß doch das Pflaster fort, er reisset in die Wunden,
523
Wirfft, wie ein toller Hund, die Därmer in die Schoß
524
Und läßt den stoltzen Geist auß seinem Kercker loß.
525
Ein Kriegsmann darff nicht fort, es sey dann zugegeben
526
Durch seinen Capitain; wir sollen auß dem Leben,
527
Es gehe, wie es wil, auch eher nicht entfliehn,
528
Biß uns deß Lebens Herr erlaubt fortzuziehn.
529
Muß Tullius nicht auch mehr, als ihm ansteht, klagen,
530
Nach dem ihn Clodius wil auß der Statt verjagen?
531
Wie weibisch stellt sich doch der sonsten grosse Mann?
532
Er zeucht so seltzam auff, hat alte Kleyder an,
533
Ist bleich, er seufftzet, weynt, fällt allen zu den Füssen,
534
Daß, die er beugen wil, der Kleinmuth lachen müssen.
535
So stürtzt den dapffern Sinn nur einig die Gefahr,
536
Der vor so unverzagt in frembden Fällen war.
537
Was sol, du wahres Bild der wolberedten Zungen,
538
Was sol doch dieses seyn, wo wirstu weg getrungen?
539
Von meinem Rom; von Rom? Ist Rom die gantze Welt,
540
Ist nicht noch hier und dar genugsam Land und Feld?
541
Was spricht dein Socrates, nach dem er sol bekennen,
542
Von welcher Gegend er sich pflege her zu nennen?
543
Ich? sagt er, von der Welt. Ein witziger Verstand
544
Halt alles, was hier ist vor unser Vatterland,
545
Ist nirgend frembder Gast, ist überall daheime:
546
Kein Platz ist weit und breit, dahin er sich nicht reime.
547
So fahren sicherlich jetzt hin, jetzt wider her,
548
Die Vögel durch die Lufft, die Fische durch das Meer.
549
Ist Aussen-seyn so viel? Was thun wir, die wir reysen?
550
Wir pflegen uns gewiß gutwillig zu verweisen.
551
Ist nicht der schöne Bau der Erden das Gemach
552
Und stoltze Hauß für uns, der Himmel unser Dach,
553
Das grüne Feld ein Saal, mit Bäumen schön umbringet?
554
Ist nicht die volle See, die reichlich Speise bringet,
555
Die Brunnen klaren Tranck? Ist Mittag, Mitternacht,
556
Ist Auffgang, Nidergang nicht weit genug gemacht?
557
Ein enger Sinn läßt sich an einen Winckel binden
558
Und meynt, es sey kein Ort mehr in der Welt zu finden,
559
Da auch gut wohnen ist. Daselbst ist Noth und Pein,
560
Wo Tugend, wo Gedult, wo Langmut nicht kan seyn.
561
Der Freunde wegen auch sich kräncken und betrüben,
562
Daß die genommen sind, das heisset also lieben,
563
Wie einer, den ein Weib erquicket und ergetzt,
564
Der alle seine Lust auff die Berührung setzt.
565
Der liebet seinen Freund, der, wann er schon muß scheyden,
566
Ihn gleichwol bey sich hat und durch Gefahr und Leyden
567
In seinem Hertzen trägt, sich da mit ihm bespricht;
568
Den nimmt kein Abschied weg, der Tod auch selber nicht.
569
Kömpt nun das Unglück her und heißt uns Urlaub nehmen,
570
Wir wollen gerne gehn und uns mit nichten grämen,
571
Es zeucht doch diesen fort, der lange widerstrebt.
572
Wer ist ein Pilgram hier? Ein jeder, so da lebt.
573
Hinauff und über uns sol unser Sinn sich richten,
574
Sol lernen Haß und Neid und allen Fall versuchten,
575
Sol immer eines seyn, nicht zittern und nicht flehn,
576
Wie kleine Kinder thun, wann daß sie Larven sehn.
577
Es sind auch anders nichts, als Larven alle Sachen,
578
Umb welcher willen wir uns Leyd und Kummer machen;
579
Deß leichten Glückes Gunst ist wie deß Meeres Schaum,
580
Der brauset und zergeht, ist wie ein süsser Traum,
581
Der, ehe man erwacht, entwischet auß den Sinnen.
582
Laß etwas unser seyn, das wir behalten können,
583
Das nicht verloren wird, das immer eygen bleibt,
584
Das keine Feuersbrunst, kein Schiffbruch von uns treibt.
585
Der Feind hat dir dein Schloß, dein Hauß hinweg gerissen:
586
Fleuch in der Mannheit Burg, die wird er nicht beschiessen.
587
Er hat den Tempel dir verwüstet auß und auß:
588
Gott schleust sich nirgend ein, sey du sein reines Hauß.
589
Er hat dich von der Lust der Bücher weggetrieben:
590
Schau, ob du in das Buch deß Lebens bist geschrieben.
591
Er hat den Acker dir verheeret weit und breit:
592
Der Acker deß Gemühts trägt auch bey Winterzeit.
593
Er hat die Tochter dir durch Noth und Zwang geschändet:
594
Gut, daß er diß nur nicht mit ihrer Gunst vollendet.
595
Er hat dein Weib erwürgt: Viel wündschen ihnen das,
596
Er hat dein Kind entleibt: Der Mensch ist Heu und Graß.
597
Er hat das Vieh hinweg: Das Brod ist doch verblieben,
598
Er hat das Brod auch fort: Der Tod wird keinen Dieben.
599
Er hat dein Gelt geraubt: Behalt du nur den Muth,
600
Er hat dich selbst verwund: Die Tugend gibt kein Blut;
601
Man mag sie, wie man wil, verfolgen, neyden, hassen,
602
Sie helt ihr grosses Wort: sich nicht bewegen lassen,
603
Ist einer Eichen gleich: je öffter man sie schlägt,
604
Je mehr man sie behaut, je mehr sie Aeste trägt.
605
Sie ist wol außgeübt, sich hoch empor zu schwingen,
606
Mit Flügeln der Vernunfft, von diesen schwachen Dingen,
607
Dient Gott, ehrt ihn allein, thut nur, was ihm behagt,
608
Ist über alle Macht, wird keines Menschen Magd.
609
Sie steht und wird auch stehn. Im Hertzen ligt verborgen,
610
Was nicht genommen wird, was frey ist aller Sorgen;
611
Diß, was hieraussen ist, was niemand halten kan,
612
Mag fliehen, wann es wil, es geht uns gar nicht an.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Martin Opitz
(15971639)

* 23.12.1597 in Bolesławiec, † 20.08.1639 in Danzig

männlich, geb. Opitz

natürliche Todesursache | Pest

deutscher Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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