Deß Propheten Jeremias Gebett

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Martin Opitz: Deß Propheten Jeremias Gebett (1618)

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O Herr, bedencke doch, Herr, nim dir doch zu Hertzen
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Das Leyd, so uns betrifft, schau' unsre Schmach und Schmertzen
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Mit Vatteraugen an, sieh' unser güld'nes Land,
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Das Milch und Honig trug, ist nun in frembder Hand
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Und unsre Häuser auch; wir sind zu Waisen worden
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Und unsre Mütter sind im armen Widwen Orden,
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Sie haben keinen Mann, wir keine Vätter nicht,
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Und sind ohn Hülff' und Trost; wann Wasser uns gebricht,
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Das dennoch unser ist, so lassen wir es bringen
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Umb unser eygnes Geld, und müssen Holtz erzwingen,
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Das uns im Pusche wächst, umb grossen Werth und Preiß.
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Man treibt uns über Halß, und wann wir allen Fleiß
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Zur Arbeit angewandt, so daß wir fast erliegen,
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Jedennoch sind wir faul und thun nicht nach Genügen.
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Wir müssen jetzt auß Noth Egypten dienstbar sein
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Und Assur Gutes thun, damit uns Brot allein
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Zu essen wird gereicht; es wird an uns gerochen
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Was unsre Vätter schon für langer Zeit verbrochen.
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Sie schlaffen unbesorgt und dencken nicht mehr her,
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Ihr Uebel aber wird uns Kindern nun zu schwer.
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Wir dienen Knechten jetzt, Schand über alle Schande,
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Und niemand rettet uns in diesem gantzen Lande
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Von ihrer Dienstbarkeit; wir holen unser Brod
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Mit Aengsten und Gefahr, weil beydes Schwerd und Todt
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Hier in der Wüsten sind, daß Fleisch und Beine knacken,
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Die schwartze Haut sieht auß, als were sie gebacken
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Im Ofen und gedört für Mangel an der Kost
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Und Hunger der uns plagt. Sie haben schnöde Lust
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Und Ueppigkeit verübt mit Zions schönen Weibern,
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Den Jungfraun Juda auch von ihren zarten Leibern
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Den besten Schatz geraubt, die Fürsten auffgeschnürt,
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Die Alten nicht geehrt, als wie sich wol gebührt.
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Das arme junge Volck hat Müller müssen werden,
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Die Knaben bleiben schier erliegen auff der Erden,
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So das ihr Hals für Last deß Holtzes brechen wil.
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Kein Alter sitzt am Thor', es wird kein Seitenspiel
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Von unsrer Jugend mehr, wie zwar zuvor, gerühret,
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Die Laut' ist ohne Laut; kein Neigen wird geführet,
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Kein Tantz nicht mehr gehegt; die Freuden sind nun auß,
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Und unser Schauspielplatz wird jetzt ein Klagehauß;
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Die Cron ist auch dahin; ach, ach, daß unser Leben.
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Sich also gantz und gar den Sünden hat ergeben!
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Drumb sind wir jetzt betrübt, drumb bricht das Hertz uns schier
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Und unsern Augen kömpt fast alles finster für,
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Weil Zion wüste liegt, weil Füchs' ihn untergraben
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Und an der heylgen Statt die schlauen Hölen haben.
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Du aber, du, o Herr, verbleibst in Ewigkeit,
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Du bleibest und dein Thron wird stehn zu aller Zeit.
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Wie dann vermagst du uns so gäntzlich zu verlassen
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Und länger als du pflegst, den harten Sinn zu fassen?
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Ists möglich, daß dein Zorn noch weiter brennen kan?
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Herr, bring' uns doch nun heim und nim uns wider an;
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Verjüng' uns widerumb, beschenck uns mit den Jahren,
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Die also glücklich sind, als jene vormals waren;
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Dann, Herr, du bist uns feind, hast keine Masse mehr
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Zu straffen uns, dein Volck, und zürnest gar zu sehr.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Martin Opitz
(15971639)

* 23.12.1597 in Bolesławiec, † 20.08.1639 in Danzig

männlich, geb. Opitz

natürliche Todesursache | Pest

deutscher Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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