Das vierdte Klagelied

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Martin Opitz: Das vierdte Klagelied (1618)

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Wie hat das schöne Gold so häßlich können werden?
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Wie tunckel sieht es auß? Wie ligt doch auff der Erden
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Der Bau deß Heyligthumbs? Wie sind doch weit und breit
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Die Marmor deß Pallasts zerbrochen umbgestreut?
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Wie kömpt es immermehr, daß Zions edle Kinder
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Als irrdne Töpffe sind, die jederman nicht minder
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Dann Gold zuvor geschätzt? Jetzt sind sie Koth und Wust.
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Die Drachen reichen ja den Jungen noch die Brust,
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Wie grausam sie auch sind, und geben ihren Früchten
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Die gelbicht weisse Milch mit treuen Mutterpflichten,
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Biß daß sie selbst hernach sich richten auffs Gebein;
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Die Tochter meines Volcks muß unbarmhertzig sein,
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Muß härten ihren Sinn, als wie in stiller Wüsten
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Der unbedachte Strauß pflegt in den Sand zu nisten,
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Läst aber unbesorgt die waisen Eyer stehn,
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Es mag auch ihnen gleich gut oder übel gehn.
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Der Seugling stirbet schon und fängt kaum an zu leben,
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Die Zunge bleibt ihm für Durst am Gaumen kleben,
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Die Kinder heischen Brod und niemand bricht es nicht.
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Den vormahls Speiß unnd Tranck, so weit der Sonnen Liecht
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Die grosse Rundt bestralt, zu ihrem reichen Tische
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Ward mit Gefahr gesucht, den kaum genungsamb Fische,
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Die grosse Mittelsee und Nilus hat geschickt,
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Die gehn jetzt schmächtig her; den Purpur ward gestickt
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Zu Tyrus und Sidon am Palestiner Strande,
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Die liegen jetzt im Koth und sind ihr' eigne Schande.
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Ich weiß, daß sie mehr Schuld auff ihren Halse hat,
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Die Tochter meines Volcks, und grösser Uebelthat
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Als Sodom, welche doch vom Himmel ward verzehret
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Durch strenge Regenglut und plötzlich umbgekehret,
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Wo Asphalites noch an seinen todten Randt
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Das schwartze Hartz außwirfft unnd zeigt auff diesen Brandt.
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Ihr heil'ges Priestervolck, die keuschen Nazarener,
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Die waren rein' als Schnee, viel klärer noch und schöner,
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Als eine weisse Milch, und ihre grosse Zier
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War röter, als Corall, ihr Ansehn wie Saffir.
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Nun sind sie schwartz wie die, so stets der Mittag brennet,
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Und sehn vertunckelt auß, daß niemand sie mehr kennet,
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Die Haut hengt am Gebein' und ist nun gar zu weit,
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Der gantze Cörper ist noch dürrer als ein Scheidt,
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Das an der Sonnen liegt. Die durch das Schwerdt verdorben,
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Die kamen besser umb als die, so endlich sturben
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Auß Durst' und Hungerspein unnd worden erst hernach
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Vom Feinde hingewürgt, weil Frucht und Korn gebrach.
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Die Mütter, derer Hertz' auß Liebe sonst zerbrochen,
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Die musten (ach der Angst) ihr' eigne Kinder kochen
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Zu stillen ihren Bauch in solcher grossen Noth
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Der Tochter meines Volcks. Der Herr, der starcke Gott,
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Hat seinen Grimm vollbracht, hat gantz und gar zusammen
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Geschüttet über uns deß heissen Zornes Flammen,
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Hat eine wilde Glut in Zion angesteckt,
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Daß nun ihr Grund und sie den wüsten Boden deckt.
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Kein König, der jetzt lebt, noch alle Leut' auff Erden,
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Die hetten je gegläubt, daß diß wahr köndte werden,
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Das mein Jerusalem, der Außzug dieser Welt,
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Deßgleichen nicht die See in ihren Armen helt,
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Deß frembden Feindes Macht würd' öffnen Thor und Angel.
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Daß aber diß geschehn, ist der Propheten Mangel
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Und grobe Missethat; der Priester Laster macht,
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Daß Gott sie hefftig strafft, die so viel umbgebracht
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Ohn alle Schuld und Recht; sie giengen wie die Blinden
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In ihrer Hoffart her, befleckt mit Blut und Sünden
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Und rührten jener Kleid auch nicht auß Hochmuth an;
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Sie rieffen auff sie zu: Weicht, geht uns auß der Bahn;
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Weicht, ihr Unreinen, weicht! Dann sie sie anzuschauen
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Nicht ihnen ohne Scheu vermochten zu getrauen
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Und flohen ihr Gesicht' auffs beste möglich war,
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Daß jederman gesagt auch bey der Feinde Schar:
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Es ist unmöglichs Ding, sie können nicht verbleiben
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Und werden dieses Thun die Länge schwerlich treiben,
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Drumb hat sie so zerstreut deß Herren grimme Handt,
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Er hat sein Antlitz gar von ihnen abgewandt.
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Sie haben sämptlich nicht die Priester ehren wollen,
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Und ihren Aeltesten, die sie doch lieben sollen,
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Als Vättern gütig sein, je dennoch gafften wir
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Das Maul und Augen auff und hofften für und für
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Auff Hülffe die nicht hilfft, biß daß wir müde waren
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Vom Warten auff ein Volck, das uns mit seinen Scharen
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Und Waffen wenig nutzt, wir musten doch noch gehn
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Und durfften letzlich nur nicht auff den Gassen stehn.
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Daselbst hat unser Thun sein endlichs Ziel genommen,
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Die Tage sind nun auß, es ist zur Neige kommen.
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Wie deß Geflügels Herr, der Adler, Wind und Lufft
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Mit seinen Federn trennt und schwingt sich in die Klufft
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Der grünen Thäler hin auff eine schwache Taube,
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So war auch unser Feind; er hat uns seinem Raube
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Biß auff die hohen Berg' und Felsen nachgesetzt
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Und in den Wüsten uns mit Hinterlist verletzt.
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Den uns der Herr gesalbt, die Hoffnung unnd Verlangen,
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Die Zuflucht unsers Volcks ist worden auffgefangen,
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Da als man uns zerstört; er ist anjetzt dahin,
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In dessen Schatten wir vertrauten Hertz' und Sinn.
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Sey fro und schaue ja, daß du der Lust nicht schonest,
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Die so du im Land Uz, o Tochter Edom, wohnest,
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Dann dieser Kelch wird auch noch kommen über dich,
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Wirst werden gleicher Weis' entblösset, wie vor ich.
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O Tochter Zion, wol, dein Creutze hat ein Ende;
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Er wird dich Feinden nicht mehr lieffern in die Hände.
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Ietzt aber, Edoms Kind, liegt seine Straff' auff dir;
100
Es wird nun deine Schuld entdecken, als wie mir.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Martin Opitz
(15971639)

* 23.12.1597 in Bolesławiec, † 20.08.1639 in Danzig

männlich, geb. Opitz

natürliche Todesursache | Pest

deutscher Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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