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O Ich betrübter Mann, der ich mit kranckem Muthe
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Muß seinen Eyfer sehn, und seines Grimmes Ruthe!
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Er hat mich nur hieher in Finsterniß geführt,
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Da niemand weder Liecht, noch Tag, noch Sonne spürt,
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Ist gäntzlich wider mich, wer hett' es glauben sollen,
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Daß er mich für und für so übel halten sollen?
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Er hat mein Fleisch und Haut verwelckt und alt gemacht,
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Zerschlagen mein Gebein und gantz mich hingebracht.
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Er hat mich so verbaut, mit Gall' und Müh umbgeben,
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In Finsterniß gelegt, als die, so nicht mehr leben
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Und liegen schon verdeckt; er hat mich umb und an
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Vermauret und bestrickt, daß ich nicht loß gehn kan,
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Mir Fessel angelegt, im Fall ich gleich will ruffen,
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So läst er dennoch mich vergebens auff ihn hoffen,
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Und stopfft die Ohren zu. Er hat mir meinem Weg
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Mit Steinen hoch vermaurt und alle Straß' und Steg
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Zerstört und umbgekehrt, er ist mir nachgeschlichen,
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Als wie ein Beer sich pflegt im Holtze zu verkriechen
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Und wie ein grimmer Löw' an seiner Hölen liegt,
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Biß er ein schwächer Wild in seinen Rachen kriegt.
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Er hat noch Lust daran, im Fall er mich berücket,
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Daß ich deß Weges fehl'; er hat mich gantz zerstücket
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Und endlich durchgebracht; er hat als auff ein Spiel
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Den Bogen auffgespannt, auß mir gemacht ein Ziel,
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Den Köcher außgeleert und mir durchschiessen lassen
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Die Nieren in dem Leib'. Ich bin ein Spott und Hassen,
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Ein täglich Lied deß Volcks. Er hat mir auch geschenkt
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Zur Speise Bitterkeit, mit Wermut mich getrenckt,
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Die Zähne mir zermalmt, in Asche mich verschorren.
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Jetzt ist nun meine Seel', jetzt ist sie gantz verworren
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Ohn allen Rast und Ruh; ich muß ins Elend ziehn,
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Muß lernen ärmer sein. Ich sprach: Mein Schutz ist hin
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Und Hoffnung auff den Herrn; sieh' her doch und bedencke
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Wie gar verwaist ich sey, wie Wermut mein Getrencke
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Und herbe Galle war. Du denckst ja noch daran;
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Mein Hertze sagt es mir, daß deines doch nicht kan
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So gar mich lassen gehn; diß tröstet meine Sinnen,
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Drumb hoff' ich fest' und steiff, ich will dich noch gewinnen.
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Deß Herren Gnade macht, daß uns kein Trost gebricht
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Und seine Gütigkeit die hat kein Ende nicht;
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So offt es morgen wird, so offt auch wird sie neue
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Und scheinet über uns. Sehr groß ist deine Treue.
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Der Herr der ist mein Theil, spricht meine Seel in mir,
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Drumb will ich auch auff ihn mich lassen für und für.
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Der Herr ist freundlich dem, der hertzlich auff ihn bauet;
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Er ist der Seelen Trost, die nach ihm fragt und schauet.
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Es ist ein köstlichs Ding in aller Noth und Pein
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Vertrauen auff den Herrn und recht gedultig sein.
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Es ist ein köstlichs Ding, noch in den jungen Jahren,
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Im Lentzen seiner Zeit, viel leiden und erfahren,
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Nicht widerspenstig sein, wann sich die Sonne stellt,
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Als scheine sie nicht mehr, und uns was überfellt,
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Den Mund thun in den Staub, die Zeit mit Hoffnung tragen,
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Sich lassen Schmach anthun und auff die Backen schlagen;
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Dann Gott ist nicht ein Herr, der ewig zürnen kan,
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Und ob er schon betrübt, doch nimpt er wider an,
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Und liebt uns mehr als vor nach seiner grossen Güte.
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Ja wann er uns schon plagt, so gehts nicht von Gemüte,
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Das Hertz ist nicht darbey. So muß ein Vatter sein,
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Verstecken seine Lieb' und nach dein Augenschein
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Uns hassen noch so sehr. Er thut, als all' auff Erden,
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Die so gefangen sind, zertretten musten werden
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Von seiner Füsse Krafft und gäntzlich umgebracht,
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Als eines Mannes Recht für Gottes starcker Macht
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Gebeuget muste sein, und dem zuviel geschehen,
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Der gute Sache hat, als köndt er diß nicht sehen,
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Der Herr der alles sieht, dem nichts sich bergen kan,
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So weit von Ost in West die Sonn' auff ihrer Bahn
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Was Welt heist überschaut. Wer darff dann nun wol sagen,
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Daß diß ohn sein Gebott bey uns sich zu kan tragen,
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Daß dieser Erdenbau ist ausser seiner Hut,
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Und macht uns nichts zu thun, auch selber nichts nicht thut?
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Wie murren dann die Leut' in ihrem sichern Leben?
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Ein jeder der mag Zanck mit seiner Sünd anheben.
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Last uns in unsern Sinn und in uns selber gehn,
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Zu suchen, was wir thun, und für den Herren stehn,
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Mit wahrer Buß und Reu hin nach dem Himmel wenden
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Und heben zu ihm auff das Hertze mit den Händen.
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Wir haben deinen Zorn durch Sünd herfür gelockt,
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Drumb hast du uns gar recht mit schwerer Handt gedruckt,
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Hast billich dich ergrimmt und under deinem Volcke
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So sehr herumb gewürgt, hast eine dicke Wolcke
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Rings umb dich her gespannt, hast allen Weg und Bahn
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Dem Beten abgestrickt, daß niemand für dich kan.
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Wir sind durch deinen Grimm Koth, Wust und Unflat worden
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Für dieser gantzen Welt und aller Völcker Orden.
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Sie sperren auff ihr Maul, so viel der Feinde sind;
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Uns plaget Noth und Angst, die Bach der Thränen rinnt
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Mir strömig Tag und Nacht, im Fall ich solche Schmertzen
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Der Tochter meines Volcks mir neme recht zu Hertzen.
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Mein' Augen sind ein See, ein Quell, das nicht vergeht,
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Das allzeit weiter fleust und doch voll Wassers steht,
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Biß daß mir noch der Herr hoch auß der Lufft wird geben
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Den Anblick seiner Gunst. Mein Auge frist mein Leben,
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Weil sie so elend' ist, die Tochter meiner Statt.
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Wie wann ein Steller sich bey seinem Garne hat
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In den gemachten Pusch betrüglich hingesetzet
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Und rückt die Vögel weg; so hat mich auch behetzet
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Deß argen Feindes List, sie haben eine Grufft
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Und Grube mir gemacht, daselbsten unverhofft
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Mein Leben hingeraubt und mich umbher verschlossen
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Mit Steinen allerseits, mit Wasser übergossen
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Mein kranckes Häupt und mich, daß ich versuncken bin;
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Da sprach ich bey mir selbst: Nun bin ich gar dahin,
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Doch rief ich gleichwol noch, Herr, auß dem tieffen Grunde
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Auff deinen Namen zu, und du hast auff der Stunde
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Mein Flehen angehört. O meines Lebens Liecht,
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Verstopffe ja dein Ohr für meinem Seufftzen nicht:
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Komm, nahe dich zu mir, komm wann ich sehnlich ruffe,
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Sprich zu mir: Sey getrost, erharre mein und hoffe.
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Herr, rette meine Seel' und führ ihr Recht hinauß;
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Sey meines Lebens Schutz, sonst ist es mit ihm auß.
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Herr, laß mich weiter nicht so grosses Unrecht leiden,
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Sitz auff den Richterstul, hilff meine Sach entscheiden.
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Du siehest, wie sie sind, wie falsch und liftiglich
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Sie wenden alles Thun und Trachten wider mich.
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Du hörest ihre Schmach, es ist dir unverborgen
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(was birget sich vor dir?) daß ihre gantze Sorgen
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Auff meinen Schaden gehn, daß sie sich, wann die Nacht
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Uns überschatten will und wann Aurora wacht,
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Bereden wider mich; all' ihre Red' und Sagen
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Gehn einig nur dahin, wie sie zusammen tragen,
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Was mein Verderben sey; wann man sie auffstehn sieht
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Und gleichfals schlaffen gehn, so muß ich sein ihr Lied.
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Vergilt es ihnen, Herr, und gib, was sie erwerben,
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Laß sie in Furcht und Angst durch deinen Fluch verderben,
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Verfolge sie mit Grimm, o grosser starcker Heldt,
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Tilg' ihren Nahmen auß auff dieser gantzen Welt.