Das erste Klagelied

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Martin Opitz: Das erste Klagelied (1618)

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Wie steht die waise Statt, wie steht sie so verlassen,
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Sieht einer Witwen gleich, ist leer auff allen Gassen?
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Muß dann der Völcker Lust, der Stätte Zier und Schein,
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Der Länder Königinn, muß die jetzt zinßbar sein?
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Wie weint sie, wann die Nacht, die Amme der Gestirne,
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Den stillen Weltkreiß deckt? wie macht sie ihr Gehirne
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Vom Heulen wüst' und matt, wie fleust der Threnen Bach
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Die bleichen Wangen ab, weil ja ihr Ungemach
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Kein Mensch nit trösten wil? hat dann der Freundtschafft Orden
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So gar den Meineid lieb? sind alle treuloß worden?
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Wie reiset Juda doch, wie reiset sie doch hin,
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Bestrickt in Dienstbarkeit? Wie muß die Arme ziehn
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Verachtet und betrübt von einem zu dem andern,
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Bald diß bald jenes Land ohn alle Ruh durchwandern?
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Es kriegt und haschet sie daselbst ein jederman,
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Der sie verfolget hat, wo sie nicht fliehen kan.
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Der Weg nach Zion hin liegt allerseits verwüstet,
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Weil keinen auff ein Fest zu kommen mehr gelüstet;
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Die Thore stehen leer, die Priester sind in Noth,
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Die Jungfraun krencken sich, und sie ist selbst halb todt.
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Der Widersacher Haupt muß sie empor sehn schweben,
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Muß ihre Feinde sehn in Lust und Freuden leben;
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Dann Gott hat sie gestrafft, hat ihrer Kinder Heer
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Gefangen weg geschickt, weil sie sich hoch und schwer
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An ihm versündigt hat. Man wird nun nicht mehr schauen
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Der Tochter Zion Schmuck, wie Wieder nach den Auen
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Gantz matt und hungrig sehn und schlägebäuchig ziehn
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Ohn alle Weid' und Graß für ihrem Treiber hin,
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Sind ihre Fürsten auch. Jerusalem die kräncket
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Ihr Hertz' ohn Unterlaß, wann sie zurücke dencket,
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Wer sie fürweilen war und wer sie nun muß sein,
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Die edle werthe Statt; es frist ihr Marck und Bein,
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Daß sie ihr Volck soll sehn zu ihres Feindes Füssen,
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Und niemand hilfft ihr nicht, kein Mensch will von ihr wissen:
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Sie ist der Feinde Lust, sie spotten sie darzu
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Und lachen hönisch auß deß Sabbaths ware Ruh.
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Es hat Jerusalem viel Aergerniß gegeben,
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Und Gottes Rach' erweckt; drumb muß sie jetzund leben
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Als ein beflecktes Weib. Dieweil man sehen kan,
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Wie ihr Scham entblöst, so scheut sie jederman,
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Der vormals sie geehrt; sie aber holt vom Hertzen
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Viel Seufftzer tief herauß und hat für Schand und Schmertzen
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Das Antlitz weggekehrt, das Antlitz, das ihr roth
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Für Scham und Weinen ist, das ihre grosse Noth
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Mit Stilleschweigen sagt. Es klebt ihr an dem Saume
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Der Unflat jetzund noch, sie hett' ihr auch im Traume
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Für diesem nie gedacht auff eine solche Zeit
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Wie jetzt für Augen ist; sie ist ja gar zu weit
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Und hoch herab gestürzt; und neben diesem allen
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Thut niemand auff der Welt ihr so viel zu Gefallen,
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Daß er sie trösten mag. Ach, Herr Gott, laß nicht mehr
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Mein Elend über mir; der Feind prangt ja zu sehr.
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Er hat hinweg geraubt den Vorrath von Geschmeiden,
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Und ihre gantze Zier. Sie hat gesehn die Heyden
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Gehn in ihr Heiligthum, da dein Befehl doch ist,
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Sie solten umb das Volck, das du dir außerkiest
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In Ewigkeit nicht sein. All' ihre Leute stehen
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Und seufftzen für und für, sie müssen betteln gehen,
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Sie geben ihren Schmuck für Brod und Speise hin,
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Zu laben ihren Geist. Sieh, Herr, wie schnöd' ich bin,
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Sieh' und betrachte mich. Schaut, die ihr geht fürüber,
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Schaut, sag' ich, mein Noth; ist auch ein Schmertze drüber
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Auff dieser weiten Welt? Diß hat der Herr gemacht,
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Als seines Zornes Krafft ist grimmig auffgewacht
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Und sich ergossen hat; er hat hoch auß den Lüfften
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Ein Feuer hergesandt in meiner Beine Klüfften,
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Und ihm Gewalt ertheilt; er hat ein Garn gestellt
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Zu fangen meinen Fuß, und mich zurück geprellt.
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Er hat mich so verwaist, daß ich nun alle Tage
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Mit Angst und Traurigkeit mich übel schänd' und plage
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Und keine Ruh nicht weiß; durch seiner Straffe Macht
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Ist meine schwere Last der Sünden auffgewacht
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Und gantz auff meinen Halß mit hellem Hauffen kommen,
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Daß alle Stärck und Krafft mir wird hinweg genommen:
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Er hat mich in die Hand derselben eingethan,
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In derer Härtigkeit ich nichts mich regen kan.
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Der Herr hat gantz zermalmt und zornig auffgerieben
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Die Starcken, so ich hatt'; er hat weit außgeschrieben
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Ein Freyfest über mich, daß was für Mannschafft noch
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Mir übrig blieben ist ingleichen trag' ein Joch.
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Der Tochter Juda hat der Herr auß grossem Hassen
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Und Eyfer über sie den Kelter tretten lassen.
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Drumb wein' ich fort für fort, drumb rinnt das Wasser mir
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Auß beyder Augen Quell ohn Unterlaß herfür.
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Mein Hort und Auffenthalt, der meinen Geist und Sinnen
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Mit Trost' erquicken soll, ist ja zu weit von hinnen,
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Die Kinder sind hinweg; dieweil deß Feindes Macht
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Und Stärcke mich und sie hat unter sich gebracht.
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Wie streckt doch Zion auß die vormals zarten Hände
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Und ist auch niemand nicht, der ihren Kummer wende
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Und sprech ihr freundlich zu. Der sehr erzürnte Gott
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Gibt rings umb Jacob her den Feinden ein Gebott,
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Daß sein Jerusalem, mit Schmach und Hohn umbgeben,
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Als die nicht redlich ist, soll zwischen ihnen leben,
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Und daß sie wie ein Weib nechst ihnen wohnen muß,
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Die da besudelt ist durch ihrer Blume Fluß.
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Der Herr der ist gerecht, dann ich hab' ihn verletzet
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Und seinem Munde mich auß Trutze widersetzet.
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Hört, alle Völcker, hört, schaut meinen Schmertzen an,
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Ach, meine Jungfraun sind gefänglich eingethan,
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Und meine Jüngling' auch. Ich ruffte mit Verlangen
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Auff meiner Freunde Schar, sie aber sind entgangen
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Und haben mich beruckt. Die Eltesten der Statt
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Und Priester haben auch zu essen nur nicht satt;
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Ihr Magen ist verdorrt, sie müssen Stück zu Stücken
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Das Brod erbitten gehn, die Seele zu erquicken.
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Ach, Herr Gott, siehe doch, ich sterbe nunmehr schier
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Für Angst und Bangigkeit, die Därm' erschüttern mir,
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Das Hertz im Leibe wallt, dann ich bin hoch betrübet;
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Von aussen ist das Schwerd, so mir viel Streiche giebet
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Und nach der Seelen steht, im Hause hat der Todt
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Zur Widwen mich gemacht, man höret meine Noth,
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Man höret sie ja wol, ich seufftze stets und weine
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Und habe keinen nicht, der mich mit Treuen meine;
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Die Feinde freuen sich, daß ich so kläglich thu,
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Sie hören mich mit Lust. Diß alles machest du.
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Ach, daß die Sonne doch auff ihrem güldnen Wagen
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Den Tag nicht jetzt bald bringt, den dir schon anzusagen
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Zuvor beliebet hat, an dem es gleich so wol
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Auch ihnen eben so wie mir ergehen soll!
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Laß ihre böse That für dein Gesichte kommen
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Und schlag sie, wie du mich hast jetzund fürgenommen
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Von wegen meiner Schuld und eyfrig außgeübt,
124
Dann, Herr, ich seufftze viel, mein Hertz' ist hoch betrübt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Martin Opitz
(15971639)

* 23.12.1597 in Bolesławiec, † 20.08.1639 in Danzig

männlich, geb. Opitz

natürliche Todesursache | Pest

deutscher Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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