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Ihr armen Sterblichen, habt ihr, wann ihr gesehen
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Die Sonne liechte seyn, die starcken Winde wehen,
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Des Monde Glantz auffgehn, die Sternen bey der Nacht,
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Und leuchten aus der Lufft, auch je bey euch gedacht,
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Da einer über uns das grosse Rund verwalte,
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Der Himmel, Erd' und See bey ihrem Thun erhalte,
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Der durch sein Regiment und Scepter für und für
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Behersche dieses Reich, denselben seht nun hier.
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Seht euren Schöpffer an, den Gott von allen Zeiten,
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Den König der Natur, seht seine weisse Seiten
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So jämmerlich durchbort, das Haupt, das güldne Haar,
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Die Hände, welchen vor das Meer gehorsam war
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Und Eolus darzu, den Leib, die zarten Füsse.
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Ein jeder mache sich zu uns her und vergiesse
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Die Zehren, wie auch er vor uns vergossen hat,
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Als Blut ihm vor den Schweiß aus seiner Stirne trat
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Und diese gantze Welt, ja, das noch mehr zu sagen,
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Die Sünden allesampt ihm auff den Halse lagen
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Und druckten ihn für uns. Ach Schand, ach Laster, ach,
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Der Bau des Himmels knackt, die Wolcken geben nach,
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Lufft, Feuer Erd' und Meer die scheinen auch zu leiden,
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Und liegen gantz verwirrt, die Sonne selbst muß scheiden
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Und kan das Leid nicht sehn. Du wilde Nation,
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Ihr teufflisches Geschlecht, ist das nun dessen Lohn,
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Der aus Egypten dich, o Israel, geführet
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Durch Wüsten, da kein Mann vor jemahls war gespüret,
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Da nie kein Mensch gewohnt, der dir in deiner Noth
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Die Felsen quellen ließ, und gab dir Himmels-Brodt.
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Das Antlitz, das ihr nicht auff Horeb köndtet schauen,
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Für dem die Cherubin zu stehen nicht getrauen,
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Das speyet ihr nun an. Jehova, den ihr nicht
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Auch sonst nur nennen dürfft, die Warheit und das Liecht,
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Der Löw auß Juda her wird jetzt von euch vernichtet,
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Gehönet, außgelacht und schäntlich hingerichtet.
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O du verdamptes Volck, sol das dein Gott nicht seyn,
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Der so viel Wunder that, macht auß dem Wasser Wein,
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Ließ in dem Munde schon das Brodt erst grösser werden,
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Aß viertzig Tage nicht, gieng wie auff platter Erden
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Auff Wässern überhin, hieß Blinde wieder sehn,
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Trieb böse Geister aus und was sonst mehr geschehn,
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Das nicht bey Menschen steht; jetzt kommen sie mit Hauffen,
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Das heilig Osterlamb zu schlachten, zugelauffen,
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Von Tyrus, von Sidon, von Idumea her,
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Vom feisten Syrien, und wo das faule Meer
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Nichts untersincken lest, wo Soduma verbrunnen,
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Dem sie zu gleichen sind, wo Libanus der Sonnen
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Fast in dem Wege steht, daß ja die Tyranney
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Nicht deine, Solyma, so gar alleine sey,
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Kein Mensch beschützet ihn, es ist nun gantz vergessen
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Die Güte seiner Hand; er gab den Leuten essen,
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Jetzt klagt er über Durst; die Stummen kamen hin
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Und giengen redend weg, nun schreyen sie auff ihn
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Und fördern seinen Todt; er hieß die Lahmen gehen,
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Die lauffen nun für ihm; hieß Todten aufferstehen,
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Jetzt tödten sie ihn selbst. Ach, ach, das schöne Haar,
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Das Haupt, das edle Haupt, das vor gezieret war
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Wormit? Mit Golde? Nein, mit des Gestirnes Krone,
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Mit Strahlen voller Glantz, der Leib wird nun zu Hohne,
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Den eine Jungfrau trug. Der Bart, die starcke Brust,
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Für des Alcides schwach, sind Eiter, Koth und Wust.
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Und wir sind doch verstockt? Was haben wir vor Sinnen,
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Daß solche höchste Noth sie noch nicht kan gewinnen?
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Welch Tiger ist so grimm? Wie, wan der grosse Held,
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In dieses Mittel sich nicht hette dargestelt;
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So kräfftig war die Gunst den Menschen zu erhalten,
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Der jetzund sein Gemüth' hergegen lässt erkalten,
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Schlägt alles in den Wind. Auff, auff doch und erwacht,
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Thut weg von euch den Schlaff, der all zu sicher macht,
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Ey, legt die Faulheit hin. Es wird doch nicht begehret,
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Daß ihr ein sterblichs Ding zum Opffer ihm gewehret,
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Stecht gar kein Lamb nicht ab, schlagt keine Ochsen nicht,
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Kein Weyrauch darf hier seyn, kein eingeweyhtes Liecht;
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Gott siht im Finstern auch. Er fraget nach dem Hertzen,
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Er fordert einig nur die Sinn, der Reu und Schmertzen
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Vor seine Laster trägt, er wil gebeten seyn
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Mit eyffriger Begier, nur diß gefelt allein
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In seinen Augen wol. Diß sind die rechten Gaben,
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Das Zeichen wahrer Treu, diß wil er einig haben.
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Wie neigt er doch das Häupt so sehnlich zu uns her?
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Wie freundlich zeigt er doch die Seiten, so der Sper
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Uns gantz eröffnet hat? Wie weiset er die Hände,
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So uns durchnagelt sind, wie rufft er vor dem Ende,
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Wie mit den Kindern dann ein Vater sich bespricht,
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Wenn ihm nun Atropos die matten Augen bricht
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Und reisst den Faden ab; wie strecket er die Armen
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Nach seinen Söhnen auß? Kan da auch sein Erbarmen
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Nicht lassen, da sich sein kein Mensch erbarmen wil,
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Da ihn das Leben lässt? Hat doch die Gunst kein Ziel,
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In die er uns gefasst. Wir aber haben Ohren
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Und hören gleichwol nicht, wir sind verstockte Thoren
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Und dencken gantz nicht nach was künfftig folgen sol,
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Wann eben dieser Fürst den anvertrauten Zoll
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Des Lebens fordern wird und Rechnung mit uns machen,
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Wann dieser schöne Bau wird in die Flamme krachen
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Und über Hauffen gehn. Da wird nicht einer seyn,
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Von denen, die verdammt, der in die Glut hinein
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Wird können auffrecht sehn. Sie müssen alle gehen
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Wo Stix, der schwartze Fluß, pflegt unbewegt zu stehen
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Und wo Cocytus laufft; da wird zu spates Leid
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Und Neu erst bey euch seyn, da wird die rechte Zeit
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Nicht mehr zurücke gehn; ihr werdet gerne wollen,
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Daß Felsen und Gebirg euch überfallen sollen!
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Umbsonst, gewiß umbsonst; so seht nun, weil ihr lebt
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Und das Vermögen ist, daß ihr nur einig strebt
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Zu bessern euern Sinn, zu dencken an die Stelle
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Der Seelen, die Gott liebt, da nichts ist von der Helle,
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Da Freuden übrig sind; so wird sich Christus auch
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Erweisen brüderlich, wie sonsten sein Gebrauch
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Gewesen von Beginn, wird selber in euch wohnen
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Und nach viel Müh' und Angst euch zieren mit den Kronen
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Der alten Ewigkeit und wird euch lassen gehn,
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Wo das Gestirne sol zu euern Füssen stehn.