Wer dieses alte Jahr wil recht und wol vollenden

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Martin Opitz: Wer dieses alte Jahr wil recht und wol vollenden Titel entspricht 1. Vers(1618)

1
Wer dieses alte Jahr wil recht und wol vollenden
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Und nach dem neuen sich zu guter Stunde wenden,
3
Der lege von sich weg der Eytelkeit Begier,
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Die nicht hieher gehört, und lobe Gott mit mir.
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Es schwinge, wer da wil, die sterblichen Gedancken
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Hoch über seine Krafft; ich wil mit nichten wancken
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In dieser grossen Fluth; wil preysen Eyffers voll
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Den, dessen That kein Mensch ergründen kan noch sol.
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Er hat auß lauter Nichts zum Ersten wollen machen
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Durch seines Wortes Krafft den Ursprung aller Sachen,
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Den Klumpen der Natur; in dieser schweren Last
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Lag alles, was jetzt ist vermischet, eingefaßt.
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Die Sonne fuhr noch nicht mit ihren schnellen Pferden,
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Der Monde nam nicht ab, der schöne Bau der Erden
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Hieng noch nicht in der Lufft, und das fischreiche Meer
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Lieff noch mit seiner Fluth nicht um die Felder her.
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Das Land stund unbewohnt, die See war nicht zu schiffen,
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Der Lufft gebrach ihr Liecht, und alle Dinge schlieffen;
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Es stritten wieder sich Naß, Trucken, Warm und Kalt,
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Der ungemachte Klotz war öd' und ungestalt
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Drauff kam der helle Schein, ließ nichts nit mehr verborgen
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Auff Gottes Anbefehl; Er hat den klaren Morgen
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Und Abend abgetheilt und Weiß von Schwartz getrennt,
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Das Finsterniß die Nacht, das Liecht den Tag genennt.
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Er hat rund um sich her das Wasser außgebreitet,
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Den köstlichen Pallast des Himmels zubereitet,
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Den Donner, Reiff und Schnee, der Wolcken blaues Zelt,
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Ost, Norden, Süd und West in seinen Dienst bestellt.
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Die strenge Fluth der See kam über einen Hauffen,
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Durch seiner Stimme Plitz gezwungen, fort zulauffen
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Auff ihrer Gräntzen Ziel. Das Schloß der Erden stund
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Mit seiner starcken Hand geleget in den Grund.
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Ein jeder that sein Amt; die Ströme müßten fliessen
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An ihren Ufer her, die Bäche sich ergiessen,
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Der frischen Brunnen Quell' entspringen unverhofft,
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Mit lieblichem Geräusch' aus tieffster Felsen Klufft.
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Die Thäler grüneten, das Erdreich stund umgeben
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Mit Blumen, trug sein Obst, das Feld die süssen Reben
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Und Oel und reiffes Korn und Kreuter mannigfalt:
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Die Bäume schlugen auß, die Hügel wurden Wald.
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Es wuchse gleichfals auch tieff in der Schoß der Erden
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Das, welches halben wir zum meisten Feinde werden,
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Das Gold, der Berge Marck, Stahl, Silber, Kupffer, Bley,
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Der köstlich Deamant und Steine mancherley.
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Die Sonne satzte sich auff ihren güldnen Wagen,
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Der Monde kam herfür, die Lufft fieng an zu tragen
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Das schöne Firmament, die Sternen giengen auff
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Ein jeglicher bekam seyn Ziel und rechten Lauff.
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Das Meer ward auch besetzt, das Heer der Fische schwummen
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In Wassern klein und groß, der Walfisch muste kommen
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Und spielen auff der See, der Krebs kroch an das Land,
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Der Hecht kam auff den Grund, die Muscheln in den Sand.
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Der Vögel leichtes Volck hub emsig an zu nisten,
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Zu singen in der Lufft und in den stillen Wüsten;
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Ein jeder kam wohin und brauchte seiner Ruh,
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Die Turteltaube nam den Weg zur Ulme zu.
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Die Schwalbe war bemüht ihr artlichs Hauß zu bauen,
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Der grüne Papegey sich selber zubeschauen,
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Der Adler schwang sich hoch, die schöne Nachtigal
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Ließ hören ihre Kunst durch Wald, Feld, Berg und Thal.
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Es giengen Vieh und Wild vermischet ohne Scheuen,
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Das Schaf trat bey den Wolff, die Gemse bey den Löwen:
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Die Kuh lieff in das Graß, der Hirsch in seinem Wald,
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Sie lebten allesamt bey vollem Auffenthalt,
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Und diß auß Gottes Krafft. Noch ein Thier war zu machen,
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Der Vogt, der Oberherr und Pfleger dieser Sachen,
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Der Mensch; den schuff er auch sein rechtes Ebenbild,
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Mit aller Herrligkeit volkommen und erfüllt.
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Und da die andern Thier' ihr Antlitz nieder drehen,
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Schuff er den Menschen recht, den Himmel anzusehen,
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Zu schauen an den Ort, nach dem er trachten sol:
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Er stund gerecht für Gott, war aller Weißheit voll.
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O, welcher Mensch vermag den Menschen zu beschreiben
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Und kan so überhoch die engen Sinnen treiben!
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Komm du und leite mich, zu reden mit Bedacht,
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O Seele der Natur, du hast ihn auch gemacht.
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Du hast das schöne Werck mit deiner Hand geschlossen
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Und künstlich auffgeführt, dich selbst darein gegossen;
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Er ist durch deine Krafft auff freyen Fuß gestellt
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Der weltberühmte Mann, ja selbst die kleine Welt,
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Die doch der grossen gleicht. Denn was ist nicht darinnen,
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Das in der grossen ist? das Häubt, das Schloß der Sinnen,
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Steht hoch, daß der Verstandt von dannen recht und wol
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Auff das, was unten ist, die Sorgen wenden sol,
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Die Glieder und den Leib bescheidentlich verwachen,
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Die hitzige Begier zahm und gehorsam machen,
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Den Zorn, den offtermals den Zaum zerbrechen wil,
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Mit Macht zurücke ziehn, und fallen in sein Ziel.
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Die Augen müssen auch weit in der Höhen stehen,
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Sich fleißig umzusehn, dem Uebel zu entgehen
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Das alle Stunden wacht und feyret niemals nicht;
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Sie sind der Sinnen Bild, der Spiegel und das Licht,
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Dabey die Liebe pflegt ihr Feuer anzuzünden,
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Der Weg, durch den sie sich kan in das Hertze finden.
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Sie werden durch den Wall der Stirnen zugedeckt,
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Der Wangen schönes Feld liegt um sie her gestreckt.
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So ist auch hoch die Zier der Nasen zu erheben,
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Doch höher auch ihr Nutz; die stete Lufft zu leben
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Geht bey ihr auß und ein. Negst dieser steht gesetzt
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Der Mund, durch den der Mensch mit Speisen sich ergetzt,
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Die Zähne hinder ihm; die Pforten von Corallen,
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Die Lippen, sind geschickt selbst auff und zu zu fallen,
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Der Zungen beyzustehn. Durch dich, du edler Mund,
104
Ward erstlich in der Welt die Art zu leben kund:
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Du hast die Menschen erst gelehret Städte bauen,
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So zuvorhin zerstreut in Wüsten und auff Auen
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Herum gelauffen sind, und nur sich alß das Wild,
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Mit Eicheln, wie man sagt, an Brodtes Stadt gefüllt
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Sich auff den Bauch gelegt, getruncken auß den Flüssen.
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Was nützlich ist von Gott und Erbarkeit zu wissen,
111
Hat der Poeten Volck mit dir erst kund gemacht
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Und auch den Unterricht von Weißheit auffgebracht.
113
Das köstliche Gehör und Wunderwerck der Ohren
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Nimt seine Bottschafft ein gleich zweyen schönen Thoren;
115
Auch ihm hat die Natur den hohen Ort gezeigt,
116
Dieweil der leichte Schall hinauffwärts allzeit steigt.
117
Die Hände sind bestellt zu treuen Schreiberinnen
118
Der Sachen, die man denckt, sie bilden ab die Sinnen,
119
Sie schaffen uns vor Neid' und arger Feindschafft Ruh,
120
Und tragen Vorrath auch den andern Gliedern zu.
121
Die Arme müssen uns mit ihrer Stärcke schützen,
122
Die Beine minder nicht alß steiffe Pfeiler stützen:
123
Die Füsse machen uns frey hin und wieder gehn:
124
Auff diesem Grunde pflegt der gantze Bau zu stehn.
125
Wil ich dann innerlich das schöne Werck beschauen,
126
Wie hat doch Gott allda so herrlich wollen bauen;
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Dem heissen Magen sind zwo Thüren auffgethan,
128
Die führt die Nahrung aus, und jene nimt sie an.
129
Dann ist die Leber ihm gleich an der rechten Seiten,
130
Die das Geblüte pflegt zu kochen und zu leiten
131
Den andern Gliedern zu, in ihr steht einverleibt
132
Die Galle, so den Koth und Schleim von dannen treibt.
133
Zur Lincken ist der Miltz, zu dem das Blut muß schiessen,
134
Das noch nicht sauber ist. Er pflegt den Leib zu schliessen
135
Dem, welcher sich ergibt in gar zu vieles Leid;
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Die Nieren nehmen weg die grosse Feuchtigkeit.
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Das Hertze hanget frey, muß in der Mitten schweben,
138
Der Seelen werther Sitz, der Schlüssel zu dem Leben,
139
Der Ursprung, so zur Lust der Menschen Geist erregt,
140
Das Hauß, das Gottes Geist selbst zu bewohnen pflegt.
141
Die weiche Lunge weiß die Rede zu versehen,
142
Zu kühlen die Natur und Lufft ihr zuzuwehen;
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Gleich wie der zarte West erfrischt das dürre Feld
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Und vor der grossen Brunst der Sonne frey behelt.
145
Der Sinnen Hauß, das Hirn, die Werckstatt der Gedancken,
146
Ist zweyfach eingehült, so das es nicht bald wancken
147
Noch Schaden nehmen kan. Hier muß ich stille stehn
148
Und sagen, mein Verstand der mag nicht höher gehn.
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Galenus und sein Volck die sollen weiter schreiben;
150
Das ist ihr Thun und Amt. Ich wil es lassen bleiben,
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Biß ich der Sterbligkeit in künfftig abgethan,
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Den Meister und das Werck zu gleiche schauen kan.
153
Diß ist das schöne Hauß. Das Leben nun darinnen,
154
Wie göttlich ist es doch; der mangelt seiner Sinnen
155
Der seine Sinnen nicht bestürtzt in sich beschaut,
156
Die Seele die Gott selbst dem Cörper anvertraut:
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Der Geist von seinem Geist', aus ihm in uns gegossen,
158
Voll Himlischer Natur, im Leibe nicht beschlossen,
159
Der über Erd' und Lufft den Weg zum Himmel nimt
160
Und ausser alle dem, was untergehn muß, kömt.
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O edles Wunderthier, zur Weißheit außerkohren,
162
Voll Geist, voll Lufft, voll Gott, vom Himmel selbst geboren,
163
Du Herr, du Ebenbild und Außzug dieser Welt,
164
Der unter sich den Lauff der hohen Sonnen stelt;
165
Du weise Creatur, du hast alßbald erkennet
166
Geflügel, Fisch' und Wild, ein jedes recht genennet.
167
Ach hettestu doch nicht so gröblich dich befleckt
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Und in der Sünden Wüst die hohe Zier versteckt;
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Nun hastu, da du jetzt in diesem schnöden Leben
170
Mit deines Leibes Last und Kercker gehst umgeben,
171
So feurigen Verstand, wie wird dein heller Schein
172
Nach dieser Zeit so hoch, so gantz vollkömlich seyn?
173
Auff daß auch Adam nicht, beraubt der süssen Liebe,
174
Das niemand gut kan seyn, in Einsamkeit verbliebe,
175
Kömt Gott, indem er schläfft, erbricht ihm seinen Leib,
176
Nimt eine Rippen weg und schafft das schöne Weib.
177
So, wann ein guter Artzt biß in das Fleisch wil schneiden,
178
Schläfft er den Krancken ein und nimt alßdann bescheiden
179
Das Eisen zu der Hand, indem er liegt in Ruh,
180
Und streicht auch unvermerckt den Schaden wieder zu.
181
Nachdem der Vater nun beginnet auffzuwachen,
182
Und siht das freundlich Sehn, das angenehme Lachen,
183
Der weissen Glieder Schnee, o, spricht er, meine Zier,
184
Ich kenne dich, mein Theil, o Bein und Fleisch von mir,
185
O du mein ander Ich, o Seele meinem Leben,
186
O meine Seele selbst, mein Trost, mir zugegeben,
187
Komm, Schwester, liebe Braut, umfange deinen Mann,
188
Ich nehme dich, mein Lieb, zu allen Fällen an.
189
So gieng das neue Par mit solchen hohen Gaben,
190
Mit solcher Herrligkeit, vollkommen und erhaben
191
Vor aller Creatur. Ach hette doch nur nicht
192
Der Fall so gantz verkehrt der grossen Weißheit Liecht;
193
Das Weib ward durch Betrug der Schlangen eingenommen,
194
Und Adam durch das Weib; sie wolten höher kommen,
195
Verloren aber so, durch Essen von der Frucht,
196
Das, was sie vor gehabt und was sie jetzt gesucht.
197
Das immer grüne Feld in Eden ward verschlossen,
198
Die Quelle, so mit Milch und Honig erstlich flossen,
199
Die worden zugestopfft, sie stunden gantz verzagt,
200
Arm, nackend und bestürtzt, und worden außgejagt.
201
Dann sahen sie den Grimm des Herren sich entzünden,
202
Dann wurden sie gewar der tieffen See der Sünden,
203
In welche sie gestürtzt; dann fing das Elend an,
204
Dem alle Menschen noch biß jetzt sind unterthan.
205
Dann ward die Sterbligkeit durch uns in uns erreget,
206
Der rechte Seelentodt, die Laster, erst geheget;
207
Der Sinnen Finsterniß verderbte den Verstand,
208
Die Lust, nicht recht zu thun, ward gegen Gott gewand.
209
Noch ließ er doch uns nicht. Dann, als des Zornes Flammen,
210
Gesetze, Tod und Hell' uns kamen zu verdammen,
211
Und solte nur ergehn das Urtheil nach Gebühr,
212
Schlug seine Güte doch des Weibes Samen für;
213
Das Lam, von Anbegin der Welt für uns geschlachtet,
214
Das aller Vätter Schar vor langer Zeit betrachtet,
215
Dem Noa sich vertraut, umringt mit See und Lufft,
216
Auff welches Abraham und Isaac gehofft,
217
Mit welchem Jacob auch, der streitbar Held, gerungen,
218
Das Josephen bewart, das Pharao bezwungen
219
Und in das Meer versenckt, das kräfftig Tag und Nacht
220
Die Kinder Israel beschirmet und bewacht.
221
Dem Moses seine Stimm' erhoben hat zu Ehren,
222
Da er den Himmel ihm begehret zuzuhören
223
Und selbst den Erdenkraiß zu seinen Zeugen nimt,
224
Dem Debora ihr Lied so geistreich angestimmt,
225
Das Josua beschützt, das Samson helffen streiten,
226
Von welchem David schon gespielet auff den Seiten,
227
Und sämtlich Jung und Alt ohn' allen Unterscheid
228
Mit hertzlicher Begier vorhin gepropheceyt,
229
Biß daß er endlich kam, das Heyl von Gott gegeben:
230
Dem sol ein jederman die Stimme nun erheben
231
Und ernstlich danckbar seyn mit aller Engel Schaar:
232
So lest man recht das alt', und nimt das neue Jahr.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Martin Opitz
(15971639)

* 23.12.1597 in Bolesławiec, † 20.08.1639 in Danzig

männlich, geb. Opitz

natürliche Todesursache | Pest

deutscher Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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