Vesuvius

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Martin Opitz: Vesuvius (1633)

1
Natur, von derer Krafft Lufft, Welt und Himmel sind,
2
Des Höchsten Meisterrecht und erstgebornes Kind,
3
Du Schwester aller Zeit, du Mutter dieser Dinge,
4
O Göttin, gönne mir, daß mein Gemüte dringe
5
In seiner Wercke Reich und etwas sagen mag,
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Darvon kein Teutscher Mund noch biß auff diesen Tag
7
Poetisch nie geredt; ich will mit Warheit schreiben,
8
Warumb Vesuvius kan Steine von sich treiben,
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Woher sein Brennen rührt und was es etwan sey,
10
Darvon der Glut sich nehrt. Apollo, komm herbey
11
Mit deiner Musen Schar, laß ihre Hand mich leiten
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Auff dieser neuen Bahn, so will ich sicher schreiten,
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Wohin mein Geist mich trägt; und du auch, edler Heldt,
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Piastens grosser Zweig, du Bild der alten Welt
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Und Liecht der jetzigen, du Hertzog von Geblüte,
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Doch mehr von Dapfferkeit, von Gaben und Gemüte,
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Das niemahls under liegt, o unsers Landes Lust,
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O deines Volckes Trost, verzeihe, wie du thust
19
Auß Demuth deiner Macht, verzeihe mir mit Gnade
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Daß ich unangesagt mit Schrifften dich belade,
21
Die gar zu schlecht für dich, ich weiß und sehe wol,
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Daß einer etwas mehr als ich besitzen soll,
23
Der Fürsten schencken will. Doch laß die Gunst mir scheinen,
24
Vermöge welcher du es pflegest wol zu meynen
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Mit aller Wissenschaft; so lieb dir je mag seyn,
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Wann dieser wilde Krieg in Kürtzen seiner Pein
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Ein Ende machen wird, daß du mit reichen Segen
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Deß Himmels, der dich liebt, den Grundt-Stein müssest legen
29
Der neuen Sicherheit, daß deine treue Hand
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Sich rege wider die, so unser Vatterlandt
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Gesonnen dörfften seyn in Blut und Brand zu setzen,
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Daß Feldt und Stätte sich an dir vollauff ergetzen
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Und daß du mögest selbst noch sehn mit Augen hier
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Die Freyheit deiner Leut' und deiner Kinder Zier.
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Der Mensch, das kluge Thier, pflegt zwar mit vielen Dingen
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Die Zeit, das kurtze Pfandt deß Lebens, zu vollbringen
37
Und leget allen Witz bey schönen Künsten an,
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Doch bessers weiß er nichts, damit er zeigen kan,
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Daß er, die kleine Welt, zum Herren sey gesetzet
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Der grossen, die ihn nehrt, als wann er sich ergetzet
41
Mit seiner Sinnen Krafft, beschaut diß weite Hauß
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Vom höchsten Giebel an zu allen Seiten auß
43
Mit Augen der Vernunfft, verschicket das Gemüthe
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In seines Schöpffers Werck, da alles reich an Güte
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Und voller Weißheit ist, und macht ihm auff den Grundt
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Die Sitten der Natur sampt ihrem Wesen kundt.
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Er steiget bevorauß dahin, woher er kommen,
48
Auff seinen Himmel zu, auß welchem er genommen
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Das Theil der Göttlichkeit; da sieht er und erkiest,
50
Wie dieses Hauses Zeug gantz schlecht und einfach ist,
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Von Ansehn und Gestalt gewölbet auffgeführet,
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Daran kein Winckelmaß noch Grösse wird gespüret,
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Rein an Beschaffenheit, gantz, nimmer wandelbahr,
54
Vollkommen, zirckelrund, erleuchtet hell' und klar,
55
Beweglich, schneller Art, an Würckung reich unnd mächtig,
56
An Kreysen wo der Thron des Höchsten stehet prächtig
57
Und wo die Sternen gehn, der Nächte Trost und Zier.
58
Auff diesen Himmelsleib erlernt er mit Begier
59
Die Cörper unter ihm, Lufft, Feuer, Wasser, Erde,
60
Ein jedes, wie es ist und was auß ihnen werde,
61
Wann warm, kalt, trucken, naß zusammen sind gebracht,
62
Durch welche Mischung dann die Farbe wird gemacht
63
Der Dinge, denen ist verliehen und gegeben
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Schmack, Kochung und Geruch, ingleichen Seel' und Leben.
65
Darunter dann der Mensch nichts Edlers finden kan,
66
Als sich, den Menschen selbst, der billich geht voran
67
Für wilder Thiere Schar, für Pflantzen und Metallen,
68
Für diesem, was wir sehn hier auff der Erden wallen
69
Und was die Lufft gebiehrt, für allem, was die Welt
70
Von dem, was weltlich ist, in ihren Armen hält,
71
Die Welt, das grosse Buch, auß derer Thun und Wesen
72
Er von demselben kan auff allen Blättern lesen,
73
Der sie erschaffen hat und seines Segens Krafft
74
So reichlich in sie geußt. Solt' uns die Wissenschafft
75
Nicht frey und offen stehn, was wolten wir viel leben?
76
Ist's darumb, daß wir nur nach Golt' und Gelte streben,
77
Auff Pracht und Ehre gehn, uns füllen Nacht und Tag
78
Und etwas anders thun, das ich nicht sagen mag?
79
Alsdann kan erst ein Mensch sich einen Menschen nennen,
80
Wann seine Lust ihn trägt, was über uns zu kennen,
81
Steigt Eyffers voll empor und dringt sich in das Schoß
82
Und Gründe der Natur; da geht sein Hertze loß,
83
Lacht von den Sternen her der Zimmer, die wir bauen,
84
Deß Goldes, welches wir tieff auß der Erden hauen,
85
Wie auch der Erden selbst. Und wann er oben her
86
Den engen Klumpffen sieht, der theiles durch das Meer
87
Bedecket, theiles bloß und unbewohnet lieget,
88
Ist Sand und Wüsteney, wird niergend gantz gepflüget,
89
Und klagt hier Schnee, da Brand, so fängt er bey sich an:
90
Ist dieses da der Punct, der nimmer ruhen kan,
91
Er werde dann durchs Schwerdt und Feuer abgetheylet?
92
Ist dieses, wo der Mensch nach nichts so embsig eylet?
93
Wir Thoren; jenes soll der Teutschen Gräntze seyn,
94
Darüber greiffe man nicht dem Frantzosen ein;
95
So weit geht Spanien. Ein Sinn, der Weißheit liebet,
96
Sieht, was man heute nimbt und morgen wieder giebet,
97
Mit sichern Augen an und ist gar wol vergnügt,
98
Wann er den Todt und Neyd durch Wissenschafft besiegt
99
Und kennt, wie möglich ist die Ursach aller Dinge.
100
O, wer verleyht auch mir, daß ich mich nunmehr schwinge
101
Auff meinen Vorsatz zu. Mein Sinn der steiget schon
102
Geflügelt in die Lufft und reisset mich darvon.
103
Was will ich aber dich durchauß von allen Ecken,
104
Campanien, besehn? Ein jedes Orth und Flecken
105
Hat seine Lust für sich. Zwar Welschland, gibt man zu,
106
Ist aller Erden Zier, deß welschen Landes du.
107
Der Himmel lacht dich an, die Lüffte, so hier streichen,
108
Sind nimmer ungesund, hier will noch Ceres weichen,
109
Noch Bacchus, jene rühmbt ihr Korn, der seinen Wein,
110
Und Flora heisset es zwey mal hier Frühling seyn,
111
Beblümet zwier das Feldt. Kein Meer ist mehr bebauet,
112
Kein Hafen weit und breit wird schöner nicht geschauet
113
Als umb Cajeta her, umb den Misener-Strandt
114
Und wo Anchisen Sohn den Weg zur Höllen fand,
115
Durch stilles Finsternüß geführet von Sibyllen,
116
Auch wo das Römer-Volck der schönen Bäder willen
117
In voller Ueppigkeit die lange Zeit vollbracht
118
Und selbst der Hannibal verlohren seine Macht,
119
Durch Laster, nicht durch Krieg. An Püschen zwar unnd Wilde
120
Sind viel Gebierge reich; hier stehn die Weingefilde,
121
Der edle Massicus, das trächtige Surrent,
122
Und Gaurus, welchen Pan für allen Klippen kennt,
123
Wo offtmahls Nereis bey stiller Nacht gegangen
124
Und in ein Rebenblat die Threnen auffgefangen
125
Für Liebe, die sie trug, und etwan Galathee
126
Den wilden Satyren nechst dem Lucriner-See
127
Durch List entgangen ist. Jedoch wird zu gegeben,
128
Es sey Vesuvius für allen zu erheben,
129
Mein Zweck, Vesuvius. Für seinen Augen her,
130
An seinen Wurtzeln schier, fleußt das Tyrrhener Meer,
131
In welchem Prochyta und Pithecusa stehen,
132
Und Nesis, wo die Lufft fast schädlich pflegt zu gehen,
133
Die Ziegen-Insel auch, da jener Keyser saß
134
Und sein betrübtes Brod mit Furcht und Zittern aß,
135
Bloß auß Gewissens-Angst zum Spiegel der Tyrannen,
136
Die erstlich gute Leut', hernach sich selbst verbannen,
137
Seynd aller Menschen Schmach und müssen blutig hin
138
Nach kurtzer Grausamkeit zur Ceres Eydam ziehn.
139
Noch näher lieget ihm Neapolis, die schöne,
140
Parthenope genandt vom Grabe der Sirene,
141
Da wo Sebethus rinnt und wo nicht weit darvon
142
Das reiche Vorwerck stund, gebaut von Pollion,
143
Pausilypus genandt; auch Maro wolte wissen
144
Hier seine Todtes-Grufft bey dieses Berges Füssen,
145
Der trächtig umb und an in schönen Wiesen liegt,
146
Der Vieh und Früchte hegt, und kühlen Schatten kriegt
147
Mit einer stillen Lust von seines Weines Reben,
148
Dem alle Zeiten her das gute Zeugnuß geben,
149
Ihm gehe nichts zuvor. Der Musen Sommer-Hauß,
150
Parnassus, steckt wie er zwey hohe Spitzen auß
151
Und raget in die Lufft. O daß doch alle Gaben
152
Der gütigen Natur so viel Gebrechen haben,
153
So mißlich allerseits und unvollkommen sind!
154
Der Erden beste Lust verrauchet als ein Wind
155
Und geht geflügelt durch, das Unglück aber wachet
156
Ehe als das Glücke schläfft; das Thier, so Honig machet,
157
Ist bey der Süssigkeit deß Stachels nimmer frey,
158
Wo eine Rose blüht, da steht ein Dorn darbey.
159
Zum ersten wann der Berg zu wüten angefangen
160
Und welche Zeit die Glut vor Alters auffgegangen,
161
Zeigt kein Gelehrter an; es ist auch nicht mein Ziel,
162
Daß ich die grosse Brunst allhier erzehlen will,
163
So da entsprungen ist, wie Titus hat regieret,
164
Darvon die Asche ward in Africa geführet
165
Und in Egypten hin; man schreibet nach und nach,
166
Wie grimmig offt und viel die schwere Feuerbach
167
Herfür gebrochen sey. Wir müssen näher kommen;
168
Der bleiche Monde hat eylff mal erst abgenommen
169
Und neue Hörner kriegt, seit daß der heisse Grund
170
Sein Feuer werffen ließ den auffgesperrten Schlundt.
171
Die Welt liegt unbesorgt mit sanffter Ruh umbgeben,
172
Als alles Landt umbher beginnet zu erheben
173
Sich selbst und was es trägt; es giebt der grossen Last
174
Mit Furcht und Zittern nach, das arme Volck verblast,
175
Der Häusser Rücken bebt, die See wird auch erreget,
176
Biß daß Aurora kompt noch bleicher als sie pfleget
177
Und ihren weissen Zug fast hinter sich läst gehn,
178
Dieweil sie umb den Berg sieht eine Wolcken stehn,
179
Dardurch ihr heller Glantz mit allen seinen Strahlen
180
Zu dringen nicht vermag, noch weiters weiß zu mahlen
181
Das gantz betrübte Feldt. Der Nächte Mittag macht
182
Die Wiesen nie so schwartz, wann deß Gestirnes Pracht
183
Im dicken Nebel steckt, als dieser Dampff sich zeiget,
184
Der wie ein Fichtenbaum hoch von der Wurtzel steiget
185
Und spreitet sich alsdann mehr weit als höher fast
186
Mit dicken Aesten auß, dieweil der Aschen Last
187
Sich in die Breyte gibt. Bald kömpt ein solches Krachen,
188
Als wann der Jupiter mit Donner in die Sachen
189
Der schnöden Menschen schlägt, daß aller Grundt der Welt
190
Erzittert, oder auch im Fall ein kühner Heldt,
191
Der für die Freyheit steht und seine grosse Thaten
192
Auff gute Sache pflantzt, mit feurigen Granaten
193
Ergrimmet umb sich wirfft und zwinget eine Statt,
194
Die noch an Billigkeit der Waffen Zweiffel hat,
195
Zu glauben, was ihr dient. Die Hitze bricht zusammen
196
Durch eine rauhe Bahn mit ihren wilden Flammen,
197
Wirfft schrecklicher Gestalt deß Berges Glieder auß
198
Und jaget mit Geschrey biß an deß Himmels Hauß
199
Den stinckichten Morast, von dessen schwartzen Sande,
200
Der Pech unnd Schwefel hält, kein Orth im gantzen Lande
201
Sich frey und sicher weiß. Es springet auch ein Fluß
202
Deß Feuers auß der Klufft, dem alles weichen muß,
203
In dem er seinen Lauff in sieben Ströme theylet
204
Und dem Gestade zu mit heissem Rauschen eylet,
205
Daß Thal und Hügel brennt; der Acker wird verheert,
206
Das Vieh, so weyden will, von Flammen selbst verzehrt,
207
Die Gräser Heu gemacht, die schattenreichen Wälder
208
Vom Grunde fortgeführt und die Phlegreer-Felder
209
Sindt nichts als lauter Glut; das alte Herculan,
210
Das lustige Castell genandt Octavian,
211
Viel Flecken voller Frucht und Dörffer stehn im Brande,
212
Die Wässer fürchten sich und fliehen von dem Lande
213
Das Volck, so nicht erstickt und gar wird fortgerafft,
214
Kompt athemloß daher, beraubet aller Krafft,
215
Lahm, nackend und halb todt, und füllt mit Weh und Zagen
216
Den gantzen Himmel an, der gleichsam mit ihm klagen
217
Und auch sich kümmern muß. Wie etwan ein Soldat,
218
Wann daß er Feind und Todt für seinen Fäusten hat
219
Und ihm der blinde Staub gleich unter Augen stehet,
220
Erhitzet Feuer giebt, und da er meynt, er gehet
221
In dessen auß Gefahr, so rennt er mehr hinein,
222
Nicht anders lauffen sie auch über Stock und Stein,
223
Von Angst und Asche blind; der giebet seinen Wänden,
224
So brennen, gute Nacht, der reißt mit beyden Händen
225
Den armen Vatter fort, der nunmehr alt und schwach
226
Gar kaum zu folgen weiß und zeucht den Stab hernach,
227
Der kan sein treues Weib und Kinder nicht verlassen,
228
Und jeglicher bemüht mit sich etwas zu fassen,
229
Das ihm für allen lieb; doch folgt der Raub nicht gar,
230
Und mancher kompt durch Geitz in Jammer und Gefahr,
231
Bleibt selber, wo sein Geldt. Die Glut muß aber weichen
232
Dem, den der Himmel liebt; sie giebet fast ein Zeichen
233
Der Gunst zur Gottesfurcht. So ward für dieser Zeit
234
Der frommen Brüder Par für Etna auch befreyt,
235
Die, als die andern zwar ihr Golt und Güter trugen,
236
Der Eltern süsse Last umb ihre Schultern schlugen,
237
Das Reichthumb ihrer Pflicht. O eine schöne Wahr!
238
Der Mutter krummer Halß, deß Vattern graues Haar,
239
Ein Feuer wahrer Treu, versichert für den Flammen;
240
Wohin sie beyde gehn, da lauffen sie zusammen,
241
Sind schamroth ihnen nur zu thun ein kleines Leyd
242
Und machen freye Bahn. Wie ist die Frömmigkeit
243
Dem Menschen fort und fort sein bester Schirm unnd Schatten!
244
Indem die Felder nun mit Pech unnd Schwefel braten,
245
Die Lufft im Feuer steht, die Püsche hin und her
246
Zu Grundt' und Boden gehn und das bestürtzte Meer
247
Die Wellen in sich schluckt, indem deß Nachts die Sternen,
248
Die Sonn' im Tage zagt, steht alle Welt von ferrnen
249
Und weiß nicht, wessen sie nunmehr gewertig sey.
250
Nach vieler Meynung ruckt der grosse Tag herbey,
251
An dem der höchste Vogt soll Recht und Urtheil hegen.
252
Viel haben diesen Wahn, es sey der Feuer-Regen,
253
Der auß den Wolcken her viel Stätte hat verzehrt,
254
Wo jetzt noch der Gestanck deß Asphaltites wehrt,
255
Den Wildt und Vogel fleucht, den keine Lufft beweget,
256
Der selber weder Fisch noch Frucht am Ufer träget
257
Und nur das Pech gebiehrt, auß welchem man erkiest,
258
Wie Gott das Laster strafft, das nicht zu sagen ist.
259
Es ist das arme Volck im Zweiffel aller Sachen,
260
Man sieht gantz Stabia, Salern und Nola wachen,
261
Es bebet Capua, die Königin der See,
262
Deß Landes bester Ruhm und Zier, Parthenope,
263
Vermeynet durch den Plitz und Donner zu zersplittern;
264
Die Thiere fürchten sich, deß Volckes Hertzen zittern,
265
Der klagt der Seinigen und jener frembde Noth,
266
Viel wündschen ihnen auch auß Todtesangst den Todt
267
Und sehen, was nicht ist. Der allermeiste Hauffen
268
Kompt auff die Tempel zu mit heisser Brunst gelauffen,
269
Sagt seine Sünden auff, spricht theiles etwas an,
270
Das selbst im Feuer steht und wenig rathen kann,
271
Und theiles weiß den Sinn doch besser zu erhöhen,
272
Zu dem der einig hilfft. So pflegt es her zugehen,
273
Wann böser Zustand ist, da nimbt man Gottes wahr,
274
Wo gutes Glücke wohnt, raucht selten ein Altar.
275
So fange Musa nun die Ursach an zu sagen,
276
Woher deß Berges Glut, das schwere Donnerschlagen,
277
Der Quell deß Feuers sey. Es glaube keiner nicht,
278
Diß was der Dichter Wahn von diesen Orthen spricht,
279
Vulcanus habe sie zu seiner Werckstatt innen,
280
Auß welcher solcher Plitz und Flammen sich entspinnen,
281
Wann er deß Jupiters Geschoß bey stiller Nacht
282
Sampt Brontes, Steropes unnd dem Pyracmon macht,
283
Daß Stahl und Amboß klingt. Sie nennen auch Giganten,
284
So auff die Himmlischen auß stoltzem Grimm entbrandten
285
Und worden endlich noch mit grosser Noth erlegt,
286
Wann Typhon sich nun hier im tieffen Kercker regt
287
Und seinen wilden Kopff auß aller Krafft erhöhet,
288
Auff dem Vesuvius als zur Beschwerung stehet,
289
So krachet, sagen sie, und bebt das gantze Landt
290
Unnd auß dem Rachen wirfft er Steine, Pech unnd Brandt.
291
Nun, diese Freyheit ist Poeten ja zu geben,
292
Als Schülern der Natur, bey denen Steine leben
293
Und Götter sterblich sind, ich habe mir erkiest,
294
Sonst nichts hier an zu ziehn als was unlaugbar ist.
295
Wir sind die jenigen an jetzt zu widerlegen,
296
Mit vielem nicht gemeynt, so für zu geben pflegen
297
Diß rühre mehrentheils nur von den Sternen her
298
Und sonderlich von Mars, Saturn und Jupiter,
299
Den Vättern solcher Macht; als wie sie dann auch lehren,
300
Daß alles was sich hier kann regen und empören,
301
An Ursach und Beginn auß ihrem Himmel sey;
302
Doch kömpt was anders noch der Warheit näher bey.
303
Das Erdrich, also weit sein grosser Umbschweiff reichet,
304
Ist löcherig und hol, weil es ihm selbst nicht gleichet
305
Und wegen vieler Art in welcher es besteht,
306
Sich von einander trennt und nie zusammen geht;
307
Auch gleichfals weil es stets entweder was gebiehret
308
Und zeuget, oder was von seinem Wesen führet
309
Und vorige Gestalt zu etwas anders macht;
310
Und dann, wie ihrer viel ihm weißlich nachgedacht,
311
Dieweil es selber lebt, in dem ihm pflegt zu geben
312
Die Seele dieser Welt ein Theil von ihrem Leben,
313
Ist in und ausser ihm, durchdringt es umb und an,
314
Daß dieses grosse Thier den Athem schöpffen kann
315
Und Blut und Adern regt. Nun weiß man, daß die Erde
316
An keinem Orthe sonst mehr hol gefunden werde,
317
Als wo deß Meeres Strand nicht ferren von ihr pflegt
318
Zu stehen, oder auch an ihre Gründe schlägt
319
Mit rauschender Gewalt; so wird auch stets gespüret,
320
Wie Tethys alles diß, was ihre Krafft berühret,
321
Verzehret und durchfrißt, besonders aber ihr
322
Daselbst macht Platz und Raum, und einreißt für und für,
323
Wo schwacher Boden ist. Wohin sie nun sich dringet
324
Und welches Erden Glied sie durch ihr Saltz bezwinget,
325
Da führt sie auch mit sich zugleich hinein den Windt.
326
Wann alle Winckel nun gantz angefüllet sind
327
Und eine Lufft nicht weiß der andern nachzugeben,
328
So brauchet sie Gewalt, fängt an empor zu streben,
329
Und weil das Wasser ihr den Gang verstopffet hat,
330
Durch den sie kommen ist, als sucht sie andern Rath,
331
Reißt umb und über sich, daß alles Land erzittert,
332
So weit die Winde gehn, daß Thal und Hügel splittert,
333
Und gibt der Stärcke nach; es ist nichts auff der Welt,
334
Das fast deß Windes Macht die rechte Wage hält,
335
Weil auch die höchste Krafft ohn ihn sich nicht beweget.
336
Der Wind macht einig nur, daß sich das Feuer reget,
337
Ohn ihn entschläfft die See, und Nereus lieget todt;
338
Da bläßt das Segel auff, da kompt ein Schiff in Noth,
339
Wann ihn der Eolus auß seiner weiten Hölen
340
Herfür läßt, daß er kan das gantze Meer beseelen
341
Und durch das blaue Saltz mit freyem Zügel gehn.
342
Die Oerter zeugen auch, so nechst dem Wasser stehn,
343
Diß rühre her wann Wind und Flut dringt in die Erden,
344
Dieweil sie mehr als sonst ein Landt erschüttert werden
345
Das weit liegt von der See; so soll auch Paphos seyn
346
Und so Nicopolis mehr als ein mal allein
347
Verkehret; Cypern ward durch gleiche Macht gereget
348
Und Tyrus und Sidon, der Stätte Zier, beweget
349
Von ihren Gründen auß. Der Mensch, das edle Thier,
350
Wohnt fast gesund und frisch in seinem Leibe hier,
351
So lange Lufft und Blut behalten ihre Gänge;
352
Wo aber diese schon durch Kranckheit in die Enge
353
Getrieben worden sind, geht Angst und Keichen an;
354
So auch, wann hier die Flut und Wind nicht kommen kann,
355
Wo ihnen die Natur zu gehen hat gegeben,
356
Alsdann beginnen sie mit Macht sich zu erheben
357
Und reissen grimmig auß. Diß ist der Unterscheyd
358
Daß in dem Leibe sich das Zittern weit und breit
359
Und von der Scheitel an biß auf den Fuß erstrecket.
360
Das Beben aber wird hier weiter nicht erwecket,
361
Als wo der Raum nur ist, in der die Lufft sich regt
362
So, da als Chalcis schier zu Grunde ward gelegt,
363
Stund Thebe Boden doch und sie blieb unberühret;
364
Als Egium erbebt, hat Patras nicht gespüret
365
Die nahe Nachbarin. Es fielen Helice
366
Und Buris sämptlich ein nechst der Corinther-See,
367
Doch ward Achaja sonst im übrigen verschonet.
368
Daß aber hier anjetzt, die weit darvon gewohnet,
369
Das Beben auch gehört und so viel Stätt' und Landt
370
Erschüttert worden sind, so ist genung bekandt,
371
Bey denen die jetzt sind und welche vormals waren,
372
Der gantze Boden hier sey umb und umb durchfahren
373
Mit Löchern, da der Wind sich dringet auß und ein,
374
Darinnen Schwefel auch gebürtig pflegt zu seyn,
375
Der Glut und Feuer hält. Das kan uns Vajä weisen
376
Und wo die Seelen hin zur Höllen sollen reysen,
377
Der schwartze Teich Avern; ingleichem Puteol,
378
Von dessen Wasser sich viel Kranckheit mindern soll
379
Und wo sich Ciecero hat pflegen zu verweilen,
380
Das Quell, so Blödigkeit der Augen weiß zu heylen;
381
Und der Vulcanus-Marckt, der eine solche Glut
382
In seinen Gründen hat, daß auch die wilde Flut
383
Mit kochender Gewalt hoch von der Erden springet
384
Und einen schwartzen Rauch auß seinem Hartze schwinget.
385
Der Leucogeer-Strom zeigt diß nicht minder an,
386
Der eine gute Lust zum Essen machen kan
387
Und ist ein Wunder-Artzt. Wie soll ich auch verschweigen
388
Der Charoneer-Grufft, auß welcher Dünste steigen,
389
Von denen Thier und Mensch in kurtzer Zeit erstickt?
390
Wann jemand aber auch sein Antlitz weiter schickt,
391
Steht nicht Enaria auff Flammen gantz gebauet
392
Und mitten in der See? Wird da nicht auch geschauet
393
Epopeus, Feuers voll, als wie Vesevus hier?
394
Komm in Sicilien, da raget Etna für,
395
Der offtmahls auch das Land mit Aschen überschneyet,
396
Mit Steinen umb sich wirfft, gepichte Flammen speyet,
397
Dem Donner ehnlich wird und läßt die Feuer-See
398
Auß seinen Adern loß. Die Insul Lipare
399
Mit noch sechs Schwestern ist nicht weit darvon gelegen,
400
Die auch sich allesampt mit gleicher Hitze regen
401
Und machen ihrer Glut zum öfftern eine Bahn,
402
Auch durch die Wellen selbst. Ist dann nun umb und an
403
So vieler Felder Grund mit Schwefel angedünget,
404
Wie kan es anders seyn, als daß er etwas bringet,
405
Was die Natur ihn heißt? Wo nun die Lufft sich regt
406
Und sucht die Hölen auß und Stein zu Steine schlägt,
407
Darbey deß Schwefels Krafft und Zunder sich befinden,
408
So geht das Feuer an, wie etwan von den Winden,
409
Wann ihr ergrimmter Sturmb den Wald zusammen treibt,
410
Ein Baum so offt und viel deß andern Aeste reibt,
411
Daß durch Erhitzung sich der liechte Loh empöret,
412
Von dem nicht eher wird zu wüten auffgehöret,
413
Biß mit der Püsche Zier den Stämmen auch das Kleyd
414
Der Erden, Laub und Graß, durchauß ist abgemeyt.
415
Wird nun ein grüner Wald hier oben angestecket,
416
Was soll der Wind nicht thun, da wo er liegt verdecket
417
Und seine Bande fühlt? Dann daß der Erden Klufft,
418
Und nicht ihr Rücken nur, ein Kercker sey der Lufft,
419
Ist leichtlich darzuthun; diß was ich von mir treibe,
420
Deß Athems warmer Geist, wohnt inner nur im Leibe,
421
Nicht in der enssern Haut. Man sieht es auch daran,
422
Daß diese Krafft die See empor bewegen kan
423
Auß ihrer Teuffe her, kan Stätte gantz verschlingen,
424
Kan Völcker ihren Sitz zu hinderlassen zwingen,
425
Kan heissen Länder seyn, wo sonst die Wellen gehn,
426
Und da die See hin thun, wo jetzund Länder stehn.
427
Nun, wie der Berg entbrennt und wann die Glut sich wittert,
428
Das gantze Land umbher mit solchem Beben zittert,
429
Ist mehrentheils erklärt; jetzt zweiffelt man daran,
430
Wie eine Flamme doch so lange wehren kan,
431
Die dannoch irrdisch ist und eher sich nicht scheydet
432
Von dem, worauff sie fällt, biß alles abgeweydet
433
Und auffgerieben ist? Nun steh' ich gerne zu,
434
Es schlieffe längest schon die Glut in stiller Ruh,
435
Wann daß sie selber nicht, auch mitten im Verzehren,
436
Geartet were stets, was anders zu gebehren,
437
Darvon sie leben kan, in dem die Feuchtigkeit
438
Und Lufft ihr Nahrung gibt und machet allezeit
439
Dem Feuer was zu thun; dann auß dem Koth unnd Erden
440
Die bey der Hitze schwitzt, pflegt ein Alaun zu werden
441
Und Schwefel und das Hartz, das Schwefel gleichet schier,
442
Braun, ölicht, heisser Art; diß ist der Zunder hier,
443
Der auch im Wasser brennt, unnd sich vom Wasser nehret;
444
Darumb auch die Gewalt der Glut nicht länger wehret
445
Als diese Feistigkeit, die offtmahls wie ein Fluß
446
Sich auß der tieffen Klufft mit Brausen heben muß,
447
Und pichen Wald und Feldt. Dieweil der Berg nun brennet,
448
Und seine Gegend stets vom Wasser wird berennet,
449
So daß, wann Hartz, Alaun und Schwefel sind verthan,
450
Ihr Samen widerumb sich doch erholen kan,
451
Und satte Nahrung hat, wie soll die Glut verschwinden,
452
Und nicht von Zeit zu Zeit sich auff das neue finden,
453
Wo sonderlich der Wind in dieses Mittel kömpt,
454
Von dem das Feuer gleich als seine Seele nimbt,
455
Und machet daß eh sich die Flamme kan erheben,
456
Die Gründe zuvor her viel Säufftzer von sich geben,
457
Und schüttern ihre Brust; wie auch zu Sturmes Zeit
458
Ein taubes Murmeln sich erreget weit und breit,
459
Und heißt der Schiffer Volck die stoltzen Segel streichen,
460
Der reissenden Gewalt so besser außzuweichen,
461
Wann die erzörnte See das schwache Hauß erwischt,
462
Und ihrer Wellen Grimm mit Lufft unnd Wolcken mischt?
463
Es scheint uns aber hier im Wege noch zu stehen,
464
Weil Pims und Eysen-Stein stets von dem Berge gehen,
465
In solcher Menge zwar, mit Krachen und Geschrey,
466
Ob diß auch nur Alaun, nur Hartz und Schwefel sey?
467
Nein; sondern wann die Glut, erzeuget von den Winden,
468
Von Feuers Art genehrt, sich selber auff muß zünden,
469
So greifft sie nicht allein die schwachen Glieder an,
470
Sie reißt die Adern auff, durchdringet, wie sie kan,
471
Der tieffen Hölen Bau, erhebt sich auß dem Grunde
472
Und treibet über sich mit auffgesperrtem Schlunde
473
Geschmeltzte Felsen auß, daß Lufft und Erde brüllt
474
Und alle Gegend fast mit Klüfften angefüllt
475
Und öde werden muß. Daß ferrner auch die Steine,
476
Die Klüfften, dieser Kieß, deß Berges Marck unnd Beine,
477
Noch nicht verzehret sind nach solcher langen Zeit,
478
Da doch so offt und viel das Feldt damit beschneyt
479
Gantz häuffig worden ist, kömpt von Natur der Erden,
480
Die niemahls also sehr nicht kan erschöpffet werden,
481
Daß sie nicht wider sich auffs neue selbst gebiehrt
482
Und ihres gleichen stets an ihre Stelle führt.
483
Noch wundert sich das Volck, und weil es bey den Sachen
484
Von ihrer Eygenschafft nicht Rechnung weiß zu machen,
485
Gebraucht die Augen mehr als Sinnen und Verstand,
486
So meynt es, was ihm nicht steht täglich für der Hand,
487
Sey über die Natur; da ihre Kunst und Stärcke
488
Sich dennoch sehen läßt durch so viel tausend Wercke,
489
Die bey und über uns sich zeigen umb und an.
490
Wer sicher und mit Ruh deß Hertzens sehen kan,
491
Wie Phebus Tag für Tag pflegt mit den liechten Strahlen
492
Der Allmacht weises Buch, den Erdenkreyß zu mahlen;
493
Wie Cynthia nach ihm, wann Hesperus der Welt
494
Den schwartzen Mantel gibt, der Wolcken blaues Feldt,
495
Gehörnert überscheint; wie Perseus flüchtig stehet,
496
Cassiepea sitzt, Bootes langsam gehet,
497
Wie ordentlich der Lentz erquicket Land und See,
498
Wie bey der Winters-Zeit deß Wassers Staub, der Schnee,
499
Den Aeckern Ruh verleyht, wie diß, das jetzt uns träget
500
Und nach dem Todte deckt, Getreyd' und Kräuter heget,
501
Die Thier' und Vögel nährt, ja wie das grosse Hauß,
502
Die schöne Creatur, die Welt, von unten auß
503
Biß oben hin an Zier und Ordnung sey vollkommen,
504
Wer, sag' ich, solches nie für Wunder auffgenommen,
505
Kan ihm Vesuvius wol etwas frembdes seyn?
506
Und will ja dieses ihm nicht ohn Bestürtzung ein,
507
Was sagt er, daß ein Fluß verschluckt wird von der Erden,
508
Und anderwerts hernach muß außgespeyet werden,
509
Wie Erasinus zwar und etwan Lycus sind?
510
Was dünckt ihn, daß ein Quell bald reich an Wasser rinnt,
511
Bald dürr und trucken ist, daß ferrner, wie sie sprechen,
512
Das Haar dem Golde gleicht von Crathis klaren Bächen,
513
Daß einer taumeln muß, so trinckt den Fluß Lyncest,
514
Und daß ein anderer den Wein durchauß verläßt,
515
Der seinen Durst ein mal auß dem Clitor gestillet,
516
Daß feister Ochsen Aaß das Feldt mit Bienen füllet,
517
Daß todtes Pferde-Fleisch den schwartzen Kefer heckt,
518
Ein Krebs den Scorpion, der Koth den Frosch erweckt,
519
Der Phenix sich verbrennt und wider selbst gebiehret,
520
Und der Corallenstein, der manche Venus zieret,
521
Eh er die Lufft erreicht, ein Kraut im Wasser war?
522
Diß alles ist Natur; wir aber sind so gar
523
Geblendet und verstockt, daß wir in allen Wercken
524
Deß weisen Schöpffers Macht unnd Ordnung nimmer mercken,
525
Als wann was neues sich, wie schlecht es auch mag seyn',
526
Für unsern Augen zeigt. Wie herrlich ist der Schein
527
Der edlen Sonnen doch, noch wirfft man das Gesichte
528
Gar selten zu ihr auff; wann aber ihrem Liechte
529
Ein trübes Finsternuß wird in den Weg gesetzt,
530
Da läufft der Pöbel zu, da wird es hoch geschätzt
531
Und furchtsam angesehn. Wir armen Leuthe pflegen
532
Mehr etwas, welches frembd' als groß ist zu erwegen,
533
Und da was undergeht, so zittern wir darbey,
534
Als ob nicht alles hier bey gleichem Rechte sey,
535
Was unterm Himmel ist. Doch mag man wol bekennen,
536
Es sey nichts schrecklichers als dieses Berges Brennen,
537
Das Schüttern weit unnd breit und heisser Schweffel-Fluß,
538
Darumb man billich auch die Hertzen trösten muß,
539
Und stärcker fast als sonst. Dann wie soll ich frey gehen,
540
Da auch die Erde selbst ihr' Eygenschafft, das Stehen,
541
Jetzt nicht behalten kan? Kracht irgendt wo ein Hauß,
542
Dem nicht zu trauen ist, da springet man herauß,
543
Läßt Küch und Keller stehn; wo wilt du Zuflucht finden,
544
Wann dieser grosse Bau, darauff wir Stätte gründen,
545
Der alles schützt und hält, sich selbst empören will?
546
Was ist für Trost unnd Rath, wo bey der Flucht kein Ziel,
547
Wohin zu fliehen ist? Will mich ein Feind verletzen,
548
So hab ich meine Faust, kan Schantzen für mich setzen;
549
Für Donner schützen mich die tieffen Hölen fast,
550
Kompt eine Windes-Braut so geht der Erden Gast,
551
Der Schiffman, Hafen-ein; wann Feuer sich erregen,
552
So trägt man dennoch auß; deß Feldes Trost, der Regen,
553
Dringt durch die Dächer nicht; zu Pestzeit heißt es: Lauff;
554
Diß Uebel greiffet weit und bricht von unten auff
555
Mit bebender Gewalt, wirfft Länder über Hauffen,
556
Läßt sicher weder Vieh noch Leute für ihm lauffen,
557
Verschluckt den jenigen zum offtern, der noch lebt.
558
Jedoch was ist es mehr, ob mich ein Mensch begräbt,
559
Er, oder die Natur? Ob ich in wenig Erde
560
Geleget, oder ja in viel verschorren werde?
561
Meynst du, Campanien sey nur ein Orth der Noth?
562
So weit du sehen kanst, mein Freund, da wohnt der Todt.
563
Vesuvius ist hier. Der Leib, der Seele Wagen,
564
Der Kercker, den der Mensch muß an dem Halse tragen,
565
Der Mensch, deß Glückes Ball, die Fantasey der Zeit,
566
Darff nicht erwarten erst, biß Etna Feuer speyt,
567
Biß Plitz und Donner kömpt, biß Statt und Land versincken.
568
Was scheuen wir die See, ein Tropffen, wann wir trincken,
569
Der nicht die Kehle trifft, kan unser Hencker seyn.
570
Was soll die Erde thun? Wir kommen doch hinein,
571
Wiewol wir auff ihr sind. Was darff mich diß bewegen,
572
Ob ich sie, oder sie sich selbst mir auff wird legen?
573
Wie wol doch stehet der, so alles, was ihm kömpt
574
Vom höchsten, der es schickt, beständig auff sich nimpt
575
Und stellt ihm, wann er sieht das Volck sein Hertz' außsaugen,
576
Mit glücklicher Vernunfft die Ursach unter Augen,
577
So in den Dingen steckt, die Welt-gemäße sind,
578
Erkennt, daß alles hier vergehet und beginnt,
579
Beginnet und vergeht, ja daß auch Gott Cometen,
580
Gewässer, Donner, Plitz und Beben als Propheten
581
Und Botten zu uns schickt, durch die er offt und viel
582
Verkündigt, wie sein Zorn an uns sich rächen will!
583
Die Träume-Weisen auch bekennen, daß den Leuthen
584
Ein Erde-Beben fast nichts anders an will deuten,
585
Als allgemeinen Fall, als neues Regiment,
586
Als grimme Krieges-Noth, die frembdesher entbrennt,
587
Als Schrecken und Gefahr. Wann Gottes Wort will sprechen,
588
Daß Gott erzörnet sey, so macht es auß den Bächen
589
Ein Pech, das diesem gleicht, verkündigt, daß das Land
590
In wüstes Schwefel-Feld soll werden umbgewandt,
591
Und gantz im Feuer stehn. So hat man wargenommen,
592
Daß niemals diese Glut umbsonst herauff ist kommen,
593
Sie führet dürre Zeit und Pest und Schlacht mit ihr.
594
Ich suche den Beweiß der Bücher nicht herfür,
595
Was vormahls sey geschehn; jetzt aber wer mag fragen
596
Was diese neue Glut deß Berges uns will sagen?
597
Der Außgang ist schon da. Das bürgerliche Schwerdt
598
Hat Teutschlandt durch und durch nunmehr fast auffgezehrt;
599
Man hat den schönen Rhein gelehrt gefangen fliessen,
600
Die strenge Donau selbst in neues Joch gerissen,
601
Die Elbe roth gefärbt, (wer ist, der nicht bereut
602
Die arme Statt darbey!) dem Ocean gedreut,
603
Der alten Freyheit Band und Ketten angeleget,
604
Der Freyheit, welche sich ein wenig kaum noch reget
605
Und doch umb Hülffe rufft. Ost, West unnd Mitternacht
606
Hat für und wider uns die Waffen auffebracht
607
Und uns und ihm gekriegt. Die Götter sind gezogen
608
Auff ihre Wolcken zu, Gerechtigkeit verflogen,
609
Die graue Treu verreckt, die Eintracht in der Flucht,
610
Der Friede sonderlich hat ihm ein Orth gesucht,
611
Das niemand finden kan. Wo ist die Zeit geblieben,
612
Die alte güldne Zeit, da keiner ward vertrieben,
613
Da keiner nicht gewußt vom Worte Mein und Dein,
614
Da alles sicher stund? Jetzt schantzen wir uns ein,
615
Ziehn Wall und Mauren für, und wann wir diese haben
616
So werden wir mit List von andern untergraben
617
Und unten auff gekriegt. Der grosse Jupiter
618
Schickt solche Schläge nicht im Wetter zu uns her,
619
Vesevus wüttet nicht mit solchem wilden Knallen,
620
Wann seine Feuer-Bach beginnet auff zu wallen,
621
Wirfft seine Klüfften nie mit solchem Donner auß,
622
Als wir, wir wildes Volck, deß hohen Himmels Hauß
623
Durch Schlangen von Metall unnd Menschen-Plitz erschellen
624
Und schrecken Land und See. Alecto auß der Höllen
625
Hat, glaub' ich, selber erst geblasen in die Glut,
626
Da als der böse Mensch das Ertz in heisse Flut
627
Gezwungen und den Zeug deß Todtes hat gegossen,
628
Wordurch ein edler Sinn muß sterben ungenossen,
629
Muß stürtzen, eh er kan beweisen mit der Hand,
630
Wie strenge daß er sey für Gott und für das Land.
631
Zur Zeit als Mann und Mann sind aneinander kommen
632
Und bloß die Tugend nur das Vortheil hat genommen,
633
Da hat auch Hertz und Muth den Krantz deß Sieges kriegt;
634
Jetzt setzt ein kahler Troß, der in dem Vortheil liegt,
635
Den besten Helden ab; Achilles, der sonst schläget
636
Mit seinem Namen nur, wird vom Thersit erleget.
637
Wie daß ihr eine Kunst doch auß dem Sterben macht,
638
Ihr Leut, und sinnet nur auff Waffen Tag und Nacht,
639
Schließt Harnisch umb den Leib, tragt Helm unnd Bickelhauben,
640
Macht Strassen in die Welt durch Mordtbrandt, Blut und Rauben,
641
Beseet sie mit Schandt und Lastern umb und an,
642
Verhindert, daß noch Recht noch Satzung reden kan,
643
Erschöpfft gemeines Gut, schont weder kleiner Wiegen
644
Noch greiser Köpffe nicht, scharrt, die begraben liegen,
645
Auß ihrer Ruh herfür und zeiget jederzeit,
646
Daß ihr zwar Christen heißt, doch mehr als Türckisch seydt?
647
Wie wird ein freyer Sinn (wo irgend Fug kan werden,
648
Die Warheit widerumb zu reden hie auff Erden)
649
Wie wird er Worte doch erfinden auff der Fahrt,
650
Die grosse Tyranney und die Ciclopen-Art
651
Mit einer klugen Hand recht an das Liecht zu setzen?
652
Für was Geschlechte doch wird jene Welt uns schätzen
653
Die nach uns leben soll? Der Himmel schreyt uns zu,
654
Steckt Wunderzeichen auß, die Erde hat nicht Ruh,
655
Wirfft Feuer umb sich her, die Lufft muß Pest gebehren,
656
Es drohet die Natur; an welches wir uns kehren,
657
So viel ein harter Felß, der auß dem Meere ragt
658
Mit scheußlicher Gestalt, nach Wind und Wellen fragt.
659
Ach, Brüder, sollen wir das Schwerdt je ferrner wetzen,
660
So laßt uns alles ja auff eine Spitze setzen,
661
Die nach der Freyheit strebt, die Gottes Sache führt
662
Und Eygen-Nutzen fleucht. Wo euch Erbarmung rührt
663
Mit Leuthen, derer Haab und Gut euch offen stehet,
664
So dencket, daß der Zweck deß Krieges einig gehet
665
Auff Eintracht und Vertrag; Krieg ist deß Friedens Knecht;
666
Wer auff was anders sieht, der hasset Ruh und Recht
667
Unnd hat kein Glücke nicht. Bedenckt die schönen Städte,
668
Die Kirchen, hiebevor zwar Stellen der Gebete,
669
Jetzt wüst und Ställe fast, der werthen Bücher Schar,
670
Die ihr (o Barbarey!) als eine schlechte Wahr
671
Zu Staub und Pulver macht und keines wider schreibet,
672
Das Recht, das jetzund schweigt und ungehöret bleibet,
673
Weil Mars die Trummel rührt, das Feldt, so öde liegt,
674
Und Pflug und Eysen darff, mit dem man jetzund kriegt.
675
O Christe, Gott und Mensch, der du herab bist kommen
676
Und hast uns in den Bund der Ewigkeit genommen,
677
Auff, ruste deine Hand, reiß auß das grimme Schwerdt
678
Dem Volcke, das Gesetz' und Billigkeit verkehrt,
679
Laß seyn uns, wo wir sind, und wo wir nicht sind, ziehen;
680
Laß Land unnd Feldt mit Frucht, mit Zucht die Hertzen blühen,
681
Schick' uns das Himmel-Kind, den theuren Frieden her,
682
Erlöse dieses Landt von Furchten und Beschwer,
683
Gib, daß man überall die Freyheit höre melden,
684
Ja endlich auch, o HERR, schütt auff den frommen Helden,
685
Dem diese Schrifft gehört, unnd auff sein gantzes Hauß
686
Versicherung der Ruh und allen Segen auß.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Martin Opitz
(15971639)

* 23.12.1597 in Bolesławiec, † 20.08.1639 in Danzig

männlich, geb. Opitz

natürliche Todesursache | Pest

deutscher Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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