Indessen daß mein Sinn der Welt gemeines Ziel

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Martin Opitz: Indessen daß mein Sinn der Welt gemeines Ziel Titel entspricht 1. Vers(1629)

1
Indessen daß mein Sinn der Welt gemeines Ziel
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Vernichten und sein Lob auff etwas stellen will,
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Das gut ist und die Zeit deß Lebens gut kan machen,
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So komm, o höchstes Gut, du Ursprung guter Sachen,
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Deß Bösen ärgster Feind, erwecke mir Verstand,
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Verleyhe kecken Muth und schärpffe meine Hand
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Zu dringen durch den Neyd deß Volckes von der Erden,
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Das sonst mit seiner Schar mein Meister möchte werden
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Und Warheit kaum verträgt. Du aber, wehrter Heldt,
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O mehr als guter Fürst, dem diese Lust gefällt,
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Der du das Gute liebst, von dem ich hier will singen,
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Beschaue neben mir, wie nichts an vielen Dingen,
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Am Guten Gutes sey, das gut heist und nicht ist
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Und wenig diesem gleicht, was du dir hast erkiest.

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Der Vatter der Vernunfft unnd Kunst und vieler Wercke
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Prometheus hatte zwar auß seiner Weißheit Stärcke
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Dem Menschen, welchen er vor ohne Geist gemacht,
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Deß Feuers edlen Schein vom Himmel eingebracht,
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Durch nütze Dieberey in seines Leibes Höle,
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Die erstlich dunckel war, daß also Witz und Seele
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Deß Cörpers Wirthe sind, wann Epimetheus nicht
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Ein Faß hätt' auffgethan und an das Sonnen-Liecht
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Viel Uebel, das uns kränckt, mit Hauffen außgelassen.
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Der Arme wolte sich zwar mit dem Deckel fassen,
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Zu stopffen diß Geschirr; doch leyder gar zu spat,
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Was einmal Lufft bekompt, das gibt auff keinen Rath
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Und kehrt nicht wider umb. Seit angeregter Zeiten
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Sind Armut, Ueppigkeit, Betrug, Gewalt und Streiten
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Und Kranckheit und der Todt geflogen umb und an
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Durch alles was der Tag bey uns bescheinen kan.
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Prometheus hat uns wol ein klares Liecht gegeben,
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Ein Feuer auffgesteckt, dem Rechten nach zu streben,
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Zu kennen, was uns dient, sein Bruder aber macht,
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Daß schwartzer Nebel sich mit einer dicken Nacht
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Umb unser Hertze legt und läßt uns nicht entscheyden
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Wohin zu gehen sey; was billich, das vermeyden,
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Was falsch ist, suchen wir; worauff deß Menschen Muth
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Am meisten sieht und denckt, das heißt sein bestes Guet.

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Ein Theil das pfleget sich zum Ertze zu verdammen
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Und Höllenab zugehn; da lesen sie zusammen
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Das Gold, den reinen Koth, der bleichen Sorgen Kindt,
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Deß Glückes Außgespey, den Rauch, den theuren Wind,
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Der in die Tugend stürmt. Sie scharren auß der Erden,
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Wordurch sie mehr unnd mehr dem Himmel frembde werden,
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Darein kein Goldt nicht kompt. Sie holen über Meer
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Auß einer andern Welt der Laster Werckzeug her,
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Versetzen ihren Halß den Wellen selbst zum Pfande,
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Sind Blutarm auff der See umb reich zu seyn zu Lande,
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Das weit von dannen liegt. Wo ist dein Sinn und Rath?
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Was baust du auff ein Hauß, das keinen Boden hat,
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O Mensch, du Glückes-Ball, was haust du auß den Gründen,
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Und suchest in der Bach, im Sande deine Sünden?
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Was lauffst und rennest du und schwitzest Tag unnd Nacht,
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Was trägst du diese Last, die sorgenvolle Pracht
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Durch Recht und Unrecht ein? Daß Jason doch ist kommen
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An Colchos wilden Strand und hat das Fell genommen!
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Nun weiß man umb das Golt und auch umb Hassz und Streit;
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Da noch kein Goldt nicht war, da war die güldne Zeit.

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Die Götter haben selbst das, was wir Goldt jetzt nennen
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Und erstlich Erde war, gar langsam lernen kennen:
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Man sagt, daß Jupiter, zu zeigen seine Macht,
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Auff einen Feyertag den Plitz herfür gebracht,
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Neptun den Dreyzackstab; Minerva trug die Eule,
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Die Harpffe Cynthius, Alcides seine Keule,
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Die braune Ceres Korn, Pan Pfeiffen, Flora Graß
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Und Amor sein Geschoß; ein jeder wuste was,
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Mit dem er Meister ward; doch hatte schon für allen
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Der grosse Fürst Neptun dem Mittel wolgefallen,
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Wo nicht die Erde noch auff ihre Schoß gezeigt.
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Wie wann des Tages Zier die Sonne seewerts steigt
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Und ihre Strahlen läßt mit einem schönen Blincken,
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Daß Landt unnd See sich freut, den süssen Schlaff-Trunck trincken,
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So ließ sie gleichfalls auß deß Goldes falsche Pracht,
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Dadurch der Himmel auch ihr dienstbar ward gemacht.

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Alsbald nimpt Jupiter ihm Goldt zu seinem Throne,
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Zum Scepter, den er trägt, die Juno ihr zur Krone,
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Mercur umb seinen Stab, der vor nur höltzern war,
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Und Pallas umb den Schildt: Der Gott der Krieges-Schar,
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Mars, läßt ihm Helm und Schwerd, der Titan seinen Wagen,
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Saturn das Siegelhefft mit Goldte gantz beschlagen,
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Ja der Gerechtigkeit, die nie geliebt den Schein,
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Muß ihre Wage-Schal jetzt selbst vergüldet seyn.
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So ist das arge Goldt ein Gott der Götter worden,
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Der Himmel geitzet auch und reitzt mit seinem Orden
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Den, der bey Gütern darbt, der seinen Feind bewacht,
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Sich hasset und liebt Gelt, das blind ist und blind macht,
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Lahm kömpt, geflügelt weicht; der sein Gemüthe hencket
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An einen güldnen Strick und nie vernünfftig dencket,
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Daß dieses, was man kriegt und auch besitzt mit Pein
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Und übel leben lehrt, kein rechtes Gut kan seyn.

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Was soll ich aber dann von Ehr und Würden sagen,
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Darauff ein stoltzer Geist sein gantzes Wolbehagen
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Und alle Sinnen setzt? Ist diß das beste Gut,
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Wann einer, dem sein Leib, sein eygen Fleisch und Blut
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Zum Herren worden ist, deß andern Leib und Leben
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In seinen Händen hat, beherrschet nur was neben,
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Und nicht was in ihm ist? Diß Fell, diß Ueberkleydt
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Kan underthänig seyn; der Sinn bricht durch die Zeit
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Und aller Fürsten Sinn, er läßt sich nicht regieren
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Von einer frembden Hand, nicht bey der Nasen führen,
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Als wie ein armes Vieh, und was du für Gewalt
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Hast über seine Haut, das hat auch dergestallt
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Ein andrer über dich. Diß wird kein Gut nicht heissen,
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Worauff ein böser Mensch sich pfleget zu befleissen,
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Der alles Uebel thut, zu treffen auff sein Ziel,
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Und wann es troffen ist, schafft, was er kan und will.

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Es ist ein grösser Lob, daß gute Leute fragen
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Warumb nicht, als warumb dir was wird auffgetragen.
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Was kümmert Cato sich, daß etwan ein Vatin,
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Ein Narr hoch oben sitzt? Ich bleibe, wer ich bin,
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Wann ich zu Fusse geh' und Struma prächtig fehret,
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Der zwar so viel nicht kan, doch aber mehr verzehret,
113
Dann einer, der nichts weiß, als nur verständig seyn.
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Du Stock, die gantze Statt die kennet deinen Schein;
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Kreuch in ein Löwen-Fell, so reden doch die Ohren;
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Durch Hoheit wird der Standt deß Hertzens nicht verlohren;
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Die Aehre beuget sich, worinnen Körner sind,
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Die auffrecht steht, ist Spreu und fleuget in den Wind.

119
Zwar köstlich ist es wol, ein Theil der Welt regieren,
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Herr vieler Herren seyn, das Schwerdt und Scepter führen,
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Besitzen Gut und Blut, doch ist hier minder Ruh
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Als auff der wilden See, die grimmig ab und zu
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Mit ihren Wellen jagt und nie vermag zu stehen.
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In einem grossen Hoff, wo tausend Leuthe gehen
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Zu suchen Gnad' und Recht, da schleichen auch hinein
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Gefahr, Betrug und List; es führt der grosse Schein
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Viel Schatten hinter sich. Die auff dem Throne sitzen
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In voller Herrligkeit und also häuffig schwitzen,
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Was meynst du, daß es sey? Der Sommer thut es nicht,
130
Die Sonne kan nicht hin; was auß der Stirnen bricht,
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Ist Arbeit und Beschwer. So viel hier Leute dienen,
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Sind ihnen mehrentheils zu Dienste selbst erschienen,
133
Die ehren nur die Macht deß Fürsten und nicht ihn,
134
Und wann sein Glücke fällt, so gehn sie auch dahin.

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Ist ferrner diß so gut, ein starckes Lob erlangen,
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Bekandt seyn weit und breyt, mit grossem Titul prangen,
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Der kaum kan auff den Brieff der edlen Ahnen Zahl
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Zerstümmelt und zerhackt umb einen gantzen Saal
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Mit Wappen und Panir in ihrer Ordnung weisen?
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Ich ehre deinen Standt; doch soll ich dich auch preisen,
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So lebe ritterlich und laß mich unverlacht,
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Ob du gleich edel bist gebohren, ich gemacht.
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Wann schon ein gutes Pferdt auß Barbarey nit kommen,
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Wann seine Schlacht schon nit von Naples ist genommen,
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Das sonst nur edel ist und erstlich trifft das Ziel,
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Es habe gleich sein Graß gefressen, wo es will,
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So kriegt es doch den Preiß. Die Bilder, die hier stehen,
148
Von welcher wegen du pflegst oben an zu gehen,
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Die ruffen auff dich her und schauen, was du thust;
150
Folg' ihrer Tugend nach, hast du zum Lobe Lust.

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Die Schönheit wird es seyn, die gut genennt kan werden,
152
Dann alles schön ist gut; das schöne, was der Erden
153
Allhier nichts schuldig ist, was alles schöne macht,
154
Was Titans Hauß besternt, was güldner Blumen Pracht
155
Auff Feld und Wiesen setzt, und Wald auff grüne Hügel,
156
Was Brunnen Quelle gibt und Vögeln ihre Flügel
157
Und alles uns verleyht, was schönes an uns ist,
158
Dasselb' ist schön' und gut. Wer dieses nicht erkiest,
159
Nicht gut von ihm lernt seyn, der will mit etwas prangen,
160
Das keiner Hoffart werth. Die rosenroten Wangen,
161
Der lilienweise Halß, die Augen, dieser Mund
162
Sind eine schöne Wandt, ein Hauß, das seinem Grundt
163
Von innen haben muß. An Cedern, an Cypressen,
164
Am Lorbeerbaume zwar ist keine Zier vergessen,
165
Die Früchte desto mehr; ein wolgemahltes Weib,
166
Das nichts zu zeigen weiß, als seinen zarten Leib,
167
Ist ein gemeiner Raub, dem Mann' ein theures Prangen,
168
Den Eltern eine Schmach, den Frembden ein Verlangen,
169
Der andern Frauen Neyd, ein schöner Koth und Wust,
170
Ein Opffer und Altar der offentlichen Lust,
171
Und was du haben wilt. Gestalt pflegt auß zu tretten,
172
Und ist ihr Kuppler selbst; die keiner hat gebetten
173
Die bleibt am meisten keusch. Es weiß die gantze Welt,
174
Daß reiner Wille sich mit Schönheit kaum gesellt,
175
Mit Schönheit, welcher Stahl und grimmes Feuer weichet,
176
Doch die nicht minder bald zerrinnet und verbleichet,
177
Wie eine Blume thut, die mit dem Tage steht
178
Und wan der Abend kömpt mit ihm auch untergeht.

179
Viel suchen grossen Ruhm und meynen zu bekleiben
180
Durch Lob, das nimmer stirbt mit Lesen und mit Schreiben,
181
Und sehen diß doch nicht in ihren Büchern an,
182
Daß einer, welcher Lob und Ruhm verachten kan,
183
Sey über alles Lob. Was wilt du dich bemühen,
184
O Mensch, der Sterbligkeit deß Menschen zu entfliehen,
185
Wann du die Menschen fleugst, machst noch im Leben dir
186
Auß deinem Hauß' ein Grab und tichtest für und für
187
Auff Bücher an den Mayn zur Messe fort zu senden,
188
Da kluge Thorheit wird von so viel tausend Händen
189
Durch Land und See geschlept? Bedencke, daß die Welt
190
Noch einen weitern Raum als Teutschland in sich hält,
191
Und Holland auch darzu. Vermeynst du, daß dein Wesen
192
Madrill, Pariß und Rom pflegt sonderlich zu lesen,
193
Da mehr Gehirne wächst? Drückt an Quinsai Bach
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Deß Landes China Volck dir deine Träume nach?
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Kennt Nilus deine Hand? Sey sicher, dieses Schlachten,
196
Das keiner Völcker schont, wird deiner Kunst nit achten;
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Die Weißheit nem' ich auß, die Noth und Tod zerbricht;
198
Wer diese Kunst nicht kan, der kan gar keine nicht.

199
Noch hab' ich nie gesagt von Epicurus Söhnen,
200
Der rauen Art, die Gott und Menschen pflegt zu höhnen
201
Und schätzet ihren Bauch für Gott und für ihr Gut;
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Denselben opffert sie den Wein, der Erden Blut,
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Und lebet so dahin, als dörffte sie nicht sterben
204
Und stirbt, als sey hernach kein Leben mehr zu erben;
205
Sie denckt nicht eines an, daß ihre Schwelgerey
206
Der blossen Dürfftigkeit und Kranckheit Mutter sey.

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Was klaget doch so sehr deß Volckes Lentz, die Jugendt,
208
Der Tag verlauffe sich und sey zu kurtz zur Tugendt?
209
Die selbst fleugt für der Zeit und nicht die Zeit für ihr.
210
Was scheubest du viel auff? Dein heute das ist hier,
211
Nicht lebe morgen erst. Du must das wilde Fressen,
212
Den Wein, der Venus Milch, die Venus auch vergessen,
213
Zu leben nach Gebühr. Was deine Gurgel heißt,
214
Worauff ein Bauersmann und Schiffer sich befleißt,
215
Was See und Acker trägt, das wird gezeugt zum Leben
216
Und bringt das Leben umb; wilt du dem Leibe geben,
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So frage die Natur. Man soll, daß uns der Wein
218
Nicht Schaden bringen mag, ihm selber schädlich seyn,
219
Und Bach darunter thun. Die Vollheit lehret hassen,
220
Entdeckt, was dunckel ist, pflegt Argwohn außulassen
221
Und alles, was nit taug: sie schärpfft die schnöde Brunst,
222
Die Liebe, welche nichts von einer Himmels-Gunst,
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Vom besten Guten weiß. Dann wohnet solchen Dingen
224
Auch etwas Gutes bey, die bösen Außschlag bringen?
225
Die Liebe sucht in Müh' und Arbeit ihre Ruh,
226
Im Schmertzen ihre Lust, schleußt dessen Hertze zu,
227
Der ihr die Augen gönnt, heißt Knechte nach den Frauen,
228
Den Edlen nach der Magdt, den Greiß nach Jungen schauen,
229
Beschönt, was graulich ist; sie wird in Angst begehrt,
230
In Hoffnung fort gepflantzt, in Furchtsamkeit gewehrt,
231
Und Eckel folgt ihr nach: Die Röhte, dieses Blicken,
232
Der Schweiß, das Hertzenweh, diß Auff- und Niderschicken,
233
Der Säufftzer zeiget ja, daß ihre beste Frucht
234
Ein wahres Stücke sey der rechten schweren Sucht.

235
O Gut, o böses Gut, was kanst du denen geben,
236
Die deine Folger sind und dir zu Dienste leben!
237
Du Wollust, wann du mir zu schauen hast gebracht
238
Die Furche, die ein Schiff auff wilder See gemacht
239
Und eines Adlers Flug, so will ich dir auch finden
240
Den Weg, auff welchen du gewohnt bist zu verschwinden
241
Und nimbst mit dir dahin die Blüte von der Zeit,
242
Vor welche du nichts gibst, als Armut, Schmach unnd Leyd.

243
Komm mit mir, wann du kanst; ich will dir etwas weisen,
244
Darnach du nicht erst darffst biß in Peru hin reysen,
245
Wo solcher Werckzeug wächst, darauff dein Volck sich fleißt.
246
Komm mit mir an den Orth, der Vielguet ist und heißt,
247
In unserm Schlesien, dem jetzt nicht reichen Lande,
248
Das dennoch Vielguet hat; schau an dem kleinen Strande
249
Der Weyde dessen Ruh, der seinen Sinn gesetzt
250
Auff etwas, das den Leib und Sinn zugleich ergetzt.

251
Vergönne mir, o Trost des Landes, dein Verweylen
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Und angenehme Lust auch andern mit zu theylen;
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Ein Fürst, ein hohes Haupt, ist ein gemeines Gut,
254
Kan nicht verborgen seyn, und was er sagt und thut,
255
Ja fast auch bey sich denckt, zerbricht und wider bauet,
256
Das wird von Jung und Alt begierig angeschauet
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Und hin und her geweltzt. O wol dem, der wie du
258
Kein anders nicht beginnt, als wo das Volck darzu
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Mit Hauffen rennen mag und auff die Wage setzen
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Das Leben, so er führt! Ein Stein pflegt Stahl zu wetzen,
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Die Obrigkeit ihr Volck; ein Mensch wie ich, der fällt
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Und steht auch heimlich auff, ein Herr für alle Welt.

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Wohin nun soll ich wol die Augen erstlich senden?
264
Dein Vielguet, edler Fürst, das ist an allen Enden
265
Ein Vielguet, wie es heißt, ein Wohnplatz aller Ruh,
266
Ein Außzug der Natur und trifft dem Namen zu,
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Als wie der Name dir. Hier hast du auffgesetzet
268
Ohn Hoffahrt, nicht ohn Lust, ein Hauß, das dich ergetzet
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Und deine Sorge kühlt, so durch dein hohes Ampt,
270
Durch unser Vatterland und durch uns allesampt
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Dir stets wird auffgelegt. Was wolt ihr Menschen bauen
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Biß nach den Wolcken zu? Was laßt ihr Marmor hauen
273
Mit solcher theuren Kost? Worzu taug dieser Pracht?
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Was mauret ihr euch ein? Die Unschuld wird bewacht
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Von ihrer Frömmigkeit. Was wolt ihr euch beschliessen,
276
Verriegeln umb und umb, und fürchtet das Gewissen,
277
Das mitten in euch wohnt? Was hilfft es, daß die Wandt
278
Von aussen schöne sey, und drinnen fehlt Verstandt,
279
Deß Hauses bester Schmuck? Es ließ ihm Nero machen
280
Gar einen güldnen Hoff, darein von allen Sachen
281
Nichts Schlimmers kam, als er, der Wust, der schnöde Grauß,
282
Der gantzen Erden Spott. Hier ziert der Herr das Hauß,
283
Das Hauß, so ferren liegt von Falschheit, von dem Neide,
284
Der in Pallästen wächst. Der stille Strom, die Weide,
285
Laufft ringes hier umbher und wird doch kaum gehört;
286
Und dieses hat ihn auch sein Hertzog selbst gelehrt,
287
Das Bildt der Gütigkeit. Hier wohnen die Najaden,
288
Der keuschen Nymphen Chor, so mit den Schwanen baden,
289
Die unser Phebus liebt, weil keiner, wie man sagt,
290
Wann Zeit zu sterben ist, sich über diß beklagt,
291
Was Todt genennet wird: sie fangen an zu singen
292
Ein süsses Grabe-Lied und gehn von diesen Dingen
293
Mit solcher Frölichkeit, als ihnen auch bewußt
294
Wie uns und kündig sey, daß dieser Erden Lust
295
Zergeht und eytel ist. Hier sieht man frölich irren
296
Umb ihre Körbe her mit einem süssen Kirren
297
Der frommen Tauben Schar; hier Vieh und Herde gehn
298
Auff ihre Weyde zu; hier schöne Rosse stehn
299
Durch ihren gantzen Stall. Geliebt dir zu spatzieren?
300
Hier kanst du dich zur Lust der Gärten lassen führen,
301
An welchen die Natur nicht wenig hat gebaut
302
Und reichlich sich erzeigt. Hast du auch sie beschaut,
303
So nim der Wiesen war; hier lebet auff den Teichen
304
Der Endten zahmes Wildt; hier sind die hohen Eichen,
305
Der Pusch, so allerseits den gantzen Orth umbringt,
306
Wo Pan, der Waldtgott, selbst mit seinen Faunen singt
307
Und umb die Stauden tantzt, wo manche Drias gehet,
308
Und durch ihr kühnes Lob den starcken Sinn erhöhet,
309
Der alle Liebes-Brunst getrost verlachen kan,
310
Wo manches schnelles Wild auff seiner freyen Bahn,
311
Die ihm sein Herr gezeugt, der einig Macht zu schonen
312
Und Macht zu nehmen hat, mag ungehindert wohnen,
313
Mag lauffen hin und her. Du immergrüner Waldt,
314
Ihr Bäume Jupiters, der Hirschen Auffenthalt,
315
Der leichten Hindin Ruh, ihr Häuser der Geflügel,
316
Ihr frischer Hitze-Schirm, ihr Thäler und ihr Hügel,
317
Ihr Wiesen, Pusch und Feldt, ihr Ort der Einsamkeit,
318
Wer euch besuchen kan, wer seine stille Zeit
319
Mit eurer Lust vermengt und läßt sich diß ergetzen,
320
Was ihm sein Schöpffer gibt, den muß man selig schätzen,
321
Muß preysen seine Lust, es mag deß Glückes Schein
322
Und dieser Zeiten Lauff gleich noch so böse seyn.

323
Ihm wohnt viel Gutes bey und seinem gantzen Leben;
324
Wann sich die Sonne will auß ihrer Ruh erheben
325
Und schickt die Morgenröth im Kühlen vor ihr her,
326
So steht er auff mit ihr, sein Haupt ist ihm nicht schwer
327
Von einer frembden Last; er pflegt sich an zu legen,
328
Zwar sauber, doch nicht stoltz, mit seinem Morgensegen,
329
Und ruffet dessen Schirm zum allerersten an,
330
Ohn welchen weder Mensch noch Thier sich regen kan,
331
Der alles schafft und ist; ihn lobt er mit dem Munde
332
Und mit dem Hertzen auch, und bringt die erste Stunde
333
Mit seinem Helffer zu. Auff dieses, wo sein Sinn
334
Und nicht ein andrer will, da geht er selber hin,
335
Verwündschet, daß ihn Gott auch ferrner also treibe,
336
Zu leben, wie er heischt, und bey gesundem Leibe
337
Gesundes Hertze sey, nimbt also frölich für,
338
Was seines Amptes ist, verfähret nach Gebühr
339
In allem, was er schafft, und läßt ihm sein Gewissen
340
Mit Sachen, die ihm nicht gebühren, unzerrissen
341
Und treibt sie also fort, daß auch der helle Tag
342
Diß was er redt und thut und denckt bescheinen mag.

343
Kömpt dann das Mittagsmahl, so pfleget er zu leben
344
Von diesem sonderlich, was ihm sein Gut gegeben,
345
Was etwan auff der Jagt sein Windspiel hat gehetzt,
346
Darmit er vor den Muth, jetzt auch den Leib ergeßt,
347
Was ihm sein Teich gebracht, ißt seinen reinen Bissen,
348
Nimbt seinen klaren Trunck mit redlichem Gewissen,
349
Ist sicher, daß kein Gifft auff dessen Tafel kan,
350
Der seine gantze Zeit dergleichen nichts gethan,
351
Das Gifftes würdig ist; ihm wird ein Glaß gereichet,
352
Nicht zwar, darvor ein Mensch verschwartzet unnd erbleichet,
353
Ein helles Cristallin, darauß ihm, wann er trinckt
354
Deß Bacchus schöner Glantz biß in die Augen blinckt.

355
Er siehet frölich zu, wird eines außgestochen,
356
Das Muth zu reden macht; als wie vor wenig Wochen
357
Die güldne Stutte war, die, also ritterlich
358
Ich meinen Mann gewehrt, mich dennoch neben sich
359
Fast hätte hingelegt. Der Wein erfrischt die Alten
360
Und weckt die Jugend auff; ich kan darvon nichts halten,
361
Das einer gar kein Glaß in seine Fäuste nimbt
362
Und zu der Sicherheit deß Lebens nüchtern kömpt.
363
Es heißt uns die Natur mit Masse mässig leben,
364
Die ihrer Güter Schar nicht hat umbsonst gegeben:
365
Wer seine Zeit vollführt, wie jetzund wird gesagt,
366
Der weiß, was sich geziembt, sitzt, wie es ihm behagt,
367
Heißt wegthun, wann er will, erträgt nicht Zanck unnd Streiten,
368
Das voller Sinn gebiehrt, läßt doch den Frölichkeiten
369
Beym Essen ihren Platz, thut alles nach der Lust,
370
Die dieses Reichthumb hat, ihm selbst seyn wol bewust.

371
Im Fall er also dann mit Ruh ist auffgestanden,
372
So nimbt er nachmahls auch kein anders unterhanden,
373
Als einig, was ihn Gott und sein Gemüte heißt;
374
In dem der Hundes-Stern anjetzt so hefftig gleißt,
375
Und Feldt und Wiesen kocht mit seiner schweren Hitzen,
376
Erkiest er ihm ein Orth, an dem er frey kan sitzen,
377
Liegt etwan bey ein Quell, sucht Schatten an der Bach,
378
Spatziert umb ihren Strandt den kühlen Bäumen nach
379
Und bringt die Stunden hin mit ehrbaren Gedancken,
380
Die immer eines sind, nicht augenblicklich wancken,
381
Als wie ein schwaches Schiff, das, wo der Wind hin steht,
382
Den blinden Wellen nach mit vollem Segel geht.

383
Indessen will nun fast das grosse Liecht der Erden,
384
Das Auge dieser Welt, wie wir auch, schläffrig werden,
385
Da nimbt er widerumb das Nachtmal also ein,
386
Daß wol zu sehen ist, den Tag ein mal satt seyn
387
Sey der Natur genung; legt dann darauff sich nider
388
Und allen Kummer auch, danckt seinem Schöpffer wider,
389
Befiehlt ihm Leib und Geist, der ihn die gantze Nacht,
390
In dem er ruhig schläfft, gar vätterlich bewacht.

391
O drey und vier mal ist ja selig der zu nennen,
392
Der also leben kan und keinen besser kennen
393
Nicht lernet als sich selbst; der, was sein Standt und Zeit
394
Nur immer leyden will, mit stiller Einsamkeit
395
In dem, was sein ist, lebt, und bey sich kan vernichten,
396
Wo Ruh und Einfalt wohnt, worauff die Leute tichten,
397
Das nichts als eytel ist. Was nutzt ihn der Demant,
398
Daß viel zu theure Glaß, an seiner werthen Hand?
399
Kan etwas, das nicht lebt, deß Menschen Glieder zieren,
400
Der Seel' unnd Sinnen hat? Der Raub von wilden Thieren,
401
Der Würmer Webe-Garn, soll dieses Hoffart seyn?
402
Habt ihr nichts Eygnes nicht, muß euer gantzer Schein
403
In dem, was flüchtig ist und ausser euch bestehen?
404
Den Höchsten hat beliebt euch gleichfalls zu erhöhen;
405
Ihr aber schätzet euch noch minder als ein Thier,
406
Dieweil ihr ja von ihm entlehnet eure Zier
407
Und seine Schuldner seydt. Wer an dem Orte wohnet,
408
Wo Demut Wirthin ist, der bleibet gantz verschonet
409
Von solcher falschen Pracht und Gauckeley der Welt,
410
Die nur gemeiniglich von nichts am meysten hält.

411
Er fraget von ihm selbst sein Hertze, das nicht leuget,
412
Nicht Schmeichelworte giebt, und wann er je betreuget
413
Mit einer guten List, so stellt er auff ein Wildt,
414
Auff keinen Menschen nit. Er zeugt kein falsches Bildt
415
Für sein Gesichte her, er redet, was er dencket,
416
Und dencket, was er redt, hat nichts bey sich versencket,
417
Das andern Schaden bringt, er führt sein Hertze bloß,
418
Sein Hertze, welches ja ein Schutz, ein starckes Schloß
419
Und freyer Hafen ist. Er zähmet seine Sinnen,
420
Die nur sehr irrdin sind, und führet sein Beginnen
421
Auß ihren Augen weg, sein Geist sieht über sich
422
Und weiß, daß diese Last der Zeit, so ihn und dich
423
Von allen Seiten drückt durch Leyd nicht ist zu wenden;
424
Drumb nimbt er, was Gott schickt mit außgestreckten Händen,
425
Mit eysernem Gemüt und allen Freuden an,
426
Erkennt, daß beydes er kein Uebel leyden kan
427
Und auch kein Uebel thun, verhenget böse Sachen,
428
Braucht Ruten unnd auch Schwerdt, die Bösen gut zu machen,
429
Die Guten besser noch, zu prüffen, wer ihn liebt,
430
Und wer ihm Hertz und Sinn in beydem Glücke giebt.

431
Ein armes junges Kind nimbt offtermals ein Messer
432
Und spielet umb sich her, ein Vatter weiß es besser,
433
Beraubt es ohn Gefahr; so thut der Vatter auch,
434
Der alles hat erzeugt, und reißt uns den Gebrauch
435
Der scharpffen Güter auß, darein ein Mensch sich stechen,
436
Ja Seel' und Halß zugleich darüber köndte brechen.
437
Wie bitter er auch ist, so nim den Tranck nur ein,
438
Den er, dein Artzt, dir reicht, wo du gesund wilt seyn.

439
Ein Leben, das von Noth, von Creutze nicht kan sagen,
440
Dem alles auff der Welt ergehet mit Behagen,
441
Ist wie ein todtes Meer, das gantz steht unbewegt
442
Und niemals an das Landt mit seinen Wellen schlägt.
443
Ein Fechter fordert auß, ein Landtsknecht liebt das Kriegen,
444
Ein weiser Mannes-Muth will über Unglück siegen,
445
Begehrt den Feind zu sehn; er steht, wann alles fällt,
446
Und schlügen schon vielleicht auch Stücke von der Welt
447
Auff seinen Halß herab; er kan mit grossem Hertzen
448
Vernichten Furcht unnd Trost, zertretten Noth unnd Schmertzen,
449
Stirbt ab der Sterbligkeit, ist seines Lebens voll
450
Und hoffet auff den Tag, an dem er wandern soll.

451
Und solches kömpt daher, daß diese trübe Höle,
452
Diß Sünden-Nest, der Leib, an seiner reinen Seele
453
Die minsten Kräfften hat, der Seele, welcher Glut
454
Nach ihrem Himmel steigt, wie sonst ein Feuer thut,
455
Das freye Lufft bekömpt; die nicht ihr Gut auß Sachen
456
Erzwingt, so sterblich sind und gleichfalls sterben machen,
457
Die alles Gut und Lust nur in sich selber sucht,
458
Da Freuden ohne Leyd und Reichthumb ohne Flucht
459
Beständig wohnen kan, die ihren Heyland kennet,
460
Die hertzlich Tag und Nacht für seiner Liebe brennet,
461
Mit ihm sich gantz vergnügt und jetzt schon zu voran,
462
Worauß sie kommen ist, im Himmel wohnen kan.

463
Diß Gut ists, was ihm hier ein frommer Sinn begehret
464
Und was das höchste Gut nach Wündschen ihm gewehret,
465
Derselbte, dem er Gut und Leben in die Lufft
466
Mit allem Willen streut und kompt, so bald er rufft.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Martin Opitz
(15971639)

* 23.12.1597 in Bolesławiec, † 20.08.1639 in Danzig

männlich, geb. Opitz

natürliche Todesursache | Pest

deutscher Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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