15. Auff Herrn David Müllers seeligen Abschied

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Martin Opitz: 15. Auff Herrn David Müllers seeligen Abschied (1618)

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Und bist du auch verblichen,
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Mein mehr denn halbes Ich?
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Bist du mir auch entwichen
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Auff den mein Hertze sich
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In Allem so verlassen,
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Daß ich ohn Furcht und Scheu
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Das Wetter herrschen lassen
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In Ansehn deiner Treu?

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Was Jederman muß sehen
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Und doch nicht reden sol,
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Was ist und wird geschehen,
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Verursacht, daß man wol
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Von guter Zeit und Wesen
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Ihm schlechte Rechnung macht;
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Doch deinen Tod zu lesen
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Hett' ich jetzt nie gedacht.

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Wo sind Herr Müllers Schreiben?
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Fieng ich als gestern an.
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Wo solten sie verbleiben?
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Mir ward nur kund gethan,
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In allen, welche kamen,
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Der sey nun nicht mehr dar,
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Der mir ein Freund mit Namen,
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Mit That ein Bruder war.

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Das Glück und keine Gaben,
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Macht mich an Freunden reich
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Die hoch sind und mehr haben;
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An Treu sind wenig gleich.
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O Frau! O Kinder! weynet
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Ihr nicht allein umb ihn;
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Den er gewiß gemeynet,
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Weiß ich, daß ich es bin.

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Mir ist zu Ohren kommen,
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Wie sehr er meiner sich
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Bißher hat angenommen,
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Viel mehr als eben ich,
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Darauß ich auch gespühret
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Deß Hertzens Redligkeit;
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Gold wird durch Glut probiret,
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Die Freundschafft durch die Zeit.

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Ihr Mangel meiner Jugend,
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Was meine Lust beginnt,
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Ihr Bücher, meine Tugend,
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Wo Bücher Tugend sind,
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Wer wird euch nun verlegen
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So fleissig als wie er?
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Wer wird euch jetzund pregen
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Zu gehn durch Land und Meer?

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Es wolte mir gehören
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Zu dencken auff ein Lied
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Zu seines Schwehers Ehren,
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Der selig nechst verschied.
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Er hat es auch begehret
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Und meinen Fleiß vermahnt;
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Itzt wird es ihm gewehret;
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Das mir wol nicht geahnt.

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Er schrieb Viel' zu ergetzen,
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Zu thun, was GOTT behagt,
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Möcht' ich die Psalmen setzen,
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So wie ich zugesagt.
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Ich wil es ja vollbringen,
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Als freylich mir gehört,
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Doch er kan besser singen
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Worvon der König lehrt.

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Er stimpt zu allen Zeiten
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Mit tausend Engeln ein,
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Hört ihre schöne Seiten
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Und lobet den allein,
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Der nicht gelobt wil werden,
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Von dem in jener Welt,
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Der ihm nicht singt auff Erden,
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Was seiner Macht gefellt.

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Mein Freund auch in dem Grabe
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(dann Liebe stirbet nicht),
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Was schenck' ich dir für Gabe,
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Dieweil dir nichts gebricht?
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Gefellt dir Leyd und Schmertzen?
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Die sind genugsamb hier;
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Ein Theil von meinem Hertzen?
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Das hast du schon mit dir.

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Du hofftest mich zu sehen
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Und batest jederzeit;
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Hier wird es nie geschehen.
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Wil Gott, ich bin nicht weit.
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Doch sol ich ferner leben
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(den Tod rufft keiner nicht),
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So wil ich dich erheben
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Auß steter Liebespflicht.

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Jetzt kan ich nichts beginnen,
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Mein Trauren macht mich schwach,
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Das Leyd bezwingt die Sinnen,
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Es leßt der Thränen Bach
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Mein Tichten nicht bekleiben,
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Weil sie die Reyme wäscht
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Und was ich gleich wil schreiben
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Mir aus der Tafel lescht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Martin Opitz
(15971639)

* 23.12.1597 in Bolesławiec, † 20.08.1639 in Danzig

männlich, geb. Opitz

natürliche Todesursache | Pest

deutscher Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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