Die Thränen voller Angst, die Seufftzer manigfalt

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Martin Opitz: Die Thränen voller Angst, die Seufftzer manigfalt Titel entspricht 1. Vers(1618)

1
Die Thränen voller Angst, die Seufftzer manigfalt,
2
Die Augen roth als Blut, die traurige Gestalt,
3
Ihr Eltern und die Klagen,
4
Vor euer treues Kind,
5
Muß Jederman nur sagen,
6
Daß sie nicht unrecht sind.

7
Wir armen Sterblichen, wie gar ein nichtigs Ding
8
Ist dieses, was wir sind? So bald die Thür auffgieng,
9
War Freud' an allen Enden,
10
Auß Hoffnung, euer Sohn
11
Der würd' ein Schreiben senden;
12
O nein, er ist darvon.

13
Er ist hinweg gerafft, der noch vor kurtzer Zeit
14
Bedacht war spat und frü mit höchster Embsigkeit,
15
Wie seine gantze Jugend
16
Recht wol würd' angewand,
17
Damit er Künst' und Tugend
18
Brächt' in sein Vatterland.

19
Er ist hinweg gerafft: ihr hattet schon gedacht,
20
Ihr würdet, wann ihn Gott gesund anheim gebracht,
21
Die Augen können weyden
22
Und ihm entgegen ziehn
23
In voller Lust und Freuden;
24
Nein, nein, er ist dahin.

25
O unglückhaffter Bott', ist diß nun seine Müh?
26
Ist diß sein Schweiß und Frost, sein Lesen spat unnd früh?
27
Kein einiges Gesetze
28
Steht im Justinian,
29
Das durch das schwartze Netze
30
Deß Todes reissen kan.

31
Er ist hinweg gerafft, der Mutter beste Zier,
32
Deß Vatters grosser Trost, und zwar sehr weit von hier,
33
So daß sie ihn mit Pflegen
34
Und Warten nie gelabt,
35
Auch in den Sarg zu legen
36
Nicht haben Fug gehabt.

37
Die Schwester hett' ihm doch noch einen treuen Kuß
38
Gegeben auff den Weg und letzten Abschiedgruß,
39
Hett' ihm zum Liebeszeichen
40
Die Augen zugedrückt
41
Und seine blasse Leichen
42
Mit Blumen außgeschmückt.

43
Es lege sein Gebein' in dieser schönen Statt,
44
Dergleichen weit unnd breit gantz Teutschland nicht mehr hat,
45
Es hette sampt den Seinen
46
Und die ihm sonst bekand,
47
Auch helffen umb ihn weinen
48
Das grosse Vatterland.

49
Nein, der, der über uns sitzt, aller Weißheit voll,
50
Weiß, wenn er uns hier seyn und nicht seyn lassen soll;
51
Kein Mensch vermag zu kommen
52
Ohn ihn auff diese Welt,
53
Wird auch nicht weggenommen
54
Als wann es ihm gefellt.

55
Was hilfft das Weinen dann? Ja, wofür Creutz unnd Pein
56
Das Leyd und Kläglich-Thun uns kan behülfflich seyn,
57
So sind die trüben Zehren
58
Viel werther noch als Gold,
59
Jetzt, nun sie ihm nicht wehren,
60
So heißt es nur Gedult.

61
Er ist der Welt entwüscht, da nichts als Krieg unnd Streit,
62
Als angeschminckte Lieb', als Haß und grimmer Neyd,
63
Als Schand' und böse Lüsten
64
In vollem Schwange gehn
65
Und Laster, die uns Cristen
66
Nur nicht zu nennen stehn.

67
Er schläfft bey Vielen auch, die ewig sind bekand,
68
Durch Zuthun der Vernunfft und die gelehrte Hand,
69
Hier wo die Ill' und Breusche
70
Sich mengen in den Rein
71
Mit lieblichem Geräusche
72
Und reich an Früchten seyn.

73
Er ist auff eine Schul, in der Gott selber lehrt
74
Solch unerforschlichs Ding, das noch kein Ohr gehört.
75
Was wir an jetzund kennen
76
Hat weder Art noch Krafft
77
Und ist ein Traum zu nennen
78
Der rechten Wissenschafft.

79
Wol dir, du liebe Seel', empfinde deine Lust,
80
Geneuß der Fröligkeit, die uns noch unbewust,
81
In die du auffgenommen
82
Nun bist ohn End und Ziel;
83
Wir wollen zu dir kommen
84
Wo, wie und wann Gott wil.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Martin Opitz
(15971639)

* 23.12.1597 in Bolesławiec, † 20.08.1639 in Danzig

männlich, geb. Opitz

natürliche Todesursache | Pest

deutscher Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.