Corydon der ging betrübet

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Martin Opitz: Corydon der ging betrübet Titel entspricht 1. Vers(1618)

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Corydon der ging betrübet
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An der kalten Cimbersee
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Wegen seiner Galathee,
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Die er vor so sehr geliebet,
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Die ihm vor so sehr behagt,
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Eh' er ward von ihr verjagt.

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Seit daß ich hinweg bin kommen,
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Seit daß wir geschieden sein,
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Sang er, hat des Mondens Schein
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Viermal ab und zugenommen;
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Galathee, so lange Zeit
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Bin ich von dir allbereit.

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Nun, du wirst dich noch besinnen,
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Daß ich bei dir ganz und gar
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Fuß zu halten willens war
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Und auch kaum gesegnen können:
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Raue Heidelberg mich sehr,
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Du viel tausent mal noch mehr.

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Galathee, ich were blieben,
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Ungescheut der Kriegesnoth;
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Der verlacht Gefahr und Tod,
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Welcher treulich pflegt zu lieben;
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Aber es ist dir wol kund,
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Daß es gar bei mir nicht stund.

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Ich zoh hin von meinen Schafen,
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War auch schon biß an den Main;
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Doch es wolte ganz nicht sein,
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Ich vermochte nicht zu schlafen,
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Biß ich wieder zu dir kam
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Und noch einmal Abschied nahm.

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Dann must' ich, was solt' ich machen?
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Wieder auf mein Frankfurt zu;
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Tityrus der sprach: wie nu?
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Wie stehts jetzund um die Sachen?
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Mich bedünket ganz und gar,
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Daß dir vor viel besser war.

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Tityrus ist recht gewesen,
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Ich ward immer ärger krank;
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Thyrsis gab mir einen Trank,
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Ob ich könte so genesen;
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Aber alle Kräuterkunst
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War vergebens und umsunst.

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Keiner Müh' hab' ich geschonet,
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Schifft' hin in das Niederland;
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Leiden wird die Stadt genant,
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Da der große Daphnis wohnet;
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Daphnis, der berühmte Mann,
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Der so trefflich spielen kan.

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Ich kam zu ihm, wolte singen,
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Wie zu Heidelberg vorhin:
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Nein, es schlief mir Muth und Sinn,
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Alle Worte must' ich zwingen;
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Bloß mein Schatten ging allhier,
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Ich war nirgend als bei dir.

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Doch er ließ es ihm gefallen,
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Sagte: wol, mein Corydon,
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Fahre fort; dein guter Ton
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Kan noch weit und breit erschallen;
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Es war aber nicht vor mich;
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Ich gedachte nur an dich.

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Bin ich unten oder oben,
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Es gilt alles eben viel,
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Und was hilft es, daß mein Spiel
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Alle, die es hören loben?
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Du hergegen, o mein Licht,
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Die ich lobe, hörst es nicht?
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Nachmals kam ich zu den Friesen,
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Sah ihr schönes Vieh da stehn
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Und im feisten Grase gehn
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Und die Lämmer auf den Wiesen;
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O wie wol ist doch daran,
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Sprach ich, der so leben kan!

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Nun, ich wil euch gar nicht neiden,
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Ja, ich wünsche noch darzu,
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Daß ihr lange Zeit in Ruh,
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Lieben Hirten, möget weiden.
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Aber ich, hier unbekant,
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Flieh' anjetzt mein Vaterland.

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Ihr könnt singen bei den Quellen,
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Daß man höret weit und breit
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Von der schönsten Freundlichkeit
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Das Gestade widerschellen;
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Ich muß singen auf der See:
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Wo ist meine Galathee?

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O wie bistu so verdrungen!
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Wo ist jetzt die Herrlichkeit,
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Corydon, wie vor der Zeit?
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Nun sing, wie du vor gesungen:
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Galathee, bei dir allein
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Wil ich jetzt und immer sein.

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Geh' jetzund hin zu dem Brunnen,
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Da des Wolfes strenge Macht
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Mutter Jetten umgebracht,
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Da sich ofters, durch der Sonnen
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Heiße Strahlen angeregt,
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Galathee zu dir gelegt;

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Da sie dich mit vielen Küssen
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In die weißen Armen schloß;
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Da du in der zarten Schoß
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Deine Lust recht kontest büßen;
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Aber jetzt, o Corydon,
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Ach wie weit bistu darvon!

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Nun, wir haben es erlebet,
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Was du, Gott, verhangen hast,
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Daß bei uns ein fremder Gast
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Auf den schönen Aeckern gräbet;
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Was wir haben ausgestreut,
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Wird von andern abgemeit.

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Wol dem, der sein Feld kan bauen,
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Lieben Schäfer, gleich wie ihr,
111
Darf sein Leben nicht mit mir
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Nur dem bloßen Winde trauen:
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Ihr habt euer Vatergut,
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Ich muß auf die wüste Flut.

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Nach dem Hinundwiederziehen
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Kam ich endlich doch hieher,
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Galathee, weit über Meer;
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Weiter kan ich nun nicht fliehen,
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Weiter fliehen kan ich nicht,
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Weil mir Wind und See gebricht.

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Wo die Schiffe vor geflossen,
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Da liegt scharfes Eis und Schnee;
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Dieses Ufer, da ich geh,
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Hat der Winter ganz verschlossen:
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Vor der grünen Felder Lust
126
Ist hier lauter Reif und Frost.

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Nun, ich wolte gerne leiden,
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Was ich immer leiden sol;
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Ja, mir were ganz so wol,
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Wann ich dich nicht dörfte meiden;
131
Alle Traurigkeit und Pein
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Fühl' ich nur von wegen dein.

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Alle Nacht pflegt mir zu träumen,
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Wie ich bei dem Necker sei,
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Wie ich, aller Sorgen frei,
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Bei den rauhen Kestenbäumen
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Mit dir, liebe Galathee,
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Oepfel aufzulesen geh.

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Dein Verstand und kluge Sinnen,
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Die mir meine ließen nicht,
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Deiner schönen Augen Licht,
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Die ich muste lieb gewinnen,
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Deiner rothen Lippen Zier
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Sind ohn' Unterlaß allhier.

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Ganz verstarret und erfroren
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Durch den Schnee und strengen Nord,
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Irr' ich ofters um den Port,
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Rufe dir, die ich verloren.
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O vergebens, Corydon,
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Sie ist allzuweit hiervon.

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Täglich geht die Sonne nieder,
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Steht auch täglich wieder auf
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Und helt ihren alten Lauf;
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Aber wann seh' ich dich wieder?
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Ach wie weit ist doch der Tag,
156
Daß ich dich umfangen mag!

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Manches Land muß ich noch sehen
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Und mich lassen hin und her
159
Durch das weite, wilde Meer
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Manche rauhe Winde wehen,
161
Eh' ich, reicht mir Gott die Hand,
162
Schauen kan mein Vaterland.

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Unterdessen, meine Freude,
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Galathee, gehab dich wol,
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Biß ich, wo ich leben sol,
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Weit von Trauren und von Leid
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Bei den Meinen und bei dir
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Bleiben werde für und für.

169
Dieses Ufer wil ich haben;
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Galathee, in deiner Schoß,
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Kan ich werden frei und los;
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Hier wil ich mein Leid vergraben.
173
Hier sol, weit von Angst und Pein,
174
Meiner Reise Ruhstatt sein.

175
Also sang er, daß die Wellen
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Und das Ufer an der See
177
Galathee, o Galathee,
178
Sämtlich muste widerschellen,
179
Biß die Abendröthe kam
180
Und die Nacht den Tag weg nahm.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Martin Opitz
(15971639)

* 23.12.1597 in Bolesławiec, † 20.08.1639 in Danzig

männlich, geb. Opitz

natürliche Todesursache | Pest

deutscher Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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