Von der Geduld

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Johann Röling: Von der Geduld (1656)

1
Wie bistu, meine Seel', in mir
2
So unvergnügt mit Gott und dir
3
Und zankst dich stets mit deinen Schmertzen?
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Offt kömmt dir nur ein Wort zu nah
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Und daß dich sauer wer ansah,
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So wallstu fort in deinem Hertzen;
7
Ach, willstu frey seyn aller Pein,
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So mustu erst kein Mensch nicht seyn.

9
Du sündigst augenblicklich hie,
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Verdient es denn wol deine Müh',
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Daß du auff Rosen wollest gehen?
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Und hemmte Gott denn seine Ruth,
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Wie er zu tausend Malen thut,
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Würd' auch dies deinem Heyl anstehen?
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Je mehr man einem Kinde schenkt,
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Je wenger es der Schuld gedenkt.

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Wer ist bey dieser Zeit so gut,
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Der was aus Tugend-Liebe thut?
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Die Straffe, die wir vor uns sehen,
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Die ist, die unsre Lust einhält.
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Ging' Alles auff letzt in der Welt,
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Wohin würd' unser Frevel gehen?
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Nun ließ man zwar den Himmel seyn,
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Zur Höllen nur will Niemand ein.

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Ist denn dein Kreutz so wol gemeint,
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Kränkt dich dein allerbester Freund,
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Hast du ein Größers weit verschuldet,
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So sperr dich doch so ängstig nicht.
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Wo Nichtes Müh' und Rath verricht,
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Da ist das beste Kraut: geduldet;
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Denk, daß, wer gerne folgt, geführt,
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Und wer nicht will, gezogen wird.

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Wenn man sich schüttelt mit dem Joch,
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So wird es doppelt schwerer noch,
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Zu einer Noth, die Gott uns schicket,
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Die man nicht trägt in Fried' und Ruh,
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Legt unser Fleisch die ander zu,
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Die schwerer, als die erst uns drücket.
39
Denn was von ihm, trägt er gemein,
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Was unser, bleibet uns allein.

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Ach, wüstest du, betrübtes Hertz,
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Was dein dir so unlieber Schmertz
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Für süße Früchte dort wird tragen,
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Du gönntest solchen Keinem hier,
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Wo du dir wol willst, sonst, als dir,
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Und solltest du darum dich schlagen.
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Nur bück' dich, biß die Erndt' entsteht
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Und das Gewitter über geht.

49
Ein Schiffmann zieht die Segel ein
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Um sicher für den Sturm zu seyn;
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Fängt Hohn und Neid auff dich zu stürmen,
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So hülle dich in Gott und dich
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Und glaub, daß Niemand beßer sich
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Kan wider die, als so beschirmen.
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Lach, bistu frey in deinem Sinn,
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Auch so gehn viele Lügen hinn.

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Ein feurigs Eisen kühlt die Glut,
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So bald mans in das Waßer thut;
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Kanst du dich anders nicht erwehren,
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So stürtze mit getrostem Muth
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Vor dem aus deine Tränen-Fluth,
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Der hie gezählt hält deine Zehren.
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Wenn dieses Bad dich täglich wäscht,
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Wird aller Unmuth leicht verlescht.

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Ach Herr, das Hertze blutet mir,
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Stell' ich dein liebstes Kind mir für,
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Wie duldig das in seinem Leiden,
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Das es ertrug biß auff das Blut
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Und seinen Feinden, uns, zu Gut',
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Und wir stehn nur nach lauter Freuden,
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Die aller seiner Angst und Pein
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Mit ihrer Wollust Ursach seyn.

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Nein, Jesu, nein, so will ich nicht;
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Gedenk' ich hinn zu deinem Licht,
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So muß ich hie dir ähnlich werden.
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Gib her denn mein bescheiden Theil,
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Gib her so viel du wilst, mein Heyl,
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Es ist und bleibet bey der Erden;
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Je schlechter und verschmähter hier,
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Je werther bin ich dorten dir.

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Gib her, ich folg' und folge gern,
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Zwar leichter, ist es nur von fern,
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Ach nein, je näher dir, je lieber.
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Fall' ich denn offt, zu schwach hiezu,
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So gehstu vor und leitest du
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Und hilffest überall mir über;
87
Trag' ich denn noch so schwer an mir,
88
So bleibt das gröste Stück doch dir.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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