Von der Demuth

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Johann Röling: Von der Demuth (1656)

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Mensch, woher wächst dir der Muth,
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Daß du deinem armen Blut
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So viel Ehr' erzeigest?
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Was doch blüht und treibt dich so,
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Daß du dich, gleich einer Loh,
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Immer übersteigest?
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Von dem Himmel ist es nicht,
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Der wirfft abwerts stets sein Licht.

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Wie, das ist der Überwitz,
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Der den ersten Übersitz
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Hat gesucht vor Allen
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Und so auß der süßten Höh
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In das allertiefste Weh
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Kläglich ist gefallen;
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Wer mit deßen Stoltz es hält,
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Denk, daß der mit dem auch fällt.

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Ach, was kommt dir doch an dir
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So erhebungs-würdig für?
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Ja, wenn du dein Leben
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Nicht geleget in den Wust
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Und für eines Apffels Lust
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Gottes Bild gegeben,
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Denn so hättest du ein Recht,
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Warum man dich ehren möcht.

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Nun ist weg dieselbe Zier,
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Schau, was für ein Schmuck dafür
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Sich an dir erweiset,
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Unverstand besitzt die Seel',
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Unlust ihre gantze Höhl,
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Die die Würmer speiset;
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Ist denn dies der hohe Pracht,
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Welcher dich so brüstig macht?

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Schaff, ach schaff den Irrthum ab
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Wozu übertünchtes Grab,
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Daß du dich so putzest?
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Dünket dich dein Feigen-Kleid
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Denn so voller Herrligkeit,
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Daß du damit stutzest,
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Und meinst du dich groß gesehn,
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Wenn du oben an magst stehn?

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Hohe Berge trifft der Blitz,
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Starcke Schlößer das Geschütz
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Und der Sturm die Eichen,
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Kleine Püscher, flaches Feld
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Und was sich in Thälern hält,
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Kan dem Unfall weichen.
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Was sich steiffet, bricht entzwey,
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Was sich beuget, bleibet frey.

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Große Segel ziehn geschwind',
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Aber die bey starkem Wind'
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Offt das Schiff selbst fällen;
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Wer nur klein Geräthchen führt
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Und die Höhe nicht berührt,
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Ist befreyt der Wellen.
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Sind die Werke denn nur klein?
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Wol, er wünscht nicht mehr zu seyn.

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Trachte nicht nach großer Würd',
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Große Würde, große Bürd.
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Wer sich hoch versteiget,
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Fället hoch auch, wenn er fällt,
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Und was fällt nicht bei der Welt,
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Die sich selbst schon neiget
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Und vorlängst mit Schmertzen harrt,
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Daß sie ihre Glut verscharrt.

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Veilchen wachsen niedrig nur,
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Die von Blumen bey der Kur
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Vorgehn vielen Großen,
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Bäume, die hoch auffgericht,
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Tragen nie die Mänge Frücht,
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Als die schlecht geschoßen,
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Und die wolgekörnet Ähr
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Kehrt sich abwerts durch die Schwer

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Demuth ist die Morgenröth,
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Die dem Ehren-Licht vorgeht.
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Wer sich selbst nicht schätzet,
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Sein und Gottes ruhig ist
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Und nach seiner Deck' sich mißt,
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Wird bald fortgesetzt,
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Denn je mehr er weicht zurück,
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Desto mehr treibt ihn das Glück.

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Ziehe, Gott, durch Kreutz und Pein
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Alle meine Neigung ein,
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Welche sich erhebet,
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Drücke mich, wo ich mich brüst,
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Säure, wo mir was gelüst,
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Tödt, was dir nicht lebet,
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Dieses sind die Stuffen hier,
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Drauff ich mich erhöh' in dir.

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Was auff Erden wird geehrt,
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Ist nicht deines Himmels werth,
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Seine Pfort' ist enge,
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Wo hinein die Niedrigkeit
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Uns allein gibt das Geleit,
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Und der Welt Gepränge,
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Ihre Höh' und Überfluß
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In den Staub sich legen muß.

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Soll mich eins vor deinem Thron
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Die mir beygelegte Kron
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Und der Pracht-Rock zieren,
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Den dein Sohn mir hat bereitt,
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Muß ich auch sein Leidens-Kleid
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Und den Dorn-Krantz führen.
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Seligs Elend, süße Schmach,
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Die solch' Ehr und Lust zieht nach!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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