Von der Liebe des Nechsten

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Johann Röling: Von der Liebe des Nechsten (1656)

1
Was ist, daß du, o Mensch, dich stellst,
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Als wenn du viel von Gott hie hälst
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Und haßest dennoch deinen Nechsten?
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So wenig Tag es sonder Licht,
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Ein guter Baum ohn gute Frücht,
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So wenig liebest du den Höchsten,
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Wenn dein bedrückter Neben-Christ
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Nicht solcher Liebe theilhafft ist.

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Sonst magstu Alles thun und seyn,
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Gib an die Armen All, was dein,
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Sprich nach den hochberedten Engeln,
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Dring selbst dich in das höchste Licht,
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Hast du dabei die Liebe nicht,
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So bistu reich an lauter Mängeln,
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Ein tönend Ertz, ein leerer Schall,
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Ein lauter Nichtes überall.

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Sie ist es, die uns nach der Zeit
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Hilfft bey der süßen Ewigkeit
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Die ungeendte Zeit vertreiben,
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Sie ist die Aehren-reiche Saat,
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Die dort so herrlich Erndte hat,
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Sie ist das Probstück, das wir schreiben,
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Zu sehn, was unser Meister sey
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Und ob wir ihm recht kommen bey.

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Wir Alle sind von einer Hand
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Und also von Natur verwandt;
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Wer thut nicht Gutes seinem Blute?
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Nur ein Bild ist uns eingeprägt,
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Das unsern Schöpffer uns vorlegt,
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Nur ein Bad kömmet uns zu Gute,
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Das solches wieder sauber wäscht,
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So weit es Adams Wust verlescht.

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Nur ein Glaub' ist, der uns verbindt,
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Nur ein Geist, welcher uns entzündt,
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Ein Vater, unter dem wir Brüder,
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Nur ein Brodt, ein Leib, den er schenkt,
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Nur ein Wein, ein Blut, das uns tränkt,
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Nur ein Haupt, unter dem wir Glieder,
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Nur ein Reich kriegen wir dort ein:
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Was wollen wir hie uneins seyn?

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Gott liebet dich und darff nicht dein,
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Sein Sohn hat so viel Angst und Pein
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Aus Liebe bloß für dich ertragen,
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Und fordert nichtes mehr von dir,
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Als nur, daß du ihm Dank dafür
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In seinen Freunden sollest sagen,
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Und für zehn tausend Pfund und mehr
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Nur hundert Groschen gebest her.

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Thu, was du kanst; klagt wer sein Leid,
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Der hungrig, kranck, ohn Hauß und Kleid,
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Da denk, als wenn Gott vor dir stehe
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Und Zins von seinen Gütern nehm,
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Und als wenn selbst dein Heyland käm',
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Um Herberg dich und Kleider flehe,
55
Nach Speis' und Trank Verlangen trag'
56
Und dir von seiner Schwachheit sag'.

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Ach, denk, wie du um dich bemüht,
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Wie labt und quickt sich dein Geblüt,
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Wie suchst und hegest du dir Freunde,
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Wie baustu allen Nöthen für,
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Wie deckstu deine Fehl' an dir,
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Wie streitstu wider deine Feinde!
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Selbst diese Gunst zu dir, die ist,
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Die du dem Nechsten schuldig bist.

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Erfülle, Jesu, mein Gemüth
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Mit solcher ungeschminkten Güt.
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Drey soll mit Lieb' ein Hertz verehren:
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Dich erst, den Nechsten nach, und sich.
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Ich theile meins für ihn und dich;
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Nehmt Alles, ich will nichts begehren,
71
Denn wenn ich nichtes von mir halt,
72
So krieg' ich deines Bilds Gestalt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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