Von der Liebe zu Gott

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Johann Röling: Von der Liebe zu Gott (1656)

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Gib mir, mein Sohn, dein Hertze her,
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Dies ist, mein Gott, stets dein Begehr.
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Wie, ist es dir, dem dies Gebäue
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Und alle Kronen dienstbar sind,
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Um ein verarmtes Sünden-Kind,
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Um eine Handvoll leichter Spreue,
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Die nirgends in der Welt kan ruhn,
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Herr, um mein schlechts Hertz zu thun?

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O, nie genug gepriesne Gnad!
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Du bist, der mich erschaffen hat,
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Da ich ein bloßes Nichts gewesen,
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Hie ward ich an dir treuloß fort,
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So liestu mich auffs Neu, mein Hort,
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Durch deines Kindes Tod genesen,
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Und du begehrst dafür nichts mehr,
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Als: Gib, mein Sohn, dein Hertze her.

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Ach, Vater, gerne, sieh es hier,
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Wem wolte lieber doch als dir
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Mein Hertz sich wünschen zu behagen?
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Wenn ich mich hielte, wie ein Sohn,
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So wär' ich längst gekommen schon
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Und selbst dir solches angetragen,
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Nun du dennoch es geben heist,
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Gedenke, wie du mich erfreust.

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Nimmstu mein Hertz, so nimmstu mir
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Mein Leben mit und gibst dafür
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Dein göttlichs Hertz und heiligs Leben;
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Erwünschter Tausch, glückselger Kauff,
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Ich setze meinen Schuldrock auff,
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Dem ich gantz keinen Preyß kan geben,
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Und, liebster Gott, du schenkest mir
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Dich selbst, das höchste Gut dafür.

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Was will ich so, mein Schöpffer, mehr?
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Kunst, Hoheit, Reichthum, Lust und Ehr
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Und was sonst schätzbar bey der Erden?
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So müst' ich mehr als geitzig seyn,
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Der, da ich Alles schon hab' ein,
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Vom Stäublein wolte reicher werden,
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Und da ich den vorher besitz'
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Ohn den mir sonsten Nichtes nütz.

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Nein, Herr, ich weiß, was dir gefällt,
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Wo du bist, da muß weg die Welt.
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Ein gantzes Hertz und gantze Seele,
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Ein gantzes, ungetheilts Gemüth,
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Dem nicht ein' Ader, nicht ein Glied,
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Nicht die geringste Krafft nicht fehle,
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Das ist nur gut für dich allein,
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So nur wilst du geliebet seyn.

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Ach, möcht' ich so mich geben dir!
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Ich weiß für heiliger Begier
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Nicht wie und wem und was ich gebe.
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Du bist die Lieb' und lebst in mir,
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Ich liebe dich und leb' in dir;
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Dies Leben, das in Gott ich lebe,
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Die Lieb', Herr, die dich mir gibt inn,
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Die sind zu hoch für meinen Sinn.

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Der Himmel ist für dich zu klein,
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Und ich soll deine Wohnung seyn?
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Du bist ein allverzehrends Feuer,
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Für den wir dürre Stoppeln seyn,
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Und du doch äscherst mich nicht ein?
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Nein, machst mich meiner Asche freyer,
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Nicht anders, als die irdsche Glut
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Dem Erd-gemengten Silber thut.

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Man rühmt das Glück des Phönix weit,
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Der durch die Flammen sich verneut,
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Wenn er nicht mehr vermag zu leben;
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Ich bin, der in der Sünden-Noth
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Veraltert gantz und mehr als todt,
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Kein Brand kan mich hieraus nicht heben,
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Als deiner heißen Liebe Schein,
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Als deine liebe Lieb' allein.

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Herr, es versinket mein Gemüth
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In diesem Meere deiner Güt.
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Ach, möcht' ich dich so hertzlich lieben,
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Als ich wol hertzlich wünsch' und will!
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Der Hunger wächset durch die Füll';
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Ich fange an, mich zu betrüben
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Wenn du mir nie so lieb nicht bist,
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Als deine Lieb' es würdig ist.

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Mein Gott, auß Liebe hat dein Sohn
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Von seinem hocherhabnen Thron
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Sich in mein Jammer-Thal begeben;
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Laß die, die ihn herab gebracht
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Und niedrig für mich hat gemacht,
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Mich minder nicht zu ihm erheben,
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Denn welchen Weg du hältst zu mir,
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Der muß auch meiner seyn zu dir.

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Du hingst vor mich dein Hertz ans Kreutz,
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Mach, daß dies stets mein Hertze reitz',
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In allem Kreutz an ihm zu kleben.
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Er gab die Seele willig hin,
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Gib, daß ich hiefür Seel' und Sinn
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Ihm täglich wieder möge geben,
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Und da er litte so viel Pein,
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So laß ihn meine Lust stets seyn.

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Sieh aber, wie mir fällt der Muth.
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Laß, ach laß deine Himmels-Glut,
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Den Liebes-Geist, den Geist der Freuden,
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Herr, meinem armen Fünkelein
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Ein warmes Reitzungs-Lüfftchen seyn;
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Ist der der dritte von uns Beyden,
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Er unsres Bundes Band und Pfand,
104
So halt ich ewig bey dir Stand.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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