Vom Glauben

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Johann Röling: Vom Glauben (1656)

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Eins, spricht Jesus, ist euch noth;
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Was will unser Heyl hie sagen?
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Können wir durch ein Gebot
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Ihm all' unsre Schuld abtragen?
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Bistu, Meister, so erbötig,
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Daß ein Einigs uns nur nötig
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Und daß wir durch dieses Ein
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Können gantz versorget seyn?

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Glaube, denke, dies bist du;
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Nichts und nichtig sind wir Alle,
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Seit in jener selgen Ruh
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Unser Vater kam zu Falle,
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Dennoch, wenn wir dich nur haben,
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Fehlt uns nichts an Gut und Gaben,
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Und wie arm wir gehn herfür,
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Glauben wir, so reich sind wir.

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Wär' im höchsten Himmel was
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Unsre Seele zu vergnügen,
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Oder Gott selbst hätte das
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Unter seinem Hertzen liegen,
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Würd' er solches auch auff Erden
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Uns ohn Zweiffel laßen werden,
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Wenn der unser Werber ist;
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Glaube, denke, was du bist.

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Du, du bist, der wunderbar
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Jesum, eh wir sind geboren
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Und dies Gantze selber war,
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Hat für Aller Heyl erkoren,
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Du bist, durch den wir umfaßen,
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Den nicht alle Himmel laßen
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Und der Fürst der Herrligkeit
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Sich an unser Hertz befreit.

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Du bist die geheime Sprach,
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Drinnen Gott mit uns sich letzet,
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Du bist, bistu noch so schwach,
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Welcher große Berg' umsetzet,
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Du bist die hochheilge Leiter,
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Welche jener Glaubens-Streiter
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An dem Himmel sahe stehn,
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Drauff wir auff- und abwerts gehn.

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Du warst, der den Gnaden-Schein
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Über Abeln hat bewogen,
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Henoch lebend Sternen-ein,
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Noah in die Arch gezogen.
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Du machtst Abraham zum Vater,
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Du warst Josephs sein Berather,
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Du gabst für Israels Noth
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So viel Jahr das Himmels-Brodt.

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Du warst, welcher so erfreut
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Unsers Heylands theure Zeugen
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Durch den Erd-Kreyß hat begleitet
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Und durch kein Beschwer ließ beugen,
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Aller Straffen Ungeheuer,
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Hunger, Blöße, Schwerdt und Feuer
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Waren ihre gröste Lust,
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Glaube, denke, was du thust.

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Tugend-Fürstin, Engeln gleich,
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Wo du dich erwehlst zu setzen,
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Setzt das gantze Tugend-Reich
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Sich mit allen seinen Schätzen;
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Göttlich machstu, was wir sinnen,
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Reden, wirken und beginnen,
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Und es wird des Höchsten Bild
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Wiederum in uns erfüllt.

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O, wie leicht kan so mein Geist
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Auff und ab nach Willen reysen
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Und da, wo sein Schöpffer speist,
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Sich betränken und bespeisen,
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Wachen, ruhen, lachen, schertzen;
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Wo ich so bin mit dem Hertzen,
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Werd' ich gantz ins Künfftig' seyn,
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Glaube, dies machst du allein.

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Drücket mich der Sünden Noth,
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Glaub' ich, sind sie mir vergeben,
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Schreckt mich Satan, Höll' und Todt,
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Glaub' ich, macht mich solches leben.
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Scheint der Himmel mir zu dräuen,
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Glaub' ich, so kan ich mich freuen,
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Und mir fehl' auch, was es sey,
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Glaub' ich, fällt mir Alles bey.

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Ach Herr, gib mir diesen Schatz,
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Diesen Reichthum, diese Fülle,
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Und mach hiedurch bey mir Platz,
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Wo ich mich mit dir verhülle,
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Liebster Gott, in meiner Seelen,
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Die im Kerker ihrer Höhlen
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Schlecht zwar wohnt, doch dir gefällt,
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Wenn sie diesen Schmuck behält.

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Bin ich ein zerknirschtes Rohr,
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Laß es doch nicht gantz zerstoßen,
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Glimm ich wie ein Tocht nur vor,
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Halt ihn doch unaußgestoßen,
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Kan ich kaum vom Senffkorn sagen,
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Werd' ich dennoch Früchte tragen
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Und ein Baum des Lebens seyn,
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Gibstu deine Krafft mir ein.

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Ach, wie selig sind wir hier,
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Mehr noch, wenn wir dorthin kommen,
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Wenn du, Jesu, uns, und wir
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Dich so haben eingenommen,
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Nichtes ist, das dich uns raube;
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Dieses macht allein der Glaube.
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Glaube, denke, was du bist,
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Mehr noch, was ein Gläubger ist.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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