Von der Heil. Tauffe

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Johann Röling: Von der Heil. Tauffe (1656)

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Du hast uns, Jesu, meine Lust,
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Zwar von dem faulen Sünden-Wust
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Durch dein vergoßnes Blut gewaschen,
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Ach, aber Adams Mißethat,
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Die uns so sehr verderbet hat,
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Daß stets die Glut bleibt in der Aschen
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Und Keiner mehr, als du allein
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Kan Laster-frey geboren seyn.

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Du sahst dies unser Elend an,
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Wie du, belobter Himmels-Mann,
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Dein Reich gingst wieder einzunehmen,
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Und legtest hierum an ein Bad,
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Das diese Wunder-Wirkung hat,
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Das angezeugte Gifft zu zähmen,
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Und das, wie Phönix sich belebt,
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Uns neu aus unserm Tod erhebt.

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Geht, sprachstu, hin in alle Welt,
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Ihr, die ihr mir zum Dienst bestellt,
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Geht auß und lehret und beweist es,
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Daß dies die neue Bunds-Zeit sey,
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Und taufft im Namen sie dabey
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Des Vaters, Sohns und Heilgen Geistes;
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Dies Wort und Wasser soll es seyn,
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Das Alle macht der Erbschuld rein.

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Wie groß ist, Jesu, deine Gnad',
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Ich bin, der dich getödtet hat,
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Und du hast mich nach dem noch lieber.
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Je mehr Beschwerden ich dir mach,
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Je freundlicher gehst du mir nach
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Und hilffest überall mich über,
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Und fängest diese Huld schon an,
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Da ich noch nichts verstehen kan.

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Wir kommen auß der Mutter Schooß
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So wie am Leibe nackt und bloß,
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Nicht minder dürfftig an der Seelen;
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Dein Bild ist weg, weg aller Schmuck,
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Den unser erster Vater trug,
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Und wer kan alle Mängel zählen,
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Die wir ohn Sprach, wie taub und blind
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Und stark an lauter Ohnmacht sind.

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Also betreten wir die Welt,
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Fort allem Unglück vorgestellt;
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Hie sucht der Satan uns zu fällen,
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Dort krankt und wankt das junge Blut,
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Dein Vater selbst ist uns nicht gut,
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Selbst unser Fleisch zieht uns zur Höllen.
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Ach, uns Elenden mehr als sehr,
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Wenn dieser Heyles Brunn nicht wär.

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Nun ist der unser' Artzeney,
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Sobald das Licht uns bringt herbey,
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Die unserm unbelebten Leben
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Die angeborne Seuch' abzieht
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Und unserm sterblichen Geblüt
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Muß deines Geistes Wachsthum geben,
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Für welcher seltnen Gnaden-Kur
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Sich in den Staub legt die Natur.

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O mehr, als dort Bethesda Teich!
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Bewegte den ein Engel gleich,
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Daher er halff den Leibes-Schwachen,
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So ist selbst hie der Heilge Geist,
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Durch den dies Wasser Krafft geneust,
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Daß es die Seel' auch rein kan machen,
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Und den Brand, den sonst nichtes lescht,
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Mit einem Guße gantz hinwäscht.

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Ist denn der Unflat abgethan,
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Wie schön ziehst du uns, Jesu, an,
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Dein Lieb- und Unschulds-volles Leben,
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Dein schwer-erworbnes Sieges-Kleid
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Dein Pracht-Rock der Gerechtigkeit
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Muß mein mühseligs Fleisch umgeben,
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Und all dein Leiden und Verdienst
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Ist meine Beute, mein Gewinnst.

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Vor war ich so ein Kind der Sünd',
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Itzund bin ich ein Gnaden-Kind,
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Vor hielt ichs mit dem Welt-Vergiffter,
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Dem Seelen-Feind und Laster-Freund,
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Itzt bin ich dein, du Laster-Feind,
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Du Seelen-Freund und Heyles-Stiffter,
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Und unter deines Geistes Pflicht,
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Der in mir Abba, Vater, spricht.

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Dies ist die auserwehlte Zier,
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Drinn du zu deiner Braut mich dir
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Von Ewigkeit her hast erwehlet;
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Dein Bild wird neu mir eingeetzt,
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Ich als dein Glied dir eingesetzt
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Und gantz mit deiner Krafft beseelet,
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Und überkomm' ich armer Cnecht
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Des gantzen Himmels Erbe-Recht.

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Ach, gib doch, daß ich Nacht und Tag
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So meine Tauff' ansehen mag,
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Auff daß sie in mir würklich werde,
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Ich bin in der gestorben dir
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Und kame frisch durch dich herfür;
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Ertödt' in mir fort mehr die Erde
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Und mache mich gantz frey von mir,
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Auff das ich voll nur sey von dir.

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Wir nahmen leider allgemein
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Die Sünd' in uns wie Wasser ein;
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Laß diese Flut durch die sich legen;
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Ein Pfropffreiß trinkt des Stammes Safft
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Und träget Frucht von dessen Krafft;
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Laß mich, o Lebensbaum, deswegen,
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Der ich dir eingepflanzet bin,
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Auch einig seyn mit deinem Sinn.

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Dies, o mein Heyl, versprach ich dir
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Da, wie du dich verlobt mit mir;
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Was aber soll ich Sünder sagen?
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Ich breche täglich meine Pflicht,
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Du aber brichst sie, Jesu, nicht,
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Ohn diesen Trost müst' ich verzagen.
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Es stehet unser Bund doch fest,
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So lang ihn deine Treu nicht läst.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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