Über das Begräbnis Jesu

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Johann Röling: Über das Begräbnis Jesu (1656)

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So ist es, Jesu, o mein Leben,
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So ist zum Tod' es doch gemeint?
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Es wundert selber deinen Feind,
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Daß du den Geist hast auffgegeben.
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Gedenke denn, wie mir hiebey,
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Mein Bräutigam, zu Muthe sey.

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Wie, frag' ich, kanstu doch verscheiden?
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Stirbt der, durch den der Bau der Welt
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Und selbst die Ewigkeit bestellt,
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Kan Gott, kan Gott den Tod auch leiden,
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Und hat der schnöden Menschen Macht
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Selbst ihren Schöpffer umgebracht?

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Wie woltest du doch seyn gestorben?
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Ach leider mehr, ach mehr, als wahr!
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Dein treuer Joseph ist schon dar,
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Der deinen Leib durch Bitt' erworben,
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Der kleidt dich an und nimmt dich ab
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Und legt dich in sein Garten-Grab.

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Ein gantzer Felß war außgehauen,
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Drinn, Jesu, soll dein Ruhstet seyn;
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Wie muß ich dich nach deiner Pein,
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Mein Heyl, so hart gelegt anschauen?
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War denn kein Hertz vor dich nicht mehr,
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Das sich angab zu solcher Ehr?

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Ach nein, es waren unser' Hertzen
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Weit härter, als kein Felß kan seyn,
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Es rißen sich vor Leid die Stein',
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Und wir empfinden keine Schmertzen.
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Die Erd' erbebt, der Himmel zagt,
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Der Mensch ist, der dich nicht beklagt.

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Im Garten fingstu an dein Leiden,
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Im Garten schloßtu deine Noth,
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Im Garten fing erst an der Tod
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Und endigten sich unsre Freuden:
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So muß darin des Todes Pein
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Bestritten und begraben seyn.

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In bitter' Aloe und Myrrhen
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Wirst, Jesu, du gewickelt ein,
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So solstu unverweßlich seyn;
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Wie schwer daß deine Lieben irren:
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Ist selbst die Unverweßlichkeit
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Nicht von der Fäul' an sich befreyt?

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Ja, Herr; doch ist uns dies erfreulich.
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Wie schmertzlich schieden wir erst ab,
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Wie bitter war uns unser Grab!
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Nun ist am Tode Nichts abscheulich.
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Du ziehest ihm den Stachel ab
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Und hast versüßet unser Grab.

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Du nemlich bist der starke Leue,
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Der unsre Feinde hat erlegt
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Und Honig in dem Tode hegt,
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Du bist der Pelikan, der treue,
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Der selber ihm die Brust auffritzt
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Und Blut für seine Jungen schwitzt.

55
Du bist der Phönix, den die Flamme,
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Die Liebes-Flamm' hat angesteckt
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Und wieder auß der Asch' erweckt;
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Gib, Jesu, daß ich dir nachstamme,
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Und laß mich so den Tod gehn ein,
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Um eins recht lebendig zu seyn.

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Ach nimm, ach nimm mich mit zu Grabe,
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Das mir vorlängst die Welt schon ist,
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Ich weiß, wo du, mein Heyland, bist,
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Daß ich mein bestes Wohnhauß habe,
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Und gingstu mit mir Höllen ein,
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So würd' auch da mein Himmel seyn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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