Von der Geburt Jesu Christi

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Johann Röling: Von der Geburt Jesu Christi (1656)

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Ach, kömmstu endlich in die Welt,
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Du längst versprochner Sternen-Held,
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Mit deinen Himmels-Gaben?
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Wie selig sind wir doch für die,
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So dich mit großer Angst und Müh
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Vorher gewünschet haben;
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Uns späten Sündern scheint das Licht,
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Das auch den Heiligsten ward nicht.

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Belobter Heyland, sey gegrüst,
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Du Quell, auß welcher einig fliest
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Die Wolfahrt meiner Seelen;
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Was sag' ich dir für Dank, mein Gott,
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Daß du mit meinem Sünden-Koth
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Wilst deinen Glantz vermählen?
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Und daß der Herr der Herrlichkeit
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Sich in des Knechts Gestalt verkleidt.

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O großes Wunder, große Gnad!
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Der alle Ding' erschaffen hat,
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Läst sich itzunder zeugen;
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Das Wort des Vaters lallet kaum,
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Der Fürst des Lebens findt nicht Raum
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Und kömmt doch in sein eigen;
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Der Sonn' und Mond in Händen trägt,
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Wird hin auff Streu und Stroh gelegt.

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Wie find' ich dich, mein Jesu, hier?
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Ist doch ein unvernünfftigs Thier
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Weit klüger, als wir Alle,
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Das räumt dir seine Krippen ein,
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Da du nicht kanst im Hause seyn,
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Das rufft dich an im Stalle,
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Da Keiner an dich von uns denkt
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Und dir ein frohes Lob-Lied schenkt.

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Gleich in der allerlängsten Nacht
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Wirst du, o Licht, ans Licht gebracht,
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Gleich da der Kreyß der Erden
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In Eyß und Schnee gantz liegt verstellt,
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So mustu, Leben deiner Welt,
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Ihr neu geboren werden;
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Da Alles todt und abgethan,
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So stellstu dein Geburts-Fest an.

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Dies, ach, dies zeugt von unsrer Noth;
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Wir lagen gantz in Sünden todt,
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Uns hielt die Nacht gefangen,
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Die längst verdiente Höllen-Nacht;
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Der Seelen erster Schmuck und Pracht
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War mehr als gantz vergangen
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Und nichts, als lauter Frost und Kält
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War um die Hertzen hergestellt.

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Itzt merk' ich erst, o Vater, recht,
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Wie viel der Mensch, der Sünden-Knecht,
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Gehabt hat zu verbüssen,
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Daß, wo du soltst versühnet seyn,
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Dein einger Sohn mit grosser Pein
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Dafür hat zahlen müssen.
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Was niemand kan, als Gott allein,
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Das muß ja nichts Geringes seyn.

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Wie groß ist also deine Huld,
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Die selbst an sich bezahlt die Schuld
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Für uns verarmten Armen;
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Du warst zwar zornig sonder Schertz,
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Dennoch brach dir dein Vater-Hertz,
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Dich unser zu erbarmen.
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Wie wol steht der beklagte Mann,
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Des sich der Richter selbst nimmt an.

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Du aber, unvergleichlichs Kind,
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Du Printz des Höchsten, den man findt
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So gantz verachtet liegen,
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Vergib mir, daß ich mich erfreu
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Ob deiner gar zu schlechten Streu:
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Dein Schmerz ist mein Vergnügen,
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Dein abgelegte Herrlichkeit
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Ist meiner Seelen Ehren-Kleid.

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Dein' Armuth ist mein bester Schatz,
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Dein Stall macht mir im Himmel Platz,
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Das Vieh wird mir zu Engel,
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Dein Hunger nehrt mich, wenn ich krank,
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Dein Durst reicht mir des Lebens Trank,
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Und alle deine Mängel,
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Die ich dir, Jesu, zubereit,
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Sind meine gantze Seligkeit.

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Ja, liebster Bruder, ja, mein Hort,
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Dies hab' ich eins zu hoffen dort;
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Weg ist der Schreck der Höllen,
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Weg Satans angedreute Macht,
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Dein Fried' und Huld ist wiederbracht,
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Die alle Feinde fällen.
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So singet selbst der Engel Heer
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Und gibt dafür dir Lob und Ehr.

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Was aber thu doch ich hiebey?
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Nicht gnug ist, daß ich mich erfreu,
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Nicht gnug sind meine Lieder,
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Nimm Alles, was ich kan und bin,
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Denn ob ich, weil dies dein vorhin,
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Dir so auch nichts erwieder,
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So weiß ich, daß du keine Gab
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Nicht weiter forderst, als ich hab.

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Nimm, was ich habe, mich selbst, mir
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Und lege mich, mein Heyl, zu dir
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In deiner lieben Wiegen;
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Hie zünd mich an durch deine Glut,
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Hie will ich, wie der Phönix thut,
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Herr, meinem Tod' obsiegen
103
Und dir gleich unter deinem Schein
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Von neuen gantz geboren seyn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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