Von der Vermählung der Seelen mit Christo

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Johann Röling: Von der Vermählung der Seelen mit Christo (1656)

1
Wer bin ich, Jesu, o mein Heyl,
2
Daß du dich selbst mir gibst zu Theil
3
Und hälst mich wie für deines Gleichen?
4
Du bist ja Herr, und ich bin Knecht,
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Ich bös' und eitel, du gerecht,
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Du bleibst ohn' End', ich muß verbleichen,
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Und dennoch trägest du zu mir
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So unvergleichliche Begier.

9
Eh' als der Grund gelegt zur Welt
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Hastu dein Hauß für mich bestellt
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Und nachmals mir zu gut verlassen;
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So nimmstu das, was ich bin, an,
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Um so vertraut mich umzufassen;
14
Was aber kost ich, Liebster, dir,
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Eh du so weit es bringst mit mir.

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Wie ich nur erst das Licht betrat,
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So wusch mich fort dein seligs Bad
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Und gab mir deinen Geist zu eigen,
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Das unschätzbare Himmels-Pfand,
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Das, o mein Hertz, von unserm Band
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In meinem Hertzen solle zeugen;
22
Ja selbst du kehrtest offt gemein
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Durch süße Regung bey mir ein.

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Ach, aber so auch kan ich dein,
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Mein Heyland, nicht ohn Anspruch seyn;
26
Die Sünde will mich von dir scheiden,
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Der Satan hält um mich auch an,
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Hie mustu, theurer Himmels-Mann,
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Für mich so schweren Todt erst leiden
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Und unsre Liebe durch dein Blut
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Bey deinem Vater machen gut.

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O, hochbelobtes Gottes-Lamm,
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Mein Bruder, Burg' und Bräutigam,
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Wie wehrt hast du mich doch geschätzet,
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Wie hoch hast du mich angebracht,
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Wie herrlich, reich und groß gemacht,
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Da du dich mir zur Seit gesetzet;
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Für deine Braut, o Herr, zu sein,
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Nehm' ich die gantze Welt nicht ein.

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Sprech ich hiefür: Ich liebe dich,
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Dies ist zu schlecht für dich und mich;
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Ich sterbe, schaue, für Verlangen,
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Mein Schatten ist nur mehr an mir,
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Hertz, Geist und Seele wohnt bey dir.
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Ach, wenn soll ich dich gantz umfangen?
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Herr, meinstu mich, wie ich dich mein,
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So laß es doch nicht lange seyn.

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Sieh an, wie schmerzlich mir die Welt
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Von wegen unsers Bundes fällt;
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Was hat ein Frommer mehr auff Erden,
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Als Wunden, Neid, Beschwer und Müh?
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Nur, Jesu, dies erquickt mich hie,
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Daß ich dein bin und dort soll werden,
54
Ich leide gern so kurtze Zeit,
55
Wird mir bey dir die Ewigkeit.

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Nichts kann mir schaden, bleibstu mir,
57
Was mich hie treibt, verbindt mich dir,
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Weg für den Himmel mit der Erden!
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Ich kan doch dein nicht würdig seyn,
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Werd' ich nicht durch viel Creutz und Pein
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Dir, liebster Heyland, ähnlich werden.
62
Drauff leb' ich, Herr, drauff sterb' ich dein,
63
Nie können wir getrennet seyn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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