Von der Schöpffung

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Johann Röling: Von der Schöpffung (1656)

1
Gott, du warest für und für
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Und von Ewigkeit in dir,
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Alles selbst dir und dein eigen.
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Nie ohn Werk, nie müßig nicht,
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Doch allein in deinem Licht,
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Niemand dörfft dir Ehr' erzeigen,
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Und doch warest du erhöht
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In der höchsten Majestät.

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Herr warst du, und Herr allein,
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Und kontst dies ohn Knechte seyn;
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Herrlich war es, wo du wohntest,
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Und es war sonst nichts, als du,
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Aller Reichthum stand dir zu
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Und doch war nicht, dem du lohntest,
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Liebster Gott, ein Stand und Sitz,
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Der zu hoch für unsern Witz.

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Biß es endlich dir gefiel,
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Daß, Herr, deiner Hände Spiel
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Diese Welt zuwege brachte.
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Nicht bedörfftstu dazu Müh,
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Nur ein einigs Wort war hie,
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Das gab an, das baut' und machte.
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Es gescheh! sprachst du allein,
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Dieß hieß Nichtes Alles seyn.

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Höchster Schöpffer, was für Zier,
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Was für Krafft muß seyn in dir,
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Der ein solches Pracht-Gebäude
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So befestigt, groß und schön,
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Also leichtlich heist entstehn;
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Macht das Werk solch Augenweide,
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Von wie außerwehltem Schein
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Muß doch dessen Meister seyn.

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Ach, wie weis' in solcher Eyl
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Hat ein Jeder doch sein Theil,
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Wie schickt eines sich zum andern,
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Was für Kreyse groß und klein
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Schliessen ein den andern ein,
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Um das Punkt gesamt zu wandern,
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Das Punkt, das sich doch so weit
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Und in so viel Reich' außbreit.

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Oben spantest du dein Hauß
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Wie den hellsten Leinwand auß,
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Der, bedruckt mit güldnen Sternen,
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Gleich dem schönsten Stickwerk glänzt
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Und den Herren-Stuhl umgrentzt,
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Wofür Alle dienen lernen,
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Und der reinen Engel Stat
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Ihren Stab und Sitzthum hat.

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Mitten hat die Lufft den Platz,
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Drinn der Thau- und Regen-Schatz,
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Hagel, Reiff und Schnee verborgen
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Und dein Donner sich anstimmt,
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Wenn du über uns ergrimmt;
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Hie entfreyt sich seiner Sorgen
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Der erfreuten Vögel Chor
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Und bringt dir sein Lob-Lied vor.

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Unten blieben Erd' und Flut,
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Unser Stand und Ritter-Gut,
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Unten an sind wir gesetzet;
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Aber welch ein mildes Feld,
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Welch ein' hulde Garten-Welt
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Hat uns um und um ergetzet!
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Kräuter, Früchte, Vieh und Fisch
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Waren All vor unsern Tisch.

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O niemals verdiente Gnad,
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Die uns so begütert hat,
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Doch die der nicht zu vergleichen,
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Welch' an uns selbst deine Hand
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Als ihr Meister-Stück gewandt,
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Die, Herr, deiner Gottheit Zeichen,
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Deine Weißheit, deine Zier
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Hat in uns gebildet für.

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Aber ach, wie dankten wir
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Dir doch, treuer Gott, dafür?
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Alles gabst du uns ohn Massen
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Nur ein einger Baum allein
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Solte dir behalten seyn.
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Sieh, den konten wir nicht lassen,
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Nichts von Unserm stand uns an,
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Nur was dein war muste dran.

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O ein theurer Apffel, Gott!
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O ein eiferigs Gebott,
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Das dafür den gantzen Garten
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Uns durch strengen Spruch entzog,
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Ja, schon den zum Tode bog,
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Der noch erst war zu gewarten.
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Wie kömmt eines Menschen Sünd'
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Auff sein Kind und Kindes-Kind?

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Aber, Herr, du bist gerecht,
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Wir sind Knecht' und böse Knecht',
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Wir der Thon, du bist der Töpffer,
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Was will jener wider den?
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So auch würd' es uns anstehn,
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Strafften wir dich, unsern Schöpffer;
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Du hast dennoch deine Hand
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Nicht gantz von uns abgewandt.

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Wie uns sonst nichts helffen könnt,
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Hastu selbst dein Kind ernennt,
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Das für uns sich tödten lassen
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Und hiedurch uns neu erzeugt.
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Warstu vor uns so geneigt,
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Da an uns nichts, als zu hassen,
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Wie kanst du uns abhold seyn,
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Da dir unser Blut gemein?

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Schön war Alles vor gemacht,
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Drum die Sünd' uns hat gebracht,
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Schöner aber sind wir worden,
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Da dein auserkohrner Sohn
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Unser Fleisch auf seinen Thron
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Und uns in den Himmels-Orden
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Zu der höchsten Majestät
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Aus dem Staube hat erhöht.

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Herr, wie groß ist deine Güt!
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Stell mir dieses zu Gemüth,
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Daß ich nicht undankbar werde;
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Trag' ich denn itzt wenig ein,
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Wird es künfftig besser seyn.
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Weil ich hie bin, geb' ich Erde,
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Machest du mich himmlisch dort,
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Soll auch himmlisch sein mein Wort.

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Zweymal hastu mich bereit,
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Erst erschaffen, nach erneut;
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Noch das drittemal ist über,
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Wenn du meinen Todt belebst
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Und mich auß dem Grabe hebst.
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Ach, je öffter, Herr, je lieber!
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Drey ist vollkommn insgemein,
128
Laß auch so mein drittes seyn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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