Vom Gebet

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Johann Röling: Vom Gebet (1656)

1
Wer bin ich, Gott, doch gegen dich,
2
Und dennoch unterwind' ich mich
3
Mit dir mich öffters zu bereden.
4
Darff Staub und Asch, darff dürres Heu,
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Darff flüchtigs Laub und öde Spreu,
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Ein Mensch, ach Herr, sich nicht entblöden,
7
Daß er, o Schöpffer aller Welt,
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Dich, wenn er will, zu Rede stellt?

9
Was fehlt mir, auch wie schlecht es ist,
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Drum dich mein Herz nicht frey begrüst!
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Und bin doch nie dir zu geringe.
12
Der Zutritt hat nicht Maaß noch Ziel,
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Die Bitte bittet nie zu viel,
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Und klopfft nicht, daß sie nicht durchdringe,
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Ist, daß mein Wunsch dein' Hoheit scheut,
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So stehstu, eh er kömmt, bereit.

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O Wunder aller Lieb' und Güt,
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Wo ist ein Mensch von dem Gemüth?
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Wie lässet sich die Welt doch feyren,
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Eh man sie anzusprechen kriegt,
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Noch mehr, wenn man nicht leicht vergnügt,
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Wie weiß sie, was sie giebt, zu säuren,
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Und hebt mans doch nicht Himmelan,
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Heist man ein undankbarer Mann.

25
An dich und dein erhabnes Hauß
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Schick' ich nur einen Seuffzer auß,
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So komm ich an und werd' erhöret.
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Mir Erdenkloß ist das Gesicht,
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Dafür der Cherub deckt sein Licht,
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Und nicht die heilge Stett verwehret,
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Wo der, dem alle Herrschaft frohnt,
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In unbeschriebnen Ehren wohnt.

33
Bedarff wer viel, wer ist dem gut?
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Besitzt wer viel, wie bläst sein Muth!
35
Du, o der ganzen Welt Berather,
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Hast viel und giebst doch für und für,
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Je ärmer wer, je lieber dir.
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O reicher Gott und milder Vater,
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O höchstes und auch tiefstes Gut,
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Das nie sich spaart und nie verthut!

41
Schreckt Satan mich, so zeigstu dich,
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Haßt mich die Welt, so liebstu mich,
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Drückt mich viel Kreuz, so hilffstu tragen;
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Verdammt mich selbst mein Fleisch und Blut,
45
So machstu durch dein Kind mir Muth
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Und labst mich, da ich müst verzagen.
47
Ja, was ich habe, will und bin,
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Ist gut, stell' ich es dir nur hin.

49
Ach, führ' auf dieser schönen Bahn
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Zu dir, Herr, meinen Geist stets an
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Und lasse dein Gespräch mich weiden.
52
Mein Hertz ist wie ein schwerer Stein
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Und sinkt durch sich nur Höllenein;
54
Zermalm' es du durch Kreutz und Leiden,
55
Denn wird es leicht, denn steigt es woll
56
Und wird von deinem Hertzen voll.

57
Gib aber, daß, mein Gott, ich dir
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Nichts, was dir mißfällt, bringe für,
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Ich weiß nicht, was ich bitten solle.
60
Mein Aug' erkennt nur, was es sieht,
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Ist Erd' und ist um Erd bemüht
62
Und zweiffelt selbst stets, was es wolle;
63
Du weist es, Jesu, o mein Licht,
64
Bitt du vor mich, so fehl' ich nicht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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