Noch höher, Harfe; Siegerharfe

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Karl Friedrich Kretschmann: Noch höher, Harfe; Siegerharfe Titel entspricht 1. Vers(1773)

1
Noch höher, Harfe; Siegerharfe,
2
Noch lauter! Mehrern Jubels voll
3
Laß alle deine Tön' erbrausen,
4
So wie das Schlachtgetümmel scholl!
5
O daß sie, Pfeilen gleich von Bögen,
6
Mit lieblichem Gesäusel flögen,
7
Und träfen Feind- und Freundes Brust
8
Mit Überwinder Schrecken,
9
Mit hoher Siegerlust!

10
Wohlauf! Heb' an, die große Schlacht!
11
Schon kam der Tag; es glitt die Nacht
12
Vor uns im Thau dahin:
13
Wir aber schlichen, Feind und Beute
14
Im Morgenschlummer wegzufahn. –
15
Ha! sie sind auf! Zum Streite,
16
Zum Treffen, Brüder hinan!
17
Schon fliegen von jeder Seite
18
Des Waldes, Pfeile heran;
19
Nun strömen ihre Cohorten
20
Ins Blachfeld weit und breit:
21
Willkommen vom Schlafe, willkommen!
22
Seyd uns zum Tode des Kampfs geweiht.

23
Heraus, du jener Wölfin Brut,
24
Verlaß die sichern Läger!
25
Genug zum Sterben ausgeruht:
26
Heraus, dich sucht der Jäger!
27
Heraus ans frohe Tageslicht!
28
Denn mit blutfarbnem Angesicht
29
Eilt schon die Sonn' empor und säumet
30
Mit Purpur ihre Wolkenbahn;
31
Da strahlt ihr Wagen, da schäumet
32
Vor ihrem Feuerwagen
33
Der Eber, ihr Gespann:
34
Die Flammen seiner Nase prophezein,
35
Heiß wird der Tag, heißblutend wird er seyn!

36
Seht da, wie flattert in den Lüften
37
Das purpurne Pannier so schön!
38
Die goldnen Legionenführer,
39
Die Adler, schimmern in den Höhn;
40
Die Rosse stampfen und wiehern laut;
41
Laut ruft die Tuba, der Feldherr laut:
42
Auch schwinget, Weh euch! ungescheuht
43
Der Rabe sich über euch hin und schreit.
44
Heran mit Waffen! Heran zum Streit!

45
Ha, welche fürchterliche Menge!
46
Wie kühn! Wie so mit Siegsgepränge! –
47
Unsinnige, so seht ihr nicht
48
Die Schlingen die der Tod euch flicht?
49
Seht ihr nicht, wie der Strahlenschimmer
50
Die flatternden Wolken bricht?
51
Sie werden zu Winden, die fahren
52
Euch staubigt ins Gesicht!
53
Seht ihr nicht die gestreckten Wälder,
54
Drin euch kein Führer winkt?
55
Den steilen Fels? Die schilfigten Felder,
56
Wo Roß und Mann versinkt?
57
Seht ihr nicht, welch Getümmel
58
Euch dicht zusammen dreht?
59
Und seht ihr nicht, daß Himmel
60
Und Erd' euch widersteht?
61
Doch unter Mana's Schwert gebeugt,
62
Lauft ihr den Todesweg
63
Blind. Euer Kriegsgott schweigt.

64
So führ uns dann an ihre Schaaren,
65
O Herman, mit Bedacht;
66
Laß uns heut deine Kunst erfahren,
67
So wie sonst deine Macht:
68
Gebeut, (: ach unsre Herzen brennen!:)
69
Wo sollen wir die Reihen trennen?
70
Wo schlagen, und in Blute gehn?

71
Dort, wo der kühnsten Krieger Mengen
72
Sich wie Gewitterwolken drängen? –
73
Dort wird der Führer Varus stehn!
74
Wie mag das stolze Herz ihm klopfen;
75
Wie ängstlich werden kalte Tropfen
76
Von seiner blaßen Stirne fliehn!
77
Wie wird er, mehr als um sein Leben,
78
Um die von aller Welt
79
Für uns geraubten Schätze beben!

80
Dort unten vor der Reuterschaar
81
Trabt Vala trotzig her.
82
Sein schnarchend Roß ist ungestüm;
83
Doch nicht so wild als er.
84
Sein Schlachthelm, eines Drachens Sitz,
85
Sein Schwert, sein Panzer, strahlt wie Blitz;
86
Tod und Verderben ist sein Ruf:
87
Schon wähnt er unser Blut
88
An seines tanzenden Roßes Huf!

89
Das Schwert her und die Lanze! Schon
90
Erhebt sich eine Legion.
91
Hört, hört, wie sicher sie sich freuen,
92
Zu tödten oder zu zerstreuen:
93
Denn – führt sie nicht Cejonius?
94
Traun, wohl ein Held bey Wein und Kuß! –
95
Du Weichling mit den Rosenwangen,
96
Lebendig wollen wir dich fangen!
97
Nie muß in Thuiskons Opferhain
98
Ein röther Blut gefloßen seyn!

99
Das Schwert her und die Lanze!
100
Sie kommen; sie sind da!
101
So jagen rasende Stürme
102
Das Wetter tobender nah'.
103
Schwarz zog es durch die Tannen
104
Der Berg' und blitzte von ferne:
105
Itzt ist im Blitze der Donner,
106
Im Donner der Schlag auch da.
107
Nun fahren die Lanzen, nun dringen
108
Die Schwerter ins Schild, nun klingen
109
Die Pfeile vom Bogen gejagt:
110
Da quellen weite Wunden
111
Von Todesschmerzen genagt;
112
Der Staub fliegt in die Lüfte,
113
Himmel und Erde zittert,
114
Und heult, und jauchzt, und klagt.

115
Willkommen Sieg! Da blutet schon,
116
Da liegt die stolze Legion
117
Und stirbt zu unsern Füßen;
118
Ihr goldner Räubervogel stürzt
119
Herab zu unsern Füßen.
120
Hinan! daß wir die andern zween
121
Noch heut in unsern Händen sehn!
122
Hinan! und laßt es Arbeit kosten,
123
Laßt Blut den Preis des Sieges seyn:
124
Zwey Legionen beßre Krieger
125
Dringen mächtig auf uns ein;
126
Und wollen unsre Schaaren brechen,
127
Und wollen ihrer Brüder Tod
128
An uns gedoppelt rächen!
129
Wie muthig sprengen sie heran,
130
Wie listig sie uns rings umgeben,
131
Um wie mit Netzen uns zu fahn!
132
O bey des Vaters Götterleben,
133
Hier, Herman, nimm dich unser an:
134
Sonst ists um Sieg und Ruhm,
135
Um Leben, mehr noch, mehr,
136
Um unsre Freiheit gethan!

137
Ihm nach, wie Schlag auf Schlag!
138
Ihm nach: schon öffnet er,
139
Wie durch die Nacht der junge Tag,
140
Den Weg des Sieges vor sich her.
141
Wir aber folgen Schritt auf Schritt;
142
Wir kämpfen und wir tödten mit:
143
So geht auf geilbewachsner Aue
144
Der Mäher in dem Morgenthaue;
145
Die blanke Sense schallt vor ihm
146
Durch Blumen und Disteln ungestüm;
147
Dann liegen sie verwelkt und fahl,
148
Und werden dürr am Sonnenstrahl.

149
Ihm nach, durchs blutgefleckte Thal!
150
Ihm nach, auf die Berge voll Leichen,
151
Wo Römerpfeile schräg herab
152
Die kahle Höh' durchstreichen!
153
Hinan, und schmettert sie hinab
154
Von unsern Felsenspitzen;
155
Zerbrecht ihre Bögen, zerbrecht den Schützen
156
Alles Gebein, und werft's ins Grab!

157
Ha! tobender zerfleischen sich
158
Zween kühne Auer nicht:
159
Sie sind die Heerdenführer beide;
160
Sie treffen sich auf Einer Weide:
161
Da dröhnt der Boden, das Streithorn bricht;
162
Sie bluten, doch sie weichen nicht:
163
Bis daß ergrimmt durch ihren Muth
164
Die ganze Heerde kämpft, voll Wuth
165
Einander anfällt, schrecklich brüllt,
166
Und Staub den Tod in Wolken hüllt.

167
Wer sähe das, und fühlte
168
Die Lust des Würgens nicht?
169
Sie tobt in meinem Busen,
170
Und flammt mir im Gesicht;
171
Und meine Faust, die friedlich
172
Sonst nur die Harfe trug,
173
Stürmt ins Gewirr des Feindes,
174
Wie sie die Saiten schlug.
175
Flieht, flieht
176
Des zornigen Bardens Klinge,
177
Damit sein Lied
178
Nicht hundert Gefallene mehr besinge!

179
Ha, wer ist der Verwegne
180
Im römischen Gewand?
181
Er kömmt voll Staub und Blutes,
182
Er schreitet matt und einsam,
183
Siegmüde hängt sein Schwert
184
Ihm in gesunkner Hand. –
185
So sehnst du dich zu sterben?
186
Dein Wunsch geschehe dir!
187
Heran! – Fluch und Verderben! –
188
Wer bist du? – Wehe mir!
189
Bist du es, du Verräther?
190
Nicht teutsch mehr, Freund auch nicht!
191
Wie darfst du mir noch schauen
192
Ins zornige Gesicht?
193
Wie, Godschalk, darfst du trauen,
194
Nicht fliehen, zittern nicht?

195
»o Freund – –!« Nicht Freund! – »O Rhingulph,
196
Halt ein, und höre mich!«

197
Was sollt' ich dich noch hören?
198
Die Götter hörten dich!
199
Sie sahen deinen Abfall,
200
Sie wogen dein Verbrechen,
201
Und sie verwarfen dich:
202
Ihr Tod geht aus zum Rächen,
203
Und kömmt, und rüstet mich!

204
»rhingulph, Rhingulph! – Schwachheit weicht,
205
Jugend fehlt; nur allzuleicht!
206
Sprich doch, du, den ich geliebt,
207
Mehr als wie sich Brüder lieben,
208
Ob die Freundschaft nie vergiebt?«
209
Aber wer (: hör deine Schande!:)
210
Vaterlands- und Freundschafts-Bande
211
Zu zerreißen sich erkühnt;
212
Wie verdiente der Vergebung,
213
Der das Leben nicht verdient? –
214
Hier ist Raum zum Büssen, hier!
215
Waffen, Waffen über dir!

216
Verachtend streifte mich sein Blick:
217
Das fiel zweischneidig auf.
218
Mein Lanzenwurf gabs ihm zurück:
219
Doch fing sein Schwert ihn auf.
220
Wir kämpften. Hieb auf Hieb erklangen,
221
Daß die, so mit dem Tode rangen,
222
Sich mühsam huben und uns sahn:
223
Die Tödtenden in ihrer Wuth
224
Erwachten aus ihrem Traume von Blut,
225
Verweilten, und staunten uns an.
226
Die Götter blickten itzt nach ihrem Runenbuche
227
Wo Tod und Leben steht.
228
Er falle! So stands, mit einem Fluche
229
Gezeichnet stand es da.
230
Weh ihm, da sank er; da lag er; da!

231
Sein Leben entfloh. Ich hatte
232
Mein Herz verwundet; ich starrte
233
Betäubt hin in sein Blut;
234
Verfluchte dieses Eisen,
235
Verdammte meine Wuth.
236
Da wandt' ich mich, und stieß mein Schwert
237
Dem nächsten Römer in die Brust;
238
Nahm ihm das seine; stürzte mich
239
Ins Treffen, das schon fern entwich.

240
Wie flohn da die Geschlagnen
241
Gleich schüchternen Lämmern umher;
242
Verlassen, matt, verfolget,
243
Zerrißen von Wolf und Bär!
244
Denn Varus, der Führer der Heerde,
245
Liegt auf der blutigen Erde
246
In Todeszückungen da,
247
Und seine Seel' entbebt ihm. Ha!
248
Er hatte nicht zum Streite,
249
Kaum noch zum Sterben Muth:
250
Er stieß sich in die Seite
251
Sein Schwert, und ruht.
252
Wohl dir! Der Tod ist beßer,
253
Denn Siegmars zornger Sohn!
254
O wohl dir, daß du dem Meßer
255
Der unversöhnlichen Runen entflohn!

256
Huy! da verstäubt mit seinem Reuter,
257
Vala Numonius;
258
Verläßt den müden Lanzenstreiter,
259
Der nun erliegen muß:
260
Doch sollst du nicht entrinnen,
261
Sollst Rom nicht wiedersehn:
262
Denn euer Glück ist müde
263
Dem Unrecht beizustehn!

264
Sie fliehn! sie fliehn
265
Zum strömenden Rhein;
266
Sie drängen, sie stürzen sich hinein.
267
Doch Tohro donnert, und winkt
268
Seinen bellenden Stürmen:
269
Da brausen die Wellen und thürmen,
270
Und Roß und Mann versinkt.

271
Nun werden seine Waßerraben
272
Bis zu der nächsten Schlacht
273
Ein sattes Futter haben!

274
Und nun, du kleiner Rest, heran! –
275
Ihr Götter! Wie? Ist es gethan? –
276
Es ist vollbracht! Kein Römer lebt,
277
Der nicht mit Feßeln gebunden bebt.
278
Triumph! Noch eins Triumph! Nun hat
279
Der Tod gesäet seine Saat!
280
Drei Legionen liegen, sterben;
281
Sohn, Vater, Bruder ist hingerafft.
282
Wir nur, wir sind die Erben
283
Zu der Verlaßenschaft!
284
Sie aber eilen zitternd,
285
Um schrecklicher zu büßen,
286
An ihres Lasters Hand
287
Hinab ins große Schattenland.
288
Blinde Nächt' umgeben
289
Den Sündenrächer dort:
290
Aber er hascht ihr Leben,
291
Und seine Schlangengeißel
292
Zerfleischt sie fort und fort.
293
Da hallen des Elends Lieder
294
In der Höh' und der Tiefe wieder,
295
Daß er, der Wirth des Jammers,
296
Horchend oft innehielt,
297
Und grimmiges Erstaunen,
298
Doch nie Erbarmung fühlt!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent
Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.