Siegsicher trozt der jagende Bär

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Karl Friedrich Kretschmann: Siegsicher trozt der jagende Bär Titel entspricht 1. Vers(1773)

1
Siegsicher trozt der jagende Bär
2
Vor einer Wölfin Höle daher.
3
Wild springt hervor ihr kühnster Sohn;
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Voll Hunger blöckt sein Rachen schon:
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Doch wagt ers nicht, und hält den Lauf
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Des Stärkern nicht verwegen auf.

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Ihr aber, Römer, lebenssatt,
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Der reifen Frucht des Sieges satt,
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Wagt euch in unsre Wälder her
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Als ob hier ein Karthago wär;
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Auch unser Führer gleich am Fall
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Dem großgewesnen Hannibal? –
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Ha, was durchstört ihr Berg und Hain?
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Juwelen nicht noch Elfenbein,
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Nicht Silber oder Gold ist hier:
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Nur Eisen, Varus, haben wir!
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Wie? Lockte dich der Tod soweit? –
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Vielleicht daß unsre Biederheit
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Dein Herz mit Sehnsucht eingenommen,
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Solch edle Knechte zu bekommen? –
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Das ists! bey Gott! Drum drangst du ein,
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Gleich einer Seuche drangst du ein;
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Im ganzen Lande schleicht dein Gift,
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So wie die Pest mit gleichen Pfeilen
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Den Weisen und den Thoren trifft.

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O tief bis in das Grab verflucht
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Sei, Räuber, eure Ränkesucht!
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Doch eh ihr unsern Grimm bezähmt,
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Uns wie gefangne Bäre lähmt,
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Soll Brust und Herz euch beben!
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Hier ist die Freiheit; kommt und nehmt:
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Erst aber nehmt das Leben!
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Denn sterben, lieber wollen wir
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Der Erst' und Lezte sterben;
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Dann möget diese Wüsten ihr,
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Ihr mit dem offnen Rachen, erben! –
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Horch! – Welch ein weicher Saitenklang
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Wagt sich an meinen Rachegesang?

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Sieh doch, Mana-Thuiskons Kind,
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Sieh doch wie wir glücklich sind.
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Sieh den Ruhm in unserm Sold,
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Sieh das allmachtsvolle Gold,
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Schmuck, Bequemlichkeit und Kunst;
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Sieh an uns der Götter Gunst.
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Willst du nicht bey Scherz und Wein
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Gleich den Römern glücklich seyn?

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So sang mit ihrer Zauberstimme
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Rom, die Zauberin.
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Verderblich riß des Liedes Anmuth
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So manches beßre Herz dahin.
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Es wähnte sich zum Glück erlesen,
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Es opferte sich selbst zum Dank.
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O wär doch auf den Zaubergesang
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Ein Schwertschlag Wiederhall gewesen!

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Nun aber bauen sie umher.
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Schon mehrt sich nach und nach ihr Heer;
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Schon schwillt der kleine Gißbach auf
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Von der Gebürge Schnee:
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Es steigt und steigt der Fluthen Lauf
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Gefährlich an die Hütten auf
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Und macht das Feld zur See.
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Verschlungen ist des Feldes Frucht;
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Verschlungen Gnügsamkeit und Zucht;
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Die Tugend und die Freiheit fliehn
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Auf fluthumströmte Felsen hin,
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Und schauen ängstlich weit umher
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Ob da kein Retter weiter wär?
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Drey Adler, stolz, und feist von Beute,
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Schweben über der Wellen Wuth:
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Und sind sie schon der Vögel Fürsten;
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So eßen sie doch Raub, und dürsten
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Nach des Zerrißnen Blut.

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O nehmts zu Herzen und zu Ohren
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Wie dieser Fremdling hier stolziert;
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Bald uns, von freyen Müttern geboren,
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Als Jünglinge verderbt,
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Als Männer feßeln wird!
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Nicht Billigkeit, nicht Weihgefecht,
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Ein feiler Prätor spricht das Recht,
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Als wären wir, für Rom allein geboren,
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Kaum beßer als ein Knecht.

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O wehe dir, verführte Jugend!
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Der unerfahrne Jüngling weiß
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Itzt andre Freuden noch als Tugend,
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Und wird für Pracht und Wollust heiß;
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Der Väter Ernst ist ihm ein Scherz,
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Sein Arm entnervt, und welk sein Herz.

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O Rom, gieb uns die Kinder wieder,
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Die du geraubet hast!
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O meine Kinder, kehrt doch wieder:
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Uns jammert euer fast!
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Freund Godschalk, Mann nach meinem Herzen,
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Sowahr dich Tohr erhört,
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O komm zurück zu meinem Herzen!
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Ist Rom wohl deiner werth? –
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Umsonst! Weh mir! Entflohen
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Ist er und hört mich nicht;
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Er achtet nicht der Freundschaft Drohen,
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Die Noth des Vaterlandes nicht.
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Weint, weint um ihn im frühen Thaue
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Ihr Eichen, weint um ihn!
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Verdorre, verwelke, Hain und Aue,
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Wo ich, ach wo ich ihn
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So brünstig an den Busen schloß!
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Gewiß, er war für solche Sitten,
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Für solchen Tand zu groß!

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Er aber flieht! – So flieh' er hin
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Nach einem träumrischen Gewinn;
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Verlaße Vaterland und Freund,
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Ob jenes ruft und dieser weint;
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Er schmiege nach dem Herren sich,
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Und sey ihm – ah! –
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Nur lächerlich!

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Nun, Thuisko! unsers Ursprungs Gott!
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Dein Enkel wird des Fremdlings Spott?
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Wir füttern Wölf' in unsern Horden?
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So wird das Schwert nie wieder blos?
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Wie? oder ist des Lasters Loos
119
Unsterblichkeit geworden? –

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Unsterblich nicht; nein, trauet mir:
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Sie sind des Todes so wie wir.
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Von frühem Römerblute naß,
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Bürgt euch Rhingulph der Barde das!
124
Ich würgte den Tribunus, ha!
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Der sich den Tod an meiner Irmgard sah.
126
Verbrecherischer Feuerfunken
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War in sein lodernd Herz gesunken.
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Ich fand, wie er mit Blicken
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Des Hungers sie verschlang;
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Ich staunte welch Entzücken
131
Sein Aug' aus ihrem Anschaun trank.
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Bald furcht' ich sein Bestreben,
133
Sein Tändeln, seinen Witz:
134
Und schnell durchfuhr mich auch ein Jammer, wie durchs Leben
135
Der Blitz.
136
Da fühlt' ich Flammen nagen
137
Am Herzen, Flammen im Gesicht;
138
Da hätt' ich ihn erschlagen,
139
Floh mich der Weichling nicht!
140
Ich lief in die Dicke des Haines,
141
Ich stürmt' ins Rosengesträuch;
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Ich hieb vor Wuth die Blüten
143
Herunter und warf sie in Teich.
144
O manche sinnlose Stunde
145
Lag ich mit blankem Schwerte da: –
146
Itzt klatschten die Wellen; da wacht' ich,
147
Da lauscht' ich durch die Sträucher;
148
Und – Götter! – Irmgard ist da!
149
Schon warf sie hin ans Ufer
150
Ihr züchtiges Gewand:
151
Sie sank itzt ins Gewäßer;
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Doch waren Pfeil und Bogen
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In der Badenden Hand.
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Stracks war des Unsinns Nebel
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Verdampft, verraucht war meine Wuth:
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Ich dachte nur, die Federweiße
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In spiegelheller Fluth;
158
Und wollte meiner Lieben mich entdecken,
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Und schlich sanft durchs Gesträuch, und nun – –
160
O daß ihn Tohr zermalme! –
161
Da schlich auch der Tribun.
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Schnell fuhr der Grimm mir ins Herz,
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Mich flügelten Rach' und Schmerz;
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Kaum sah ich daß Irmgard am Bogen
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Den Pfeil schon aufgezogen;
166
Ich flog dem Pfeile zuvor:
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Der Hieb pfiff durch die Luft; der Schädel
168
Des Frevlers nahm ihn ein;
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Da überströmte mich der Brunnen
170
Des Blutes, und die rothen Fluthen
171
Rieselten in Teich hinein. –

172
Nun aber, nun mit Ernst und Eil',
173
Auf auf, und tilget all den Greul!
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Auf Männer, auf, und brüderlich
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Rächt Euch, die Tugend, Irmgard, mich!
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Wo nicht; so möge schnell
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Noch in der Freiheit Armen
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Mein Geist von dannen ziehn,
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Die jeden Fittich schon entfaltet
180
Euch Trägen zu entfliehn!
181
Dann will ich Tohr und Mana grüßen,
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Siegmar an deiner Statt,
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Und alle Götter sollens wißen,
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Was Thuisko nun für Enkel hat! – –

185
Doch horch! Was tobt hier? – O Triumph!
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Ist das nicht Kriegeston? –
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Was seh ich? Sieg euch, Ruhm und Heil!
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Denn ihr erwachet und mit Eil
189
Zieht ihr zur Rache schon!

190
Zwar seyd ihr noch ein kleines Heer:
191
Doch Herman geht vor euch daher;
192
Und schon ist Blut aufs Feld gefallen
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In Wehr und Gegenwehr,
194
So wie, bey schwüler Hitze Dauer
195
Zulezt, gebrochne Regenschauer
196
Vor dem Gewitter her.

197
In dem Schauer klang ein Römerbogen.
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Ach wohin ist der unselge Pfeil,
199
Ach in weßen Brust ist er geflogen?
200
Siegmar, Siegmar geht zur Heldenruh!
201
Drück ihm, Sohn, drück ihm die Augen zu!
202
Über uns ist er geflohn,
203
Heimwärts schwebt der Gott nun schon,
204
Blicket segnend noch herunter,
205
Weiht uns seinen Sohn!

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Die Götter sahn aus ihrem Saal
207
Ihn auf dem hellen Abendstrahl
208
Mit eignen Kräften durch
209
Des Himmels Stürme dringen,
210
Um sich zu ihnen aufzuschwingen.
211
Da schaute Mana, schritt hervor:
212
»noch sind sie meiner werth; o Tohr,
213
O Thuisko, rettet meine Kinder!«
214
Da lächelte der Götter Chor,
215
Und sprach, seyd Überwinder.
216
Da donnerte der Donnerer Tohr.

217
O nun zusammen ihr Brüder, zusammen,
218
Wie auf dem Opferheerd
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Die Wuth gemehrter Flammen
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Im Nu die Gabe verzehrt!
221
Verwandl' in Rache deine Trauer;
222
Auf, Herman, mit des Feldherrn Macht!
223
Siehst du? Der angenehme Schauer
224
Des feisten Schlummers, und die Nacht
225
Liegt fest auf unsrer Feinde Heer.
226
Schwüle Gewitter schleichen umher;
227
Und Tohros heisre Stimme ruft,
228
Und Manas Schwert blinkt in der Luft;
229
Hertha hat schon das Feld geweiht:
230
Das, das, Veleda, ist die Zeit!

231
Auf! Laßt uns eilen,
232
Laßt Schlachtgesang uns singen!
233
Dann laßt uns eilen
234
Den Weg des Sieges,
235
Daß uns die Köcher auf den Schultern klingen

236
Willkommen in Gewitterpracht,
237
Willkommen uns, gewünschte Nacht!
238
Der ferne Blitz gnügt unsrer Bahn:
239
Drum halt des Mondes Aufgang an.

240
Verbirg in Wolkenduft sein Licht:
241
Denn unser Jüngling wandelt nicht
242
Dem neuverlobten Mädgen zu,
243
Um sie zu sehn in ihrer Ruh.

244
Die Freiheit ist itzt seine Braut:
245
Des kriegerischen Wolfes Haut
246
Blöckt übern Angesicht voll Zorn,
247
Die Klauen drohn am Herzen vorn.

248
Denn wie der Wolf das feige Thier,
249
Also zerreißen wollen wir!
250
Hinweg mit diesen Römern! Weg
251
Mit Großmuth, und mit Schonung weg!

252
Wir sind der Freiheitsrache Heer!
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Die Mordlist schleicht vor uns daher,
254
Und spähet still ob ihr gelingt
255
Daß sie zu Varus Herzen dringt.

256
Gespenster zeichnen ihr die Bahn:
257
Es geißelt an die Zellter an,
258
Es heulen Eulen durch die Luft
259
Und Varus wird dreimal geruft.

260
Merkt auf! schon dringt der Führer vor
261
Den uns die Freiheit selbst erkor.
262
Sie nannte Herman, und gebot:
263
Da kam Er, und sein Knecht, der Tod.

264
Ihm nach mit Schlachtgewehr und Muth
265
Für Freiheit, Ehre, Haab und Gut.
266
Allmächtige Götter, steht uns bey!
267
Ihr Götter selber seyd ja frey!

268
Seht da, die Wolken dämmern grau;
269
Schon näßt der frische Morgenthau;
270
Bald ist die Sonn' auf ihrer Bahn:
271
Hinan! Was zaudern wir? Hinan!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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