Der entstellt die Rose nicht

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Karl Friedrich Kretschmann: Der entstellt die Rose nicht Titel entspricht 1. Vers(1773)

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Der entstellt die Rose nicht,
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Wer sie mit der bleichern Blume
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Zu einem Kranze flicht.
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Krieg ist mein Sang, und jauchzt nach Ruhme:
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Doch schändet's Bardenlieder nicht,
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Wenn sie sich kühn darnieder schwingen,
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Von deutscher Zucht und Sitte singen;
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Und welcher Sinn des Siegers war.
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Lerne Nachwelt, daß in Blöße
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Reichthum, und in Unschuld Größe,
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Tapferkeit bey Tugend war.

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Von eignen lieben Söhnen groß,
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Von eigner Tugend warm,
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Lag unser Mutterland im Schoos
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Des Glücks, der Ruh im Arm:
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Indeß schlaflose Tapferkeit
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Um unsre Freiheit wacht,
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Indeß der Ruhm die frohbedeckten Hütten
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Ehrwürdig macht,
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In welchen, schon seit Thuiskons Zeit,
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Die götteralte Redlichkeit
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Und Gnüge, die sich selbst belohnet,
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In schwesterlicher Eintracht wohnet.

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Rom staunt: denn schön und groß,
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Frisch wie der Eichenbaum,
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Wächst Teutschlands Jugend auf.
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Der Knabe wandelt kaum,
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So stärkt ihn Kampf und Lauf;
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Dann, zwischen spielenden Lanzen,
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Lernt er den Waffentanz
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Schlank wie die Schlange tanzen:
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Und er bekömmt den Kranz.
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Am Tische seiner ältern Brüder
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Sitzt er nun stolz im Rath,
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Und horcht auf Bardenlieder
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Voll von der Väter That;
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Und, Sieg an Sieg, lernt er sie bald;
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Dann pocht sein Herz ihm mit Gewalt,
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Dann weckt ihn oft ein Traum vom Streit;
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Er sucht des Bildes Ähnlichkeit,
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Und eilt, sobald der Hahn den Morgen angesagt,
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Hinaus zur kriegerischen Jagd. –

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Er kömmt: seht, wie die Bären ihn,
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Seht wie die Wölfe heulend fliehn!
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Habt ihr des Bäres Stärke,
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Habt ihr des Wolfes Muth,
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Tyrannen, die ihr dürstet
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Nach freyer Völker Blut?
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Ihr habt sie nicht! o rettet euch:
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Denn seine Jagd ist hinter euch! –

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Ermüdet sinkt er dann
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Am Felsenbache nieder,
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Und ruht bey seiner Beut' im Gras;
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Er singet mit der Lerche Lieder,
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Und ruft der zaudernden Sonne zu,
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Ob sie in träger Ruh
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Des Morgenrothes vergaß?

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Auf einmal tritt mit Siegerpracht
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Die Sonn' empor, und vorger Nacht
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Lezte graue Nebel fliehen;
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Er fühlt der sanften Wärme Macht,
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Er sieht im Thau die Wiesen blühen,
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Er athmet frische Frühlingsluft
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Durchbalsamt durch der Blüten Duft.
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Da strahlet Freud' aus seinen Blicken!
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Da ist Andacht, da ist Entzücken!
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Da feyert er den Vater der Natur!
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Er ist Druid' und Altar ist die Fluhr.

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Still! – ihn stört aus frommer Phantasey
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Ein Rauschen neben ihm vorbey.
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Die Schritte seiner Jungfraun eilen
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Daher; sie ging, als es getagt,
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Mit ihrem Bogen, ihren Pfeilen,
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Gleich einer Göttin auf die Jagd.
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All ihres Reizes Knospen sind entfaltet,
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Die edle Stirne krönt mit goldnen Locken sich,
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Und über ihren Herzen spaltet
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Ein reifer Busen sich:
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So steht sie vor ihm da,
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Mit röthlichem Gesicht,
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Und heimlicht ihr Ergötzen nicht.
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»ach«, sagt sie endlich; »dort an jener Höhe
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Beschlich ich die entschlafnen Rehe;
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Ich ging, es hatte kaum getagt:
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Doch sieh, ich habe nichts gejagt.« –

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Treuherzig fodert sie, ein Theil von seiner Beute:
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Er, bietet Beut' und Herz und Hand.
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Da sinkt sie hin an seine Seite:
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Und Freya knüpft ihr Band.

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O segne Mana dich mit Frieden,
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Mit Ehre Thuisko dich!
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O pflege Hertha deine Felder
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Und speis' und tränke dich!
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Werd' alt und grau, an Kindern reich,
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Dem Vater und der Mutter gleich!

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So leben sie ein selig Leben.
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Der Wald, das Feld, die Quelle geben
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Genug für morgen und für heut.
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Ihr Götter, kontet ihr dem Leben
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Des Sterblichen mehr Fülle geben,
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Als die Genügsamkeit? –
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Drum magst du noch so stolz
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Von schwererstiegnen Höhen,
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O Rom, hohnlächelnd niedersehen
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Auf unsre Hütten her:
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Hast du viel Glück? Wir haben mehr!

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Ich habe dich gesehn, du Stadt,
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Die Könige zu Knechten hat:
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Es rief dein lauter Ruhm, auch mich
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Mit Hermans Bruder Gilberich,
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Den Ort zu sehn, wo vorger Zeit
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Dir Herman seinen Arm geweiht.
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Ich kam und sah: auf sieben Höh'n
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Stieg ich und blieb verwundernd stehn.
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Ich sah hinunter: weit und breit
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War alles groß, war Herrlichkeit.
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Ich dacht' an meine Hütte zurück,
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Schämte mich einen Augenblick,
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Und eilte voll wallender Freude hin
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Wie die Helden zu Thuisko ziehn.
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Hier, dacht' ich, wird die Tugend wohnen,
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Hier wird man Tapferkeit belohnen,
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Da wird das Gastrecht heilig seyn,
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Und Weisheit sich der Fülle freun. –
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Doch wie ganz anders fand ich dich!
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Ha, Falsche, wie betrogst du mich!
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Ich fragt' im Thal und auf der Höhe:
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Wo herrscht die Heiligkeit der Ehe?
129
Wo wohnet Liebe sonder List?
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Wo Freundschaft ohne Falsch? Wo ist,
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Auch ohne Lohn und ohne Schwert,
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Das Recht gesichert, Tugend werth? –
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Wohl aber sah ich unter Schwelgerfesten
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Den Unterdrücker feist gedeihn,
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Und in bewachten Goldpalästen
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Den Feigen kühn bey tapfrem Wein:
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Auch gaben feile Bardenchöre
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Dem stolzen Imperator Ehre,
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Daß er zu seinen Sklaven
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Herab vom Himmel kam;
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Daß er, der Sohn der Götter,
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Daß er die Freiheit ihnen nahm!

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Ha, fort! Hinaus aus dieser Stadt,
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Wo selbst das Laster Barden hat!
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Hinweg, hinweg von diesen Mauern
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Wo Tugend, Unschuld, Redlichkeit
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In Staub getreten trauern
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Und weinen; wie man heimlich spricht:
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Denn selber sah ich sie dort nicht.
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Schnell floh dieß Otternest mein Fuß.
151
Mich jagten Jammer und Verdruß,
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Daß Gilbrich mein Gefährt
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Von dannen nicht mit mir geflohen:
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Denn Troz den Bitten, Troz dem Drohen,
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Blieb er, und hieß nun Flavius;
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Und ward ein schimmernder Krieger
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Um Sold und um Gewinn,
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Und schwelgt in Üppigkeiten
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Die knechtischen Tage dahin!
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O streut dem Knaben Rosen!
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O komm, ihm liebzukosen,
162
Du West, doch schone des jungfräulichen Gesichts! –
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Und so zerdampf' er in sein Nichts!
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Er fliehe seines Landes Sitte;
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Er fliehe seines Vaters Hütte;
166
Doch ist er nicht der Rach' entflohn;
167
Ist Hermans Bruder nicht und ist nicht Siegmars Sohn;
168
Er ist nur Flavius. –

169
Wie selig aber fließt das Leben
170
Des freyen Enkels Teut,
171
Dem es großmüthig gnügt was gute Götter geben,
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Ja den die Gnüg' erfreut!
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Am Abend eilt der edle Mann,
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Mit dem was ihm die Jagd gewann,
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Zu seines Weibes Honigseim,
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Zum Willkomm seiner Kinder heim.
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Dann sammelt sich zu seinem Freudentische
178
Freund oder Nachbar, gleich an Ruhm
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Ihm, wie an guten Herzen:
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Da geht der vertrauliche Becher herum;
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Die Eintracht würzt den Honigwein
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Und mischet Ernst und Rathschlag drein.
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Hier wars: bey solchem Freudentische
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Ward jüngst in tiefverschwiegner Nacht,
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Varus, dein Untergang erdacht.
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So wie die selgen Götter sitzen
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In ihrem Himmel, Thron an Thron,
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Wenn sie Gedanken ihrer Größ' erhitzen,
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Daß ihre himmlisch blauen Augen
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Gleich ihren Siegesschwertern blitzen,
191
Sah ich Siegmarn, und seinen Sohn,
192
Und neben ihnen andre Rächer
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Der Freiheit. Da ergriff im Zorn
194
Der Silberhaarigte den Becher:

195
So möge gleich dem Schirlingsaft
196
Mich dieser Becher tödten!
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So mög' einst vor der Rechenschaft
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Der Götter ich erröthen!
199
Wenn ich, o Vaterland, nicht noch
200
Mit Strömen Bluts dich räche;
201
Wenn ich dieß schändlich schwere Joch
202
Des Römers nicht zerbreche!

203
Er sprachs. Sein Auge funkelt
204
Rings um den Becherrand.
205
Er tranks. Ihm bebt vor Alter,
206
Noch mehr vor Zorn die Hand.
207
Dann füllte Herman seinen Becher,
208
Dem Vater nach;
209
Hob ihn vor seine stieren Blicke
210
Empor, und sprach:

211
So sey im Becher das Verderben!
212
So möge Herman namlos sterben,
213
Wenn ich nicht, Vater, deinen Harm,
214
Mit scharfem Schwerte räche!
215
Wenn ich nicht morsch den frechen Arm
216
Der Tiranney zerbreche!

217
Da reichten alle Gäste dir,
218
Greiß Siegmar, ihre Hände;
219
Und jeder rief: »Verderben mir!
220
Wenn ich nicht, Bruder Herman, dir
221
Mein Gut und Blut verpfände!«
222
Nun eilten wir rathsuchend
223
Zur göttlichen Velleda Thurm.
224
Die Nacht war tief, die Sterne bebten;
225
Denn in den Lüften flog der Sturm,
226
Und Sausen war im alten Haine
227
Wo niemals Axt noch Bogen klang.
228
Da fanden wir des Thurms
229
Zusammengebirgten Steine:
230
Da hub ich an, den Bardengesang.
231
Mein Lied drang in die mosigte Höle,
232
Wo sie, die Rune Velleda war:
233
Und wer der Höle nahet,
234
Den faßt der Schaur beim Haar.

235
Heil uns! Hier sahn wir sie; die Locken
236
Fliegend, im weißen Gewand;
237
Sie schwang die nakten Arme,
238
Fackel und Dolch in der Hand:
239
Sie flog im Zaubertanze
240
Rings um die heilge Lanze
241
(mich schaudert noch!) und sang
242
Daß uns die Herzen bebten,
243
Und Felß und Wald erklang.

244
Krieg! (schwoll ihr Lied empor:) und Krieg!
245
Dort, die Hügel hinüber!
246
Nah an meinen Gränzen!
247
Ah, die Schwerter glänzen!
248
Freiheit, Ruhm, und Sieg!
249
Deß ist euch Velleda Bürge:
250
Löse, Herman, löse mich!
251
Schaffe daß ich Opfer würge:
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Oder ich erwürge dich!

253
Bald stand sie in Gedanken tief,
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Gab Siegmarn ihre Hand und rief:
255
»segne Tohro, grüße Mannen,
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Vater, denn sie riefen dich! –«
257
So sprach das weise Weib, und wich
258
In leiserm Tanze von dannen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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