1
Des Menschen erste Schuld und jene Frucht
2
Des strengverbotnen Baums, die durch Genuß
3
Tod in die Welt gebracht und jeglich Weh,
4
Die Eden raubte, bis ein größrer Mensch
5
Des Heiles Sitz uns wiederum errang:
6
Besing' o Himmelsmuse, die auf Horebs,
7
Auf Sinai's verborgnem Gipfel einst,
8
Den Hirten entflammte, der zuerst belehrt
9
Das auserwählte Volk, wie Erd und Himmel
10
Im Anfang aus dem Chaos sich erhob;
11
Von dorther, oder wenn des Sion Hügel,
12
Siloah's Quell, der bei des Herrn Orakel
13
Hinfloß, dich mehr erfreut, so ruf ich dich
14
Von dort herab, mein kühnes Lied zu weih'n,
15
Das nicht gemeinen Flugs Aeoniens Berg
16
Mit solchen Dingen überschweben will,
17
An die sich Vers und Prosa nie gewagt.
18
Vor Allem du beseele mich, o Geist,
19
Der offne Herzen mehr als Tempel liebt:
20
Du bist allwissend, warst vom Anbeginn
21
Und ruhtest brütend einer Taube gleich
22
Mit mächtig ausgespreiztem Flügelpaar,
23
Den ungeheuern Abgrund fruchtbar machend.
24
Was in mir dunkel ist, erleuchte du,
25
Was in mir niedrig, heb' und stütze du;
26
Daß ich gemäß dem hohen Gegenstand
27
Die Wege Gottes zu den Menschen preisend
28
Die ewige Vorsehung vertheid'gen mag.
29
O sprich zuerst – denn Nichts verbirgt der Himmel,
30
Die tiefe Hölle Nichts vor deinem Blick –
31
O sprich, was unser erstes Elternpaar
32
In jener Seligkeit und Himmelsgunst
33
Bewog, von ihrem Schöpfer abzufallen,
35
Sie, die doch sonst die Herrscher dieser Welt?
36
Sprich! wer verführte sie zu dieser Schuld?
37
Der Höllendrache, Jener, dessen List
38
Von Rach' und Neid erregt, der Menschen Mutter
39
Zu einer Zeit betrog, als ihn sein Stolz
40
Herab vom Himmel stürzte sammt der ganzen
41
Rebellischen Engelschaar, mit deren Hülfe
42
Er glorreich seines Gleichen zu beherrschen
43
Und Gott sich gleich zu stellen trachtete,
44
Da er durch Widerstand und ehrsuchtvoll
45
Verruchten Krieg im Himmel gegen Gottes
46
Alleinherrschaft erhob, und stolzen Kampf,
47
Der fruchtlos blieb. Des Allerhöchsten Macht
48
Stieß häuptlings ihn aus den äther'schen Höh'n
49
Furchtbaren Sturzes glutumflammt hinab
50
Zum bodenlosen Abgrund, dort zu wohnen
51
In Demantketten und in Feuerpein,
52
Da dem Allmächtgen er gewagt zu trotzen.
53
Neun Mal die Zeit, die bei den Sterblichen
54
Den Tag, die Nacht bezeichnet, lag er dort
55
Besiegt mit seiner schaudervollen Horde,
56
Im Feuerpfuhl sich wälzend, sinnverwirrt,
57
Und doch unsterblich; denn zu größrer Qual
58
War er verdammt, nun martert der Gedanke
59
Verlornen Glückes ihn, und ew'ger Pein;
60
Die düstern Augen wirft er rund umher,
61
Die Angst und tiefe Traurigkeit verrathen,
62
Worein verstockter Stolz und Haß sich mischt;
63
Er sieht, so weit als Engel können sehn,
64
In seiner Lage wüst' und elend sich,
65
Ein furchtbarlich Gefängniß flammt um ihn,
66
Gleich einem Feuerofen, doch den Flammen
67
Entstrahlt kein Licht; nur sichtbar finstre Nacht
68
Enthüllt ihm hier die Gruppen tiefen Weh's,
69
Die Gegenden der Sorgen, düstre Schatten,
70
Wo Friede nicht, noch Ruhe je verweilt,
71
Wohin selbst Hoffnung, die sonst Allen naht,
72
Nicht kommen kann; nur endlos grimme Pein
73
Mischt sich der Feuerflut, genährt von Schwefel,
74
Der ewig brennt und nimmer sich verzehrt.
75
Solch einen Ort erschuf der ewge Richter
76
Für die Empörer, deren Kerker hier
77
Aus tiefstem Dunkel gähnt, daß sie von Gott
78
Und Himmelslicht drei Mal so weit entfernt,
79
Als wie der Mittelpunkt vom letzten Pol.
80
Wie ungleich jenem Raum, aus dem sie fielen!
81
Dort sieht er die Genomen seines Fall's
82
Von Flut und Wirbelwind der Feuermassen
83
Verschlungen, und an seiner Seite wälzen
84
Den Einen, an Verbrechen und Gewalt
85
Ihm selbst der nächste, der bekannt dereinst
86
In Palästina ward als Beelzebub.
90
»wenn Du es bist, – doch o! wie tief gefallen,
91
Wie ungleich Dem, der in den Lichtgefilden
92
Mit höchstem Glanz bekleidet, Myriaden
93
An Schimmer überstrahlte – wenn Du's bist,
94
Den wechselseitig Bündniß, gleicher Plan,
95
Hoffnung und Wagniß in der großen That
96
Mit mir verband, und Elend nun im Sturz –
97
Du siehst, in welchen Pfuhl, aus welcher Höhe
98
Gestürzt wir sind, so mächtig war sein Donner,
99
Wer hat vorher auch dieser grausen Waffe
100
Gewalt gekannt? doch weder dies, noch auch
101
Was sonst des mächtigen Siegers Grimm verhängt,
102
Läßt mich bereun und meinen Willen ändern,
103
Ob ich verändert auch im äußern Glanz,
104
Groll fühl ich ob beleidigten Verdienstes,
105
Was mit dem Höchsten mich zu kämpfen zwang,
106
Und mich zum Streit die unermessne Macht
107
Bewehrter Geisterscharen führen hieß,
108
Die seine Herrschaft wagten zu verschmähn,
109
Die mich erwählten, seiner Allgewalt
110
Sich widersetzten, auf den Himmelsau'n
111
In zweifelhaften Treffen seinen Thron
112
Erschütternd. Ob das Schlachtfeld auch verloren,
113
Ist doch nicht Alles hin; der Wille nicht,
114
Der unbesiegbar, nicht der Rache Durst,
115
Der ewge Haß und Muth, sich nie zu beugen,
116
Und was noch sonst unüberwindlich ist:
117
Den einen Ruhm soll nimmer mir sein Grimm
118
Und seine Macht entreißen. Wollt' ich jetzt
119
Kniebeugend ihn um seine Gnade flehn
120
Und seine Macht vergöttern, dessen Reich
121
Jüngst vor dem Schrecken dieses Arms erbebte,
122
So wär' es wahrlich niedrig, wäre Schmach
123
Und größre Schande noch als unser Sturz,
124
Da nach dem Schicksal nie die Macht der Götter,
125
In uns das Himmlische nie schwinden kann;
126
Weil die Erfahrung dieses großen Kampfs
127
An Kräften uns nicht schwächer; ja nur stärker
128
An Vorsicht machte, können wir mit mehr
129
Erfolg und Hoffnung ewge Fehde wagen,
130
Die unversöhnlich mit Gewalt und List
131
Den größten unsrer Feinde soll bekriegen,
132
Der triumphirend jetzt im Freudetaumel
133
Des Himmels Herrschaft ganz allein besitzt.«
134
So sprach der abgefallnen Engel Herr
135
Laut prahlend, doch gefoltert von Verzweiflung
136
Und keck entgegnet ihm sein Mitgenoß:
137
»o Fürst und Haupt so vieler Herrschermächte,
138
Die in den Krieg die Seraphim geführt,
139
Die furchtlos bei der schreckenvollsten That
140
Des ewgen Himmelskönigs Thron bedrohten,
141
Zu prüfen seiner Oberherrschaft Kraft,
142
Ob sie auf Zufall oder Macht gestützt:
143
Wohl seh ich und beklag' ich dies Ereigniß,
144
Das durch der Niederlage grausen Sturz
145
Den Himmel uns verlor und unser ganzes
146
Gewaltiges Heer furchtbar zertrümmerte,
147
So weit als Götter oder Himmelswesen
148
Zu Grunde gehn, denn Geist und Seele bleibt
149
Unüberwindlich; bald auch kehrt die Kraft,
150
Ob unser Ruhm auch schwand und unser Glück
151
Von endlos arger Pein verschlungen ward.
152
Doch wie, wenn unser Sieger (dessen Kraft
153
Ich anerkennen muß, da nicht geringere
154
Die unsern Kräfte je besiegen konnte)
155
Uns Geist und Stärke ließ, um unsre Qual
156
Ganz kräftig zu erdulden und zu leiden,
157
Daß seinem Rächerzorne wir genügen,
158
Und ihm als Knechte nach dem Kriegesrecht
159
Zu Dienste stehn; gleichviel, zu welchem Frohn,
160
Um hier im Hag der Hölle bei dem Feuer,
161
Ob in dem Pfuhl als Boten mitzuwirken:
162
Was frommt es uns, daß unvermindert wir
163
Die Stärke so wie ewges Dasein fühlen,
164
Um ewige Bestrafung auszustehn?«
165
Worauf der Erzfeind rasch erwiderte:
166
»gefallner Cherub, schwach zu sein ist elend
167
Im Thun und Leiden; doch versichert sei,
168
Nie wird mehr Gutes unser Handeln sein,
169
Das Böse thun wird unsre höchste Lust,
170
Als seines hohen Willens Gegentheil,
171
Den wir bekriegt. Wenn seine Vorsehung
172
Aus unserm Bösen Gutes schaffen will,
173
So müssen diesen Zweck wir ihm vereiteln,
174
Im Guten Stoff zum Bösen stets zu finden.
175
Dies wird uns oft gelingen, und vielleicht
176
Ihn öfters kränken, und wenn ich nicht irre
177
Vom Ziel ihm den geheimsten Willen lenken.
178
Doch sieh, der grimmige Sieger hat die Diener
179
Der Rache schon zum Thor des Himmels wieder
180
Zurückgewinkt; die Schwefelhagelflut,
181
Die uns im Sturme nachgeschüttelt ward,
182
Hat ausgetobt, im wilden Flammenmeer,
183
Das uns umwogt, als wir vom Himmel stürzten;
184
Der Donner, mit dem rothen Blitz beschwingt
185
Und ungestümer Wuth, hat seinen Köcher
186
Vielleicht erschöpft, und läßt allmählich nach,
187
Zu brüllen durch den endlos wüsten Schlund.
188
Laß die Gelegenheit uns nicht versäumen,
189
Die uns des Feinds gesättigte Wuth verschafft.
190
Siehst du die furchtbar öde Haide dort,
191
Die Wohnung der Verzweiflung, ohne Licht,
192
Bis auf den Schimmer dieser fahlen Flammen,
193
Die blaß und schrecklich flimmern? Dorthin laß
194
Uns retten aus der Feuerwogen Stößen,
195
Laß dort uns ruhn, wenn irgend Ruhe dort,
196
Und sammelnd unser tiefbetrübtes Heer
197
Erwägen, wie wir unsern Schaden bessern,
198
Und unser furchtbar Elend überstehn,
199
Wie aus der Hoffnung wir Verstärkung schöpfen,
200
Wo nicht, Entschlossenheit aus der Verzweiflung.«
201
So sprach der Satan zu dem Leidgefährten,
202
Das Haupt der Flut enthoben, und die Augen
203
In Flammen funkelnd; niederwärts gebeugt
204
Schwamm mehre Hufen weithin ausgestreckt
205
Sein Körper auf den Wogen lang und breit,
206
An Größe jenen Riesen gleich der Fabel,
207
Wie die Titanen oder Erdgebornen,
208
Die Zeus bekriegt, wie Typhon und Briareus,
209
Die einst die Schlucht beim alten Tarsus barg,
210
Wie jenes Seegethier, der Leviathan,
211
Den Gott als allergrößtes Wesen schuf,
212
Das in des Ozeans Gewässern schwimmt,
213
Den, wenn er in Norwegens Schaume schlummert,
214
Der Schiffer einer nachtereilten Barke
215
Oft für ein Eiland hält, und, wie man sagt,
216
Wirft dann der Seemann in die Schuppenhaut
217
Den Anker, und liegt vor dem Wind geschützt
218
An seiner Seite, wenn noch nachtumhüllt
219
Dem Meer nicht der ersehnte Morgen lacht.
220
So ausgestreckt lag jetzt der Satan da,
221
Gekettet an den Feuersee; wohl nimmer
222
Hätt' er sein Haupt erhoben, wenn der Wille
223
Und die Erlaubniß des Allwaltenden
224
Ihm Raum zu seinem finstern Werke ließ,
225
Damit er selbst durch wiederholten Frevel
226
Verdammniß auf sich häufe, da er Andern,
227
Zu schaden sucht' und dann voll Grimm gewahrt,
228
Wie alle Bosheit Gutes nur erschuf,
229
Und den durch ihn verführten Menschenkindern
230
Unendlich Huld und Gnad' erwiesen wird,
231
Doch wälzt auf ihn sich dreifach Rach' und Wuth, –
232
Jetzt richtet aus dem Pfuhl er sich empor,
233
Gewalt'gen Wuchses, von den beiden Seiten
234
Zurückgetrieben, senken sich der Flammen
235
Hochzackige Gipfel, rollen in die Wogen
236
Und lassen mittenin ein schrecklich Thal.
237
Dann steuert er mit ausgespannten Schwingen
238
Im Flug empor, auf finstern Lüften schwebend,
239
Die ungewohnte Last empfinden, bis er dann,
240
Das trockne Land erreicht, wenn Land es war,
241
Wo immerfort ein festes Feuer glimmt,
242
So wie der See von flüssigen Flammen glühte:
243
An Farbe schien es so, als ob die Kraft
244
Der unterirdischen Winde Felsen reißt
245
Von dem Pelorus und dem donnernden
246
Geborstnen Aetna, dessen Eingeweide
247
Brandträchtig und verbrennbar Feuer fängt,
248
Das, durch die Wuth der Lava noch erhöht,
249
Vereint dem Sturme, nur versengten Boden
250
Voll Qualm und Rauch zurückläßt. Solchen Ort
251
Der Ruh fand des verfluchten Fußes Sohle!
252
Ihm folgte schnell sein treuer Mitgenoß,
253
Frohlockend prahlten Beide jetzt als Götter
254
Durch eigne neuerlangte Kraft, und nicht
255
Durch die Erlaubniß einer höhern Macht
256
Dem stygischen Glutenmeer entflohn zu sein.
257
Dann sprach der Mund des tiefgefallnen Engels:
258
»ist dies die Gegend, dies das Land und Klima,
259
Der Sitz, den mit dem Himmel wir vertauschen,
260
Das trübe Dunkel für das Himmelslicht?
261
So sei's, weil er, der jetzt Gebieter ist,
262
Verfügen kann, was er als Recht gebeut:
263
Am besten ist's, recht fern von ihm zu sein,
264
Den, an Vernunft uns gleich, nur die Gewalt
265
Erhoben über Gleiche! Fahre wohl
266
Glückselig Feld, der ew'gen Freude Sitz!
267
Heil Schreckniß Dir! Heil Dir o Unterwelt!
268
Und Du o tiefste Hölle huldige jetzt
269
Dem neuen Herrn, der einen Geist besitzt,
270
Der unverändert bleibt durch Raum und Zeit.
271
Es ist der Geist sein eigner Raum, er kann
272
In sich selbst einen Himmel aus der Hölle,
273
Und aus dem Himmel eine Hölle schaffen.
274
Was gilt das Wo, bin ich nur immer ich,
275
Und was ich sein soll, doch nur größer nicht,
276
Als er, der durch den Donner mächt'ger ward!
277
Hier sind wir frei; hier baute nicht der Herr,
278
Um Neid zu wecken, wird uns nicht von hier
279
Vertreiben; sicher können hier wir herrschen,
280
Und wie mich dünkt, ist Herrschen würd'ger Lohn
281
Und wär's auch in der Hölle; besser ist
282
Der Hölle Herr sein, als des Himmels Sclave.
283
Doch warum lassen wir die treuen Freunde,
284
Die Kampfgenossen und des Falles Brüder,
285
Betäubt im Pfuhle der Vergessenheit,
286
Und rufen sie nicht her, um die Behausung
287
Die unglückselige mit uns zu theilen;
288
Ha! oder noch ein Mal vereinten Kampfs
289
Zu wagen, ob vom Himmel wir gewinnen,
290
Ob in der Hölle noch verlieren können?«
302
Kaum schwieg er still, als schon der Satan sich
303
Zum Ufer wandte, den gewichtigen Schild,
304
Groß, breit und rund, und von ätherischem Stoff
305
Am Rücken tragend. Hing der breite Kreis
306
Doch auf den Schultern, wie des Mondes Scheibe,
307
Wann sie durch's Glas Toscaniens Künstler sieht
308
Des Abends von Fiesole's Gebirg
309
Und von Valdarno, neues Land entdeckend
310
Sammt Fluß und Bergen auf dem fleckigen Kreise.
311
Sein Speer, wogegen selbst die höchste Tanne,
312
Gefällt auf Norwegs Bergen, sie als Mast
313
Im größten Admiralschiff aufzupflanzen,
314
Ein schwaches Stäbchen wär', dient ihm als Stütze
315
Bei seinem Gang auf glühendem Gestein,
316
Ungleich dem Gang auf dem Azur des Himmels.
317
Die heiße Luft umloht mit Feuer ihn;
318
Doch ruhig hielt er's aus bis an's Gestad
319
Des Feuermeers, hier rief er seiner Horde,
320
Den Engeln, die betäubt in Schaaren lagen,
321
Herbstblättern gleich, auf Valombrosa's Bäche
322
Gestreut, wo die Etrurischen Schatten sich
323
In Bogen wölben, oder so dicht, wie Schilf,
324
Wann mit entfesseltem Wind bewehrt Orion
325
Des rothen Meeres Küste peitscht, deß Wogen
326
Busiris sammt den Reisigen aus Memphis
327
Versenkt dereinst, als Gosens Gäste sie
328
Treulosen Grolls verfolgten, die am Strand
329
Die Leichen schwimmend auf dem Meere sahn
330
Sammt den zerbrochnen Wagen; so verstreut,
331
Zerrüttet und verloren lagen diese,
332
Die Flut bedeckend und betäubt ob ihrer
333
So schmählichen Verwandlung. – Da
334
Rief er so laut, daß hohl der Hölle Tiefen
335
Es widerhallten: »Fürsten, Herrscher, Krieger,
336
Des Himmels Blüthen, des euch jetzt verlornen,
337
Wenn ein Entsetzen ew'ge Geister je
338
Erschüttern kann; habt ihr den Ort gewählt,
339
Um nach des Krieges Mühn euch Ruh zu gönnen
340
Und eurem Muth, weil ihr den Schlummer hier
341
So süß, wie in den Himmelsthalen findet?
342
Schwurt ihr, in dieser hingeworfnen Stellung
343
Den Sieger anzubeten, der nun Seraph
344
Und Cherub in der Glut sich wälzen sieht,
345
Mit ringsverstreuten Waffen, bis behend
346
Der Diener Schaar vom Himmelsthor den Vortheil
347
Erblickt und niederstürmt, um uns Erschöpfte
348
In Grund zu treten, mit verketteten
349
Blitzkeulen an den Grund des Pfuhls zu schmieden?
350
Erwacht! erhebt euch oder bleibt gestürzt!«
351
Sie hörten ihn beschämt, erhoben sich
352
Auf ihren Schwingen, so wie Menschen wol,
353
Die Wache halten, schlafend von dem Obern
354
Gefunden werden, den sie fürchten, rasch
355
Auftaumeln, ehe ganz erwacht sie sind.
356
Noch kannten sie die traurige Lage nicht,
357
Noch fühlten sie die grenzenlose Pein;
358
Doch schnell gehorchten wohl Unzählige
359
Des Herrschers Stimme. Wie der mächtige Stab,
360
Von Amrams Sohn geschwungen um die Küste,
361
Einst an Egyptens unheilvollem Tage
362
Ein schwarz Gewölk Heuschrecken herbeschwor,
363
Vom Ost zusammengeblasen gleich der Nacht
364
Auf jenes frechen Pharao Reiche hängend,
365
Des Nils Gestad verdunkelnd: so auch schwebten
366
Zahllos jetzt unter ihrer Hölle Kuppel
367
Die bösen Engel in den Flammengluten,
368
Die sie von allen Seiten rings umflossen,
369
Bis als ein Zeichen den erhobnen Speer
370
Ihr Sultan schwang, um ihren Flug zu leiten,
371
Dann ließen sie auf festen Schwefelgrund
372
Im Gleichgewicht sich nieder und erfüllten
373
Die ganze Flur, ein Schwarm, wie nie der Norden
374
Aus seinen Eisgefilden einen sandte,
375
Die Donau und den Rhein zu überschreiten,
376
Als die barbarischen Söhne gleich der Sündflut
377
Nach Süden kamen, unter Gibraltar hin
378
Bis zu dem Sande Libyens sich verbreitend,
379
Nun eilten gleich von jeglicher Partei
380
Die Häupter dahin, wo ihr Führer stand;
381
Gestalten, die als Götter menschliche
382
Gebilde weithin übertrafen, würdig,
383
Gewaltig, die im Himmel früher thronten
384
Obwohl ihr Name dort nicht mehr verzeichnet,
385
Denn ausgelöscht sind sie und ausgetilgt,
386
Seit der Empörung aus dem Buch des Lebens.
387
Noch führten sie die neuen Namen nicht,
388
Die unter Eva's Söhnen sie empfingen,
389
Als sie durch Gottes hohe Zulassung
390
Auf Erden wallten zu der Menschen Prüfung,
391
Durch Lug und Trug der Menschheit größten Theil
392
Verführten, Gott den Schöpfer zu verläugnen,
393
Und dessen unsichtbare Herrlichkeit
394
In eines Thieres Bildniß umzuwandeln,
395
Das sie geschmückt mit heitrer Frömmelei
396
Voll Pomp und Gold ja Teufel göttlich selbst
397
Anbeteten. Sie wurden dann bekannt
398
Der Heidenwelt in mannichfacher Form.
399
O Muse, nenne jetzt die Namen Jener,
400
Die aus dem Schlummer in dem Feuerbett
401
Auf ihres großen Kaisers Ruf erwachten,
402
Wie einzeln sie nach ihrem Würdegrad
403
Hinschritten, wo am öden Strand er weilte,
404
Indeß der niedre Haufe ferne blieb.
405
Die Häupter waren Jene, die, der Hölle
406
Entsteigend, ihren Raub auf Erden suchten
407
Und später ihren Sitz bei Gottes Thron
408
Und ihren Altar bei dem seinen nahmen,
409
Von Völkern rings als Götter angebetet,
410
Sie wagten frech Jehovah sich zu nahn,
411
Der donnernd unter Cherubschaaren thronte
412
Auf Zion, stellten selbst im Heiligthum
413
Oft ihre Götzen auf, entheiligten
414
Mit fluchbeladnen Dingen die Gebräuche
415
Und hehre Gottesfeier, um sein Licht
416
Mit ihrem Dunkel kecklich zu verhöhnen.
417
Moloch zuerst, der schreckenvolle Fürst,
418
Befleckt mit Menschenblut und Aelternthränen,
419
Obwol durch das Gelärm' der Pauk' und Trommel
420
Das laute Schrein der Kinder ward betäubt,
421
Die durch das Feuer zu dem Götzen gingen.
422
In Rabba und in dessen Wasserfläche
423
Ehrt ihn der Ammonit, zu Argob und
424
Zu Basan bis zum Strom des fernen Arnon.
425
Mit trotziger Nachbarschaft noch nicht zufrieden,
426
Bethört er auch durch Ränke Salomo's
427
Hochweises Herz, daß er ihm Tempel baute,
428
Dem Tempel Gottes gegenüber just
429
Auf jenem Hügel, der mit Greul bedeckt,
430
Daß er das reizendholde Thal von Hinnon,
431
Tophet und schwarz Gehenna dann genannt,
432
Ein Höllenvorbild, ihm als Hain ertheilte. –
433
Dann nahte Chemos, Schreckbild Moabs Söhnen,
434
Von Aroer bis Nebo, bis zur Wüste
435
Von Abarim im Süden weithinein,
436
In Hesebon und Horonaim Herrscher;
437
In Seons Reich, noch weiter als das Thal
438
Von Sibma, welches blüht' und weinumkränzt,
439
Und Eleale bis zum Asphalt-Sumpf.
440
Auch Peos hieß er, als er Israel
441
Auf seinem Zug vom Nil zu Sittim reizte
442
Ihn anzubeten, was sie schwer dann büßten.
443
Von da dehnt er die üpp'gen Orgien aus
444
Bis an den Hain des mörderischen Moloch
445
Auf jenem Greuelhügel, Wollust wohnte
446
Dicht bei dem Hasse; bis sie Beide dann
447
Der fromme Josiah zur Hölle trieb.
448
Dann kamen jene, die einst von der Flut
449
Des alten Euphrat bis zu jenem Bach,
450
Der Syriens Boden von Egypten scheidet,
451
Baalim und Astaroth als Namen führten,
452
Die männlichen, die weiblichen Geschlechts,
453
Denn Geister können, wenn sie irgend wollen,
454
Ein jegliches Geschlecht, ja beide führen,
455
So zart und einfach ist ihr reiner Stoff:
456
Durch Glieder und Gelenke nicht gezwängt,
457
Noch auf der Knochen spröde Kraft gestützt,
458
Wie plumpes Fleisch; nein, was auch für Gestalt
459
Sie wählen, ob verdichtet, ob gedehnt,
460
Licht oder dunkel, sie vermögen doch
461
Die luftigen Geschäfte zu vollziehn
462
Sowohl des Hasses Werke, wie der Liebe.
463
Für sie verließ der Stamm von Israel
464
Oft die lebendge Kraft, und ließ verödet
465
Den heiligen Altar, sich tiefer beugend
466
Vor thierischen Götzen; dafür wurden tief
467
Auch ihre Häupter in der Schlacht gebeugt
468
Und sanken vor den Speeren schnöder Feinde.
469
Mit dieser Schaar kam Astaroth heran,
470
Astarte von Phöniciern genannt,
471
Die Himmelskönigin mit Mondeshörnern,
472
Vor deren Bild nächtlich bei Mondenschein
473
Sidoniens Jungfrau'n beteten und sangen;
474
In Zion auch blieb sie nicht unbesungen,
475
Wo auf dem Berg der Schmach ihr Tempel stand,
476
Erbaut von jenem buhlerischen König,
477
Deß großes Herz, von schönen Heidinnen
478
Verführt, in niedern Götzendienst verfiel.
479
Nach ihn kam Thammuz, dessen Wunde jährlich
480
Zum Libanon die Töchter Syriens lockte,
481
Um einen ganzen Sommertag hindurch
482
In Liebesklagen sein Geschick zu singen,
483
Und weil der Quell Adonis aus dem Felsen
484
Ganz purpurn floß zur See, vermeinten sie,
485
Es sei das Blut des jährlich wunden Thammuz.
486
Dies Liebesmährchen weckte gleiche Glut
487
In Zions Töchtern, deren Leidenschaft
488
Ezechiel im heiligen Vorhof sah,
489
Als durch Visionen seinem Auge ward
490
Des falschen Juda Götzendienst gezeigt.
491
Dann folgte der, deß Trauer ernstlich klagte,
492
Als die gefangne Bundeslade wild
493
Sein Bild zermalmte, Haupt und Hände selbst
494
Im eignen Tempel ihm am Fußgesims
495
Abschlug, daß rasch es auf den Boden stürzte
496
Zur Schande der Verehrer, – dies war Dagon,
497
Ein Ungeheuer des Meers, halb Fisch, halb Mensch,
498
Doch hat er seinen Tempel hoch erbaut
499
Zu Azot, längs dem Strande Palästina's,
500
Gefürchtet auch, in Gad und Askalon,
501
In Akkaron bis an die Grenzen Gaza's.
502
Ihm folgte Rimmon, dessen Lieblingsort
503
Damaskus war, an dem fruchtbaren Strand
504
Abbana's, Pharphars, der krystallnen Ströme.
505
Auch er war gegen Gottes Tempel frech,
506
Verlor einst einen Kranken und gewann
507
Dort einen König Abas, jenen Narren,
508
Den keck er zwang, des Herrn Altar zu schänden,
509
Und einen syrischen dafür zu baun,
510
Auf dem man die verhaßten Opfer brannte,
511
Und Götter ehrte, die er überwunden.
512
Dann naht ein Zug mit Namen alten Rufs
513
Osiris, Isis, Orus und ihr Troß.
514
Mit Zauberei'n und räthselhaften Bildern
515
Betrogen sie Egypten sammt den Priestern,
516
Daß das fanatische Volk in Thiergestalt
517
Anstatt in Menschenform die Götter suchte.
518
Auch Israel entging nicht dieser Pest,
519
Als ihr geborgtes Gold das Kalb erschuf
520
Am Horeb, und der wildempörte König
521
Die Sünd' in Bethel und in Dan verdoppelt',
522
Als er den Schöpfer gleich dem Stiere formte,
523
Jehovahn, der in einer Nacht zugleich,
524
Als an Egypten er vorüberzog,
525
Die Erstgebornen sammt den blöckenden
526
Abgöttern schlug. – Zuletzt kam Belial,
527
Gemeinrer Geist fiel von dem Himmel nie,
528
Der nur das Laster um das Laster liebte;
529
Ihm stand kein Tempel, rauchte kein Altar,
530
Doch wer ist mehr in beiden wohl als er,
531
Wenn selbst der Priester Gottesläugner wird,
532
Wie Eli's Söhne, die mit Wollust einst
533
Und mit Gewaltthat Gottes Haus beschimpften?
534
An Höfen und Palästen herrscht er auch,
535
In üppigen Städten, wo des Schwelgens Jubel
536
Und Schuld sich über ihre höchsten Thürme
537
Erhebt. Wenn Nacht die Straßen dunkel hüllt,
538
Dann wanken Belials Söhne wild heraus
539
Von Wein und frechem Uebermuth erfüllt.
540
Die Straßen Sodoms waren Zeugen deß,
541
Und jene Nacht in Gibeah, wo ein Weib
542
Gastfrei man preisgab, Aergres zu verhüten.
543
Die Ersten waren dies an Rang und Macht,
544
Die Uebrigen zu nennen wär' zu lang.
545
Wenn auch die Namen weit und breit berühmt,
546
Ioniens Götter, von dem Stamme Javan's
547
Verehrt als Götter, doch nach eigner Beichte
548
Weit spätern Ursprungs als wie Erd und Himmel,
549
Die hohen Eltern; Titan, Erstgeborner
550
Des Himmels mit der ganzen Riesenbrut,
551
Dem von dem jüngern Bruder, vom Saturn
552
Das Recht der Erstgeburt entrissen ward.
553
Saturn empfing von seinem Sohn mit Rhea,
554
Vom Jupiter dafür ein gleiches Loos;
555
So herrschte Jupiter! Zuerst bekannt
556
War diese Schaar in Creta und auf Ida,
557
Beherrschte dann auf des Olympus Schnee
558
Die Mittelluft, als ihren höchsten Himmel,
559
Auch auf der Klippe Delphis, zu Dodona,
560
Entlang die Grenzen all des Dorerlands;
561
Dann jene, welche mit Saturn entflohn
562
Hesperien zu, hin über Adria,
563
Der Celten fernstes Inselmeer durchstreifend.
564
Sie all' und Andre kamen schaarenweis
565
Doch mit gesenktem und betrübtem Blick,
566
Worin ein schwacher Freudestrahl nur glänzte,
567
Daß sie verzweifelt nicht ihr Haupt gefunden
568
Und im Verlust sich selber nicht verloren.
569
Zweideutige Röthe färbte sein Gesicht,
570
Doch schnell den alten Stolz zusammennehmend
571
Erhob er schmeichelnd ihren schwachen Muth
572
Mit hohen Worten, die nach Würde klangen
573
Ob sie gehaltlos auch, und bannte so
574
Der Seinen Furcht. Sogleich befahl er dann,
575
Daß unter lautem, kriegerischen Klang
576
Der Zinken und Trompeten sein Panier
577
Erhoben werde; dieser Ehre werth
578
Hielt Azazel, ein stolzer Cherub, sich,
579
Der unverweilt am glanz'gen Stabesschaft
580
Die königliche Fahn' entrollt, die frei
581
Ein Meteor im Windeszuge blitzte,
582
Mit goldnem Prunk und Gemmen reich besetzt,
583
Den Waffen und Trophän der Seraphim.
584
Nun schallt aus lauterklingendem Metall
585
Der kriegerische Ton, drin allgemein
586
Der Krieger Schrei sich mischt, daß die Gewölbe
587
Der Hölle dröhnen, und das Reich des Chaos,
588
Die alte Nacht von außen selbst erschüttert.
589
Im Nu sah man zehntausend Banner wehn,
590
Durch's Dunkel in den hellsten Farben flatternd,
591
Ein Wald von Speeren hob sich hoch empor,
592
Es drängten Helme sich, geschloßne Schilde
593
In dichten Reihn aus unermeßner Tiefe.
594
In regelrechtem Phalanx schritten sie,
595
Nach dorischen Flöten und Schalmeienklängen,
596
Die vor der Schlacht des Alterthumes Helden
597
Dereinst zum edelsten Gefühl erhob,
598
Wuth ward gemildert zur Besonnenheit,
599
Daß unbewegt sie Flucht und Rückzug mehr
600
Als Sterben fürchteten; auch war's die Macht
601
Der Töne den verstörten Sinn zu stillen,
602
Und Zweifel, Furcht und Angst und Schmerz zu bannen
603
Aus menschlichen und göttlichen Gemüthern.
604
So rückten sie, vereinte Stärke hauchend,
605
Mit festem Sinne, schweigend, unter sanftem
606
Getön der Flöten an, das ihre Pein
607
Beim Schreiten auf dem Glutgrund linderte.
608
Jetzt hielten sie, als näher sie gerückt,
609
In einer Schreckensfronte grauser Länge,
610
Mit blendenden Waffen, wie sie Krieger tragen,
611
Die lang bei Schild und Speer ergraut, erwartend,
612
Was ihres mächtigen Oberhaupts Befehl.
613
Rundum schweift sein erfahrnes Auge jetzt,
614
Durchfliegt gewandt die ganze Kriegerschaar,
615
Die Ordnung und ihr Aeußeres, wie Götter;
616
Dann überzählt er sie, und Stolz erfüllt
617
Sein Herz, und pocht verhärtet auf die Stärke.
618
Denn nie, seitdem der Mensch erschaffen, ward
619
Ein großes Heer gesehn, das im Vergleich
620
Mit diesem nicht ein kleines Völkchen wär',
621
Von Kranichen bekriegt, und wenn sich auch
622
Mit ihm vereint die Riesenbrut von Pflegra,
623
Die Helden, die bei Ilion und Theben
624
Gefochten unter Götterschutz und Schirm,
625
Ob auch mit ihm vereint die Ritterschaft
626
Britaniens und Armorica's, die einst
627
Mit Artus kämpfte, wie Romanzen melden,
628
Sammt allen Gläub'gen und Ungläubigen,
629
Die in Asparamont und Montalban,
630
Damaskus und Marocco, Trapezunt
631
Seitdem gefochten, oder sammt den Truppen,
632
Die einst Biserta sandt' aus Afrika,
633
Als Karl der Große mit den Palatinen
634
Bei Fontarabia fiel. – So weit dies Heer
635
Auch den Vergleich mit Menschen übertraf,
636
So fügt es doch dem Führer sich, der Alle
637
An Wuchs und Haltung, einem Thurme gleich
638
Stolz überragte, denn noch hatte seine
639
Gestalt nicht all den frühern Glanz verloren.
640
Er sah wie ein gestürzter hoher Engel,
641
Des Glanzes Uebermaß nur war verdunkelt;
642
Wie wenn die eben aufgegangne Sonne
643
Durch nebelhafte Luft des Horizonts,
644
Beraubt der hellen Strahlen, schimmert, oder
645
In düsterer Verdunklung hinterm Mond
646
Ein Zwielicht wirft auf unsrer Erde Hälfte,
647
Mit Furcht vor Wechsel Könige bedrohend:
648
Also verdunkelt, doch vor Allen strahlend
649
Stand Satan, auf der Stirne zwar die Narben
650
Des Donners, und auf seiner welken Wange
651
Das Mal des Kummers, aber wilder Muth
652
Und Stolz lag in den Augenbrauen, die
653
Auf Rache harrten; grimmig blickt das Auge,
654
Doch reuig auch und schmerzlich, wenn es jetzt
655
Die Mitgenossen seiner Schuld erblickt
656
– Wie anders waren sie im Heil zu schaun –
657
Verdammt zu gleichem, ewigen Loos der Pein;
658
Millionen Geister, die durch seine Schuld
659
Vom Himmel ausgestoßen, und dem ew'gen Licht
660
Verschlossen waren, blieben doch ihm treu,
661
Nach dem Verlust der ew'gen Glorie selbst:
662
So streckt sich, wann des Himmels Glutenstrahl
663
Waldeichen oder Bergesfichten trifft,
664
Ihr stolzer Wuchs mit dem versengten Wipfel
665
Und laubentblößt auf öder Haid' empor.
666
Jetzt regt er sich zu sprechen, rasch umgeben
667
Die Doppelreihen ihn und schließen dann
668
Im Halbkreis ihn mit seinen Großen ein.
669
Aufmerkend schweigen sie. Drei Mal beginnt,
670
Und drei Mal bricht er, seinem Stolz zum Trotz,
671
In Thränen aus, sowie sie Engel weinen;
672
Zuletzt, gemischt mit Seufzen, fand er Worte:
673
»o Myriaden von Unsterblichen,
674
Ihr Mächte, die nur den Allmächtigen
675
Als Gleichen haben – und mit ihm war selbst
676
Der Kampf nicht ohne Ruhm, wiewohl zuletzt
677
Furchtbar, wie dieser Ort bezeugt und Wechsel,
678
Fluch! es zu sagen; doch welch eine Kraft
679
Des Geistes, die des Wissens Quell, Vergangnes
680
Und Gegenwärtiges enthüllen mochte,
681
Ließ fürchten, daß solch einige Göttermacht
682
Wie unsre, je vertrieben werden könnte?
683
Denn wer kann jetzt, nach dem Verluste selbst
684
Wol glauben, daß die Legionen all,
685
Durch deren Sturz der Himmel leer geworden,
686
Nicht wieder eigenmächtig sich erheben
687
Und ihren Heimatsitz erobern würden?
688
Das ganze Heer des Himmels zeuge mir,
689
Ob ich voll Widerspruch gerathen, oder
690
Gefahren scheuend, Hoffnung je verlor?
691
Doch Er, der als Monarch des Himmels herrscht,
692
Saß sicher auf dem Thron bisher, gestützt
693
Auf alten Ruhm, Gewohnheit und Vertrag,
694
Und prunkte mit dem königlichen Pomp,
695
Doch barg er seine Kraft, was uns zum Kampfe
696
Verlockt und unsern Sturz herbeigeführt.
697
Nun kennen seine Macht wir und die unsre,
698
So daß wir weder Ihn zum Kampfe reizen,
699
Noch auch gereizt uns fürchten vor dem Krieg;
700
Das Beste bleibt verborgen nun zu wirken
701
Durch List und Trug, was nicht Gewalt vermocht;
702
Damit er endlich von uns lerne, daß
703
Wer durch Gewalt den Feind besiegt, nur halb
704
Ihn überwunden hat. Erzeugen kann
705
Der Raum noch neue Welten, denn die Sage
706
Ging schon im Himmel, daß er eine Welt
707
In Kurzem schaffen wolle, drin ein neues
708
Geschlecht zu pflanzen, das mit gleicher Gunst
709
Er segnen würde, wie des Himmels Söhne.
710
Dahin vielleicht geht unser erster Ausfall,
711
Und sei's als Späher. Sei's auch anderswo!
712
Denn dieser Höllenpfuhl soll nimmermehr
713
Des Himmels Geister ketten, noch das Dunkel
714
Des Abgrunds lang sie decken. Doch der Plan
715
Erfordert, daß im vollen Rath er reife,
716
Dem Frieden Fluch! Wer denkt an Unterwerfung?
717
Zum Kriege! Krieg! sei's offen oder heimlich!«
718
Er sprachs, und zu bestätigen seine Worte,
719
Erblitzten Millionen Flammenschwerter,
720
Von mächtgen Cberubshüften rasch gezückt,
721
Erleuchtet war die Hölle weitherum;
722
Sie ras'ten gegen den Allmächtgen wild,
723
Und schlugen grimmig mit geschwungnen Waffen
724
Auf ihren klingenden Schilden Kriegeslärm,
725
Zum Himmelsdom die stolze Fordrung brüllend.
726
Unweit davon erhob ein Hügel sich,
727
Deß großer Gipfel Rauch und Feuer spie,
728
Sonst war der Berg von glanz'ger Rind' umstrahlt,
729
Ein sichres Zeichen, daß in seinem Bauch
730
Metallisches Erz, das Werk des Schwefels, war.
731
Dort eilt beflügelt hin ein dichter Trupp
732
Schanzgräbern gleich, mit Spaten und mit Schaufeln,
733
Die vor dem königlichen Heere laufen,
734
Das Feld mit Wall und Graben zu umziehn.
735
Mammon voran, er, der gebeugteste
736
Der Geisterschaar, die aus dem Himmel fiel.
737
Im Himmel selbst war immer niederwärts
738
Bei ihm Gedank' und Blick, bewundernd mehr
739
Des Himmels reiches Gold auf dem Getäfel,
740
Als all' das Heilige, was sich göttlich wies
741
In seligen Visionen; erst durch ihn
742
Erlernt der Mensch, die Tiefen zu durchplündern,
743
Und mit verruchter Hand die Eingeweide
744
Der Mutter Erde zu durchwühlen, nur
745
Der Schätze halb, die besser drin verborgen.
746
Geräumige Wunde hatte bald sein Trupp
747
Im Berg geschlagen und des Goldes Rippe
748
Herausgegraben. Niemand staun' etwa,
749
Daß Reichthum in der Hölle Tiefe wachse,
750
Des theuern Fluchs ist dieser Boden werth.
751
Laßt Jene hier, die irdische Dinge preisen,
752
Von Babel staunend reden und von Werken
753
Der Könige von Memphis; lernen, wie
754
Des Ruhmes größtes Monument voll Kraft
755
Und Kunst von der verworfnen Höllenschaar
756
Leicht übertroffen wird in einer Stunde,
757
Was voller Fleiß kaum in Jahrhunderten
758
Zahllose Menschenhände bilden können.
759
Nah bei der Ebne schmelzt' in mancher Zelle,
760
Auf deren Grund ein flüssig Feuer quoll
761
Aus jenem See, ein zweiter Haufe künstlich
762
Erzmassen, von dem Gold die Schlacken sondernd;
763
Ein dritter hat im Boden schon gebildet
764
Verschiedne Formen und erfüllt die Rinnen
765
Durch wundersame Gäng' aus jenen Zellen:
766
So wie der Schall in einer Orgel schnell
767
Vom Windeshauch aus mancher Pfeife tönt.
768
Dann aus der Erde stieg ein Riesenbau
769
Gleich einem schnellen Dunst empor, beim Klang
770
Der zartsten Melodien und reinsten Stimmen,
771
In Tempelform, mit Pfeilern ringsumbaut,
772
Und dorischen Säulen, deren Architrav
773
Von Golde war; auch fehlte weder Fries,
774
Kranzleisten, noch erhabene Sculptur,
775
Das Dach war ächtes Gold. Nicht Babylon
776
Noch Alcairo reicht' an diese Pracht,
777
Wenn sie im größten Flor für ihre Götter
778
Belus, Serapis Tempel bauten oder
779
Paläste für die Fürsten, als an Reichthum
780
Und Pomp Egypten mit Assyrien stritt.
781
Die Säulen standen stattlich und vollendet,
782
Die ehernen Flügel öffnet schon das Thor,
783
Enthüllt den weithin ausgedehnten Raum
784
Auf glattem Estrich; vom gewölbten Dach
785
Hängt durch Magie so manche Reihe Leuchter
786
Und Sternenlampen, von Asphalt und Naphta
787
Genährt und voller Glanz wie Himmelslicht.
788
Bewundernd trat der hastige Haufen ein,
789
Der pries das Werk und jener dort den Meister,
790
Deß Hand berühmt durch manchen hohen Bau
791
Im Himmel war, wo ihren Thron die Engel
792
Mit Sceptern hatten und wie Fürsten saßen,
793
Weil sie der höchste Herr mit Macht begabt,
794
Der sie beherrschen ließ die lichten Schaaren,
795
Und Jeden zwar im eigenen Bezirk.
796
Sein Name war bekannt und hochgeehrt
797
In Griechenland; und in Ausonien
798
Ward er vom Volke Mulciber genannt,
799
Und da er aus dem Himmel stürzte, ging
800
Die Sage, daß ihn Zeus geschleudert habe
801
Im Zorn herab von den krystallnen Zinnen,
802
Wo er vom Morgen bis zum Mittag fiel,
803
Und immerfort bis zum bethauten Abend;
804
Worauf er mit der Sonne vom Zenith
805
Ein fallender Stern herab auf Lemnos sank, –
806
Doch irrte das Gerücht, denn dieser fiel
807
Schon lang vorher mit der Rebellenschaar,
808
Nichts frommt es ihm, daß er erhab'ne Dome
809
Im Himmel thürmte, denn mit allen Künsten
810
Ward häuptlings er mit seiner ems'gen Schaar
811
Herabgestürzt, die Hölle zu bebaun.
812
Indeß verkünden auf Befehl des Satans
813
Beschwingte Heroldsboten mit Trompeten
814
Und hohem Pomp dem Heere feierlich:
815
Daß sich der höchste Rath versammeln möge
816
In Pandämonium, als dem hohen Sitz
817
Des Satans und der Seinen; ihre Ladung
818
Berief von jeder Schaar und Legion
819
Die Würdigsten nach Stellung oder Wahl.
820
Gleich nahten sie von Tausenden begleitet,
821
Durch jeden Zugang war Gedräng. Die Thore,
822
Vorhallen, und zumeist die große Halle
823
(sie glich mehr einem überdeckten Feld,
824
Wo Kämpfer sich auf Rossen tummelten
825
Und vor des Sultans Thron die besten Ritter
826
Der Heiden in den Zweikampf forderten)
827
War dicht umschwärmt, und Erd' und Luft erklang
828
Vom Rauschen ihrer Flügel. Wie die Bienen
829
Im Lenz, wann in den Stier die Sonne tritt,
830
Ihr zahlreich Völkchen aus dem Stock in Schwärmen
831
Aussenden, und auf Blumen hin und her
832
Im Thaue fliegen, oder auf dem Bret,
833
Dem glatten Hof der strohgeflochtnen Burg,
834
Mit Balsam neu bestrichen, die Geschäfte
835
Des kleinen Staats berathen: also dicht
836
Drängt sich das luftige Heer, bis ein Signal
837
Ertönt – und sieh ein Wunder! die vorhin
838
Der Erde Riesen überragten, sie
839
Sind kleiner als die kleinsten Zwerge jetzt,
840
Und dringen zahllos in den engen Raum,
841
Wie die Pygmä'n, jenseits von Indiens Bergen;
842
Wie Elfen, deren mitternächtigen Tanz
843
Bei einem Waldplatz oder einem Quell
844
Der Landmann sieht, vielleicht auch träumt zu sehn;
845
Indeß der Mond herrscht über seinem Haupt,
846
Im blassen Gange sich der Erde naht,
847
Ergötzen jene, nur auf Scherz bedacht,
848
Das Ohr ihm mit der lieblichsten Musik,
849
Daß Lust und Furcht zugleich im Herzen wallen.
850
So schufen diese körperlosen Geister
851
Aus Riesenform die niedlichste Figur,
852
Und saßen ganz geraum, wiewohl unzählig,
853
Inmitten dieser unterirdischen Halle.
854
Doch tiefer drin, und im gehörigen Maß
855
Sich selbst gleich, saßen im verborgnen Raum
856
Geheim die Seraphim und Cherubschaar,
857
Zahlreich auf goldnen Sesseln, wol an tausend
858
Halbgötter. Dann begann nach kurzem Schweigen,
859
Verles'nem Aufgebot der große Rath.