69.

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Gottfried Arnold: 69. (1690)

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Je mehr der seelen Geist sich regt und Gott tritt nach,
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Je mehr wird er mit Ihm durch Jesum eines heissen:
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Je einiger er ist, je größ're brunst ist da
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Durch feurige begierd, als ein erkaltes eisen
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Im feur erhitzt und schmeltzt, zerflossen gantz zu seyn
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In dieses liebes meer. Denn wächst er zusehns weiter
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An der vollkommenheit, an seines adels schein:
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Sein himmel wird nunmehr von Gottes umgang heiter.
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Wie von der sonn die welt. Doch kommt diß alles nicht
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Aus eignen kräfften her. O nein, er hat's gefunden
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In dem, darauff der Geist sich mit begierde richt,
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Nach dem, der sünd und tod und alles überwunden.

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Nun laßt uns den proceß nach dem geheimnis sehen,
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Das in der Dreyheit liegt, die unzertrennlich heist,
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Doch in dreyfalt'ger krafft pflegt würcklich auszugehen
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Von welcher jede selbst sich nach und nach im Geist
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Empfindlich offenbahrt. Der
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Ist starck, allmächtig, groß, verzehrend feures-krafft:
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Muß auch dem seelen-Geist, stärck, muth und mannheit geben,
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Die sieg und Majestät, und Geist und durchbruch schafft.
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Der
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Des Vaters hertz und lust, weil seiner weißheit glantz
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Des feures schärffe löscht, so bald der neue wille
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Ausgrünt und durch begierd' ins liebe-leben gantz
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Versenckt ist und versteckt. Dann geht der
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Als Vater und Sohn aus, gebährend wonn und freud
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Durchs Paradis in uns nach langen sterbens-leiden
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Wie reiner einfalt nur diß wunder ist bereit.

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Hier will Sophia nun die Gottheit offenbahren,
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Die jene faßt in sich, und wie ihr spiegel ist,
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In reiner jungfrauschafft. Die weißheit kömmt gefahren
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Aus ew'gem ungrund her, der gleichsam heisset wüst,
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Weil da nichts ist, als GOTT, und keine creaturen
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Im ungegründten Nichts. Da sucht Sophiens lieb
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Sich näher zuzuthun, daß nun viel liebes-spuren
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Dem seelen-Geist sind kund. Wenn dieser nun verblieb
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Gehorsam, heilig, rein, so würde sie ihn küssen,
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Als ihren nächsten freund, und ihm zwar erstlich noch
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Mit ihrer scharffen zucht sehr bange machen müssen,
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Doch nur zur prob, ob er ihr sanfftes liebes-joch
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Auffnehmen willig wollt. Geschichts, so ist die freude
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Nicht zubeschreiben, wenn sie sich zu ihm gesellt.
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Ein jedes werd ihr treu, so wird man sie zur beute
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Hinnehmen samt dem schatz, der mehr ist als die Welt.

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Nach dieser zarten lieb, auff dieses lieb-vermählen
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Thut das Geheimnis sich der Dreyheit weiter auff.
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Der Vater, der die seel hat wollen ihm erwählen,
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Sendt seinen Sohn, im Geist zu enden seinen lauff
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Wie sonst im fleisch geschah. Der H. Geist erkläret
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Den Sohn, als weißheit-licht, in menschlicher natur,
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Die nun ihr himmlisch fleisch und blut zur speiß gewähret,
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Damit der neue mensch des Paradises spur
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Selbst in sich wieder find, die menschheit werd vereinet
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Mit Gottes wesen selbst. Und wenn der Sohn also
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In uns gestalt gewinnt, als GOTT und mensch erscheinet:
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So wird die seel im blick des ursprungs wieder froh.

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Sie darff nicht, wie vorhin, des Vaters zorn mehr scheuen,
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Versichert, daß er ihr nur lieb-erbarmung sey:
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Und daß sein schaffend wort die kleine welt erneuen,
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Erfreuen und vom fluch und straff will machen frey.
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Also erklärt der Sohn in uns den Vater wieder,
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Und bet't ihn in uns an, und führt das gantze werck
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Der wiederbringung aus. Der Vater läßt sich nieder
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Zur neuen creatur, vereinigt seine
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Mit seines Sohnes
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Im menschen einig sind, durchs band vom liebe-Geist.
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Ist noth, daß eine seel im tieffsten grund bemercke,
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Wie sie des Vaters, Sohns und Geistes wohnung heist.

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Hier wird der ewge Grund zur allmacht selbst geleget,
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Zu aller lieb und lust, zur weißheit höchsten schein:
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Unüberwindlich ist, was sich im innern reget,
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Es muß auch ungekränckt und unverlohren seyn.
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Wol dem, der alles läßt, was Gott nicht selbst ist, fahren,
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Und seine selbheit selbst ins ew'ge nichts versenckt:
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Der wird sein himmlisch-thun nicht nach den tod versparen,
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Ihm ist gewiß mit GOTT der himmel hier geschenckt!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Arnold
(16661714)

* 05.09.1666 in Annaberg-Buchholz, † 30.05.1714 in Perleberg

männlich, geb. Arnold

deutscher Theologe und Kirchengeschichtsschreiber

(Aus: Wikidata.org)

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