93.

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Gottfried Arnold: 93. (1690)

1
Ihr Nymphen/ die ihr noch die Liebe nicht empfunden/
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Die JESUS reiner Geist in freye Hertzen schickt.
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Hört an/ wie seine Treu mit meiner sich verbunden/
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Und mich als liebste Braut an seine Brust gedrückt:
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Ich hiesse noch ein Kind/ und war kein Kind zu nennen
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An Boßheit und Betrug/ die Blindheit hielte mich/
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Ich wust nicht/ wer ich war/ und konnt mich selbst nicht kennen/
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Es stunde umb mein Heyl und Hoffnung jämmerlich.
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Man schaute mich damals im eigen Willen gehen/
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Es lag der arme Geist im Irrthum trüber Nacht/
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Must ohne Schmuck/ geschändt/ dürr/ arm und heßlich stehen/
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Vom Feinde krumm und lahm/ stumm/ blind und taub gemacht
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Und grausam zugericht; doch ließ sich das nicht schrecken
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Die Hoheit/ so der Chor der Engel tieff verehrt.
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Vor der die Seraphim ihr Angesicht bedecken/
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Der ward die Neigung nicht durch meinen Koth verwehrt/
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Besondern noch gestärckt; mit 1000. Liebekosen.
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Und 1000. noch dazu war seine Gunst vermengt.
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Der Mund war Anmuth-reich/ die Wangen voller Rosen/
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Die Augen voller Blitz/ und gar als wie versengt
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Von der Begierde Brunst. So trat er zu mir Armen/
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Und wollte gleich von mir das Ja-Wort nehmen hin.
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Wie aber wehrt ich mich! Ich solt darinn erwarmen/
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Und seht/ noch kälter ward mein sonst schon kalter Sinn.
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Wie schüchtern war das Hertz! wie zitterten die Glieder/
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Als er nun allgemach zu säubern mich begunt!
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So offt ich ihn vertrieb/ so offte kam er wieder/
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Und machte mir die Treu beständig/ klar und kund.
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Da zeigten sich mit Macht des Geistes obre Kräffte;
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Ich war nicht/ die ich war; die gantz verborgne Gluth
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Gieng in dem innern auff; die fleischlichen Geschäffte
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Erstorben mählich hin: Ich ward dem Liebsten gut/
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Den ich zuvor verwarff. Zwar wolte sich noch regen/
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Ich weiß nicht was vor Scham und allzu grosse Scheu/
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Biß ich auch diese must zu seinen Füssen legen/
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Und im Vertrauen sprach:
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Zu eines Königs Braut: Es zog mich sein Magnet
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Nach seinen Lippen hin. Die Wollust ward gebohren/
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Als er mich selbst umbfieng. Wer solche Lieb versteht/
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Der kennt auch ihre Pracht/ ihr wunderbahres Wesen/
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Ihr Lachen und ihr thun; Wenn zarte Unschuld schertzt/
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Und wenn man ihren Trieb kan auß den Augen lesen/
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Wenn seine lincke Hand mich deckt/ die Rechte hertzt.
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Nunmehr bestrahlt Er mich mit 1000. holden Blicken/
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Verknüpfft mich ewig Ihm durch seines Geistes Band.
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Jetzt kan ich kennen erst das himmlische Geschicke/
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Wenn er drückt Hertz auff Hertz/ und Mund auf Mund und Hand.
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Nun ist das meine Pflicht/ Ihm treu und hold zu bleiben/
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Und nur getrost in Fried auff seinem Schos zu ruhn/
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Mißtrauen Scham und Furcht auß Geist und Seel zu treiben/
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Und in Vertraulichkeit/ was ihm beliebt/ zu thun.
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So fängt mein Leben dann recht frölich an zu grünen/
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Wenn ich Ihm niemals Hand und Hertz und Mund entzieh.
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Mir soll sein sanfftes Joch zu einem Polster dienen/
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Das mir die Liebe weist. So kan ich lustig hie/
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Und dorten selig seyn. So darff ich nichts verlangen/
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Mein Liebster flöst mir ein den Zucker süsser Ruh.
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Kömmt er zu meinem Schlaff mit sanfftem Schritt gegangen/
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So schließ ich auch mit Ihm die frohen Augen zu.
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Ich weiß, ich will mit Ihm und in Ihm endlich sterben/
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Nicht sterben/ sondern erst recht leben ewiglich.
62
Es kan ja keine Braut beym Bräutigam verderben.
63
Ihr Nymphen werdet doch so selig/ als wie ich!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gottfried Arnold
(16661714)

* 05.09.1666 in Annaberg-Buchholz, † 30.05.1714 in Perleberg

männlich, geb. Arnold

deutscher Theologe und Kirchengeschichtsschreiber

(Aus: Wikidata.org)

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