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Nachdem der Feind den Cißides nicht mehr
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Erblickte, der, durch einen Federbusch
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Am Helm, erkenntlich war, vermuthet er
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Den Tod desselben, und dacht im Triumph
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Bald in das Schloß zu steigen, wenn ers jetzt
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Aufbiethen ließ'. Ein Herold ward dazu
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Befehliget. Sein Roß war stolz, wie er;
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Es schien die Erde zu verachten, kaum
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Berührt es sie mit leichten Füssen, schnob
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Und wieherte zu der Trompete Klang
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Und foderte zum Kampf heraus, wie er.
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»euch wenigen, sagt er, indem er sich«
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Der Mauer naht, »euch wenigen, die noch
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»die Macht der Waffen des Leosthenes
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Bisher verschonet hat, euch biethet er
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Das Leben an, und seine Gnad', im Fall
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Ihr euch an ihn ergebt. Verwegenheit
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Ist euer vermeinter Muth. – Seht um euch! seht,
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Was für ein zahlreich Volk euch noch umschließt!
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Seht, seine Spieß' erheben sich umher,
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Wie Ähren auf dem Feld'! Und Tapferkeit
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Wird in den Busen sie euch tauchen, wenn
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Ihr länger kämpft. Laßt eure Wuth einmal
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Gehorchen der Vernunft, und übergebt
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Die Maur der öden Burg dem Heere, das
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Voll Langmuth euch bewundert und nicht scheut.
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Wählt seine Huld, wo nicht, so wählt den Tod!
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Wir haben längst gewählt, sprach Paches. (Ernst
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Und Majestät sah aus dem Angesicht
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Des Helden.) Tod ist unser Wunsch und Glück,
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Wenn wir dadurch des Vaterlandes Wohl
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Erkaufen können. Und wir werden es
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Gewiß dadurch erkaufen! Schande trift
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Den niedern Stolz und Geitz Athens gewiß!
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Warum bekriegtet ihr uns ehmals nicht,
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Als Alexander uns beherrschte? Glaubt
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Ihr, unser Muth sey mit ihm eingescharrt?
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Und wenn ihr dieses glaubt; ists edel, daß
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Ihr Schwachheit überfallt? – Allein! allein!
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Noch lebt des Helden Geist in seinem Heer,
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Und eure Scheitel wird es fühlen. – Auch
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Raubt uns der Tod des Cißides nicht Muth;
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Mit ihm liegt unsre Lust, nicht Tapferkeit.
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Nicht euch, nicht Tod, nur Schande fürchten wir.«
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Der Herold brachte dem Leosthenes
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Die Antwort kaum; als alles um die Burg
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Zum Angrif sich bereitete. Wenn Sturm
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Aus Äols Höle fällt, wie Wasser aus
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Der Schleus', und drückt den Wald, dann neigen sich
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Die starken Wipfel zu der Erd herab;
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Tumult herrscht überall, und jeder Zweig
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Vermehret das Geräusch; der Klüfte Schlund
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Brüllt dumpfigt; tauber Lerm erfüllet weit
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Des Himmels Raum, drinn Wolke Wolke jagt:
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So auch erwacht im ganzen Heer Athens
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Schnell Aufruhr. Thurm, Ballist und Katapult
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Und Hebel, Bohr und alles regte sich,
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Und nahte sich dem Schloß in wildem Lerm.
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Zwar Paches ließ an tapfrer Gegenwehr
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Nichts mangeln. Pfeil und Steine schlugen den
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Erhitzten Feind, wie Schloßen schwaches Korn,
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Darnieder. Tieger sind so wüthend nicht,
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Wenn man zum Zorn sie reitzet, wie sein Heer
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Jetzt war. Doch die Besatzung war zu schwach,
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Und allgemein der Sturm. Mißlung es hier
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Dem Feinde, so erstieg er dort die Maur.
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Das Schloß ward überschwemmt, und ward ein Raub
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Des Todes. So verschlingt die Fluth des Meers
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Das Ufer nach der Ebb', und was sich ihm
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Genaht. Wo Blumen jetzt stolzierten, tobt
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In Wasserwogen das Verderben, jetzt. –
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Auch Paches ward des Todes Raub, wie sein
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Furchtloses Heer. Leosthenes fand ihn
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Durchbort und hingestreckt, und kannt ihn an
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Der Rüstung. Lange sah mitleidig er,
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Nebst seinem Volk, das auf die Spieße sich
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Umher gelehnt, den todten Helden an,
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Und eine Thräne floß ihm von dem Aug'.
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Er sah noch Edelmuth in Zügen des
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Erblaßten Angesichts. – Drauf wünscht' er, auch
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Den Cißides zu sehn, doch lang' umsonst.
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Zuletzt erblickt er einen Teppich auf
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Der Erd', erhub ihn und erschrak, als sich
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Ein Macedonier aufrichtete,
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Der mit dem Cißides darunter lag.
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»was liegst du bey dem Todten? trug man ihn.
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Er war mein Herr, erwidert' er; doch mehr
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Mein Vater. Ich war, als er lebt' ihm treu;
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Solt ich vergessen es anjetzt zu seyn?
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Ihr habt ihn mir geraubt, raubt mir nur auch
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Das Leben, meine Last! – Ein Thränenguß«
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Netzt ihm das Angesicht. Leosthenes
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Raubt ihm das Leben nicht, dem redlichen
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Schildträger, sondern pries die seltne Treu,
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Und tröstete den immer jammernden,
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Und schenkt' ihm viel. Betrachtete nachher,
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Sammt dem gerührten Volk, den Cißides
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Und glaubte die entwichne Seele noch
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In großen Zügen des Gesichts zu sehn;
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Beweint' ihn, ließ die Asche beyder Freund'
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In einer Urn bewahren, ihnen auch
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Ein prächtig Denkmal baun, und zog sich drauf
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Schnell nach Athen zurück. Sein Heer war so
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Geschwächt, daß er vergaß in einer Schlacht
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Antipatern zu überwältigen.
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Und so ward, durch der beyden Freunde Muth,
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Des Vaterlands Verderben abgewandt.
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Ihr Krieger! die ihr meiner Helden Grab
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In später Zeit noch seht, streut Rosen drauf,
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Und pflanzt umher von Lorbern einen Wald!
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Der Tod fürs Vaterland ist ewiger
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Verehrung werth. – Wie gern sterb ich ihn auch
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Den edlen Tod, wenn mein Verhängniß ruft!
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Ich, der ich dieses sang im Lerm des Kriegs,
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Als Räuber aller Welt mein Vaterland
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Mit Feuer und Schwerdt in eine Wüsteney
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Mit tapfrer Hand ergrif, und Blitz und Tod
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Mit ihr, in Feinde trug, und achtete
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Der theuern Tage nicht für Volk und Land,
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Das in der finstern Nacht des Elends seufzt. –
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Doch es verzagt nicht drinn das treue Land;
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Der Tag bricht an! Schon zöge Schwab und Russ,
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Lappländer und Franzos, Illyrier
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Und Pfälzer, in poßierlichem Gemisch,
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Den Helden in Triumph; verstattet' es
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Desselben Großmuth. Schon fliegt Himmel an
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Die Ehr in blitzendem Gewand', und nennt
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Ein Sternenbild nach seinem Namen. Ruh
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Und Überfluß beglücken bald sein Reich.