Emire und Agathokles

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Ewald Christian von Kleist: Emire und Agathokles (1758)

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Emire fing ihr Leben an zu haßen
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Als ihr Agathokles leichtsinnig sie verlassen.
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Sie floh die große Welt, die vormals sie verehrt,
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Sie floh die Freundschafft selbst, allein in sich gekehrt;
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Die Welt schien ihr nicht mehr ein Sitz voll Lust und Wonne,
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Die Flur nicht blumenreich und minder hell die Sonne.
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Ein Lustschloß, in der Nacht von einem dicken Wald,
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War ihre Zuflucht iezt und liebster Aufenthalt.
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Sie ging oft in des Hayns Gewölben, lebensmüde,
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Nicht mehr gereitzt, wie sonst, von Philomelens Liede,
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Noch von der Quelle, die durch Blumen floß. Nicht seyn,
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Dünkt ihr das größte Glück, und war ihr Wunsch allein.

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Mußt ich, so dacht sie oft, Agathokles nur lieben
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Ihn ewig iezt zu scheun, mich ewig zu betrüben?
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Ich glaubt ihn so getreu als liebenswerth. Sein Schmerz
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Und seine Thränen nur erwarben ihm mein Herz;
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Nicht Leichtsinn! Laster nicht! Ich liebte seine Tugend
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Und seine Seele mehr, als allen Reitz der Jugend.
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Doch alles was er sprach, Versicherung und Schwur,
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Kam aus dem Herzen nicht, kam von den Lippen nur.
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Untreuer! Ich bin zwar der Raub von deinen Lügen,
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Allein wirst du, wie mich, den Himmel auch betrügen?
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Furcht ihn! er straffet noch! Vielleicht fühlst du einmal,
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Wenn dein Gewissen wacht, gedoppelt meine Quaal –
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Doch dieses wünsch ich nicht. Du sollst den Schmerz nicht nähren,
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Nur such einmal mein Grab und schenk ihm einge Zähren,
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Und denk: Hier ruhet die, die sich um mich betrübt;
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Die Treue lebte noch, hätt' sie mich nicht geliebt. –

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So bracht Emire hier ihr Leben lange zu;
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Ihr stiller Gram schien falsch, Gelaßenheit und Ruh.
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Gesucht von Ehr und Gunst der Großen, hatt' indeßen,
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An fernen Höfen, sie Agathokles vergeßen.
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Doch endlich überfiel ihn unverhofte Reu;
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Sein wankelmüthig Herz fühlt alte Lieb und Treu;
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Er kehrte schnell zurück – Er floh nach ihrer Wohnung,
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Beflügelt von der Lieb und Hoffnung der Belohnung.
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Er sahe sie, und nahm die schöne Hand – Doch wie
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Erschrack er! – wie gerührt vom Wetterstrale – Sie
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War starr – Verzeuch, rief er, nur einge Augenblicke!
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Emire, höre mich, und ruf den Geist zurücke!
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Verzeuch! Dich und mein Glück hab ich nicht halb gekannt,
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Nicht Untreu, Irrthum nur, hat mich von dir verbannt.
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Mein Herz hätt' alles Gold der Welt, Glück, Ehr und Leben,
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Als klein, für dem Besitz von dir, dahin gegeben.
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O schöne Unschuld! sieh mich nur noch einmal an,
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Und sage mir, daß mich dein Herz nicht hassen kan! –

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Sie hatte schon den Geist dem Himmel zugeschickt,
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Empfing der Treue Lohn, und war bereits beglückt.
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Er fiel erstarrt dahin, für Schrecken und für Leide. –
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Das Leben kam zurück, doch ohne Ruh und Freude,
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Und seine Klagen hat die Gegend lang gehört.
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Durch alles was er sah, ward seine Pein gemehrt.
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Die Stellen wo sie ging und schlief, wo sie geseßen,
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Und wo sie starb, konnt er nicht sehn, und nicht vergeßen.
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Ihr Schloß, sonst seine Lust, in Blüthen ganz versteckt,
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Dünkt ihm anjezo schwarz, er ward dadurch erschreckt.
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Der Tod schien ihm ein Glück, das Leben eine Strafe,
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Und Schwermuth foltert ihn sogar im kurzen Schlafe.
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Bis sein bekriegter Fürst zum Heer ihn gehen hieß,
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Und Fried und Ruh durch ihn den Völkern schenken ließ.
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Doch weint er jährlich um ihr Grab an diesem Tage,
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Und sein ganz Leben war nur eine lange Klage.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ewald Christian von Kleist
(17151759)

* 07.03.1715 in Cybulino (Bobolice), † 24.08.1759 in Frankfurt (Oder)

männlich, geb. von Kleist

| im Einsatz getötet

deutscher Dichter und preußischer Offizier

(Aus: Wikidata.org)

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