Sehnsucht nach Ruhe

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Ewald Christian von Kleist: Sehnsucht nach Ruhe (1737)

1
O Silberbach! der vormals mich vergnügt,
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Wenn wirst du mir ein sanftes Schlaflied rauschen?
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Glückselig! Wer an deinen Ufern liegt,
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Wo voller Reitz der Büsche Sänger lauschen.
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Von dir entfernt, mit Noth und Harm erfüllt,
6
Ergezt mich noch dein wollustreiches Bild.

7
Und du, o Hain! O duftend Veilchenthal!
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O holder Kranz von fernen blauen Hügeln!
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O stille See! In der ich tausendmahl
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Auroren sah ihr Rosenantlitz spiegeln;
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Bethaute Flur, die mich so oft entzückt,
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Wenn wird von mir dein bunter Schmuck erblickt!

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Sprich Wiederhall! Der, wenn die Laute klang,
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Vom kühlen Sitz, in dickbelaubten Linden,
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Mit hellem Ton in güldne Saiten sang,
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Sprich! soll ich nie die Ruhe wieder finden?
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Wie oft, wenn ich vergnügt im Schatten lag,
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Und: Doris! rief; riefst du mir: Doris! nach.

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Jezt fliehet mich die vor empfundne Lust;
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Ich kann nicht mehr dein schwirrend Schallen hören,
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Du fülltest dort mit Anmuth Ohr und Brust,
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Hier fliegt der Tod aus tausend ehrnen Röhren.
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Dort both die Flur, der Bach, mir Freude dar,
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Hier sieht man Schmerz, hier fliesset die Gefahr.

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Wie, wenn der Sturm aus Äols Höhle fährt,
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Und Wolken Staub im Wirbel heulend drehet,
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Dem Sonnenstrahl den freyen Durchgang wehrt,
28
Das grüne Feld mit Stein und Kies besäet:
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So tobt der Feind, so wütend füllet er
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Die Luft mit Dampf, die Felder mit Gewehr.

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Der Fruchtbaum traurt, die Halmen bücken sich,
32
Der Weinstock stirbt von räuberischen Streichen,
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Die schöne Braut sieht hier ihr ander Ich,
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Den Blumen gleich, durch kalten Stahl erbleichen,
35
Ein Thränenbach, indem sie es umschließt,
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Nezt ihr Gesicht, wie Thau von Rosen fließt.

37
Dort flieht ein Kind. Sein Vater der es führt,
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Fällt schnell dahin, durchlöchert vom Geschütze;
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Er nennt es noch, eh er den Geist verliehrt;
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Der Knabe wankt und stürzet ohne Stütze,
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Wie Boreas, wenn er die Schwingen regt,
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Gepfropftes Reis, das stablos, niederschlägt.

43
Die Felder hat ein Feuermeer erfüllt,
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Das um sich reißt, von keiner Macht gehemmet,
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Wie, wenn die See aus ihren Ufern schwillt,
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Durch Dämme stürzt, und Länder überschwemmet.
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Die Thiere fliehn, das Feur ergreift den Wald,
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Der Stämme hegt, wie seine Mutter alt.

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Was Kunst und Witz durch Müh und Schweiß erbaut,
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Korinth und Rom mit Gold und Pracht gezieret,
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Der Städte Schmuck wird schnell entflammt geschaut,
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Wie mancher Thurm aus Marmor aufgeführet,
53
Der stolz sein Haupt hoch in die Wolken hebt,
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Stürzt von der Gluth! Des Bodens Veste bebt.

55
Das blasse Volk, das löschen will, erstickt;
56
Die Gassen deckt ein Pflaster schwarzer Leichen:
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Und dem es noch das Feur zu fliehen glückt,
58
Das kann dem Grimm der Stücke nicht entweichen.
59
Statt Wasser, trinkt die nahe Wiese Blut,
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Es zischt und rollt auf Felsen voller Gluth.

61
Wenn Phöbus weicht, weicht doch die Klarheit nicht,
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Die Nacht wird Tag vom Leuchten wilder Flammen;
63
Den Himmel färbt ein wallend Purpurlicht,
64
Von Dächern schmelzt ein Kupferfluß zusammen;
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Der Kugeln Saat pfeift, da die Flamme heult,
66
Mond und Gestirn erschrickt, erblaßt und eilt.

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Wie, wenn ein Heer Kometen aus der Kluft,
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Die bodenlos, ins Chaos niederfiele:
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So zieht die Last der Bomben durch die Luft,
70
Mit Feur beschweift. Vom reissenden Gewühle
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Fließt hier Gehirn, liegt dort ein Rumpf gestreckt,
72
Hier raucht Gedärm, so ist der Grund bedeckt.

73
Der Erden Bauch wirft oft, vom Pulver wild,
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Nebst Maur und Heer, sein felsicht Eingeweide
75
Den Wolken zu. Die ferne Klippe brüllt,
76
Des Himmels Raum erbebt und schallt vor Leide;
77
Er wird mit Schutt und Leichen überschneyt,
78
Als wenn Vesuv und Hekla Steine speyt.

79
O! wer entwirft den Jammer, das Geschrey,
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Des Pulvers Grimm, das Winseln und das Sterben
81
Natur gemäß! Mir sinkt der Kiel aus Scheu,
82
Wer kann mit Blut und Feur die Worte färben?
83
Du kannst es Mond! Auf, wink es; wehe du,
84
Das was du hörst, o Luft! den Völkern zu.

85
So wütet Mars. Und hört sein Wüten auf,
86
So drehn wir selbst das Schwerdt in unsre Leiber.
87
Ja, Gott des Streits! Hemm deiner Waffen Lauf!
88
Was braucht es Krieg? Wir sind uns selber Räuber.
89
Uns schließt der Stolz in güldne Ketten ein,
90
Der Geldgeitz schmelzt aus Schächten seine Pein.

91
Bald bringet uns ein Schurk um Ruh und Glück,
92
Bald suchen uns die Richter zu betrügen;
93
Hier wird das Geld ein heilig Bubenstück;
94
Dort ras't ein Freund und tödtet uns mit Lügen.
95
Bist du geschickt, ein andrer glaubt es nicht,
96
Warum? Weil ihm Geschicklichkeit gebricht.

97
Des Nächsten Glück, Erfahrung, Frömmigkeit,
98
Und Wissenschaft und ächter Tugend Proben
99
Sind Fehler, die kein kluger Mensch verzeiht:
100
Ein grosser Geist muß niemals andre loben
101
Wer küßt und drückt und lästert, ist verschmitzt,
102
Wer höhnisch blickt, der hat sich selbst genützt.

103
Wenn dich das Glück auf seinen Flügeln hebt,
104
So mag man nichts der Freunde Huld vergleichen;
105
Wenn Unglück stürmt, daß Mast und Steuer bebt,
106
O! wie dem Frost alsdenn die Schwalben weichen!
107
Man hat den Schwarm wie Stumme anzusehn,
108
Die bloß zur Pracht auf unsern Bühnen stehn.

109
Und wer auch noch auf Tugend standhaft hält,
110
Wird doch zulezt vom Haufen hingerissen,
111
Gleich einem, der in wilde Fluthen fällt;
112
Er peitscht den Strom mit Händen und mit Füssen,
113
Er klimmt hinauf; doch endlich fehlt die Kraft,
114
Der Leib erstarrt, sinkt und wird fortgeraft.

115
Ja Welt! Du bist des wahren Lebens Grab,
116
Oft reizt mich auch ein heisser Trieb zur Tugend!
117
Vor Wehmuth rollt ein Bach die Wang herab;
118
Das Beyspiel siegt, und du, o Feur der Jugend!
119
Du trocknest bald die edlen Thränen ein.
120
Ein wahrer Mensch muß fern von Menschen seyn.

121
Pflügt denn das Meer zum fernen Mohrenland,
122
Ihr Thoren! Eilt, fischt Perlen aus dem Grunde,
123
Es sey ein Brett des Todes Scheidewand;
124
Beraubt den Berg, steigt tief in seine Wunde.
125
Dieß rührt mich nicht. Ihr suchet Angst und Noth,
126
Ein güldner Dolch befördert euren Tod.

127
Führt Schlösser auf, laßt eine Morgenwelt,
128
An jeder Wand, mit Gold durchwirket sehen;
129
Laßt Trinkgeschirr aus Indien bestellt,
130
Und Diamant den Werth von euch erhöhen.
131
Ihr grabt die Ruh bey Marmorsäulen ein,
132
Ihr sehet Pracht; ich, Leinwand, Erde, Stein.

133
Vergießt das Blut aus falscher Tapferkeit,
134
Tobt kühn herum, wie wilde Hauer toben,
135
Damit ihr seyd, wenn ihr gleich nicht mehr seyd,
136
Damit euch einst die Todtenlisten loben.
137
Wird wohl der Geist durch Schilderey ergezt,
138
Wenn euch der Staar die Augen hat verlezt?

139
Wie täuscht der Schein; ihr seyd Verliebten gleich,
140
Die feuervoll den Gegenstand nicht kennen.
141
Macht mich das Glück nicht groß, berühmt und reich,
142
Geringer Gram! Ich will es Fürsten gönnen.
143
Ein ruhig Herz im Thal, wo Zephyr rauscht,
144
Sey nimmermehr für Flittergold vertauscht.

145
Zeig du dich mir, o teppichgleiche Flur!
146
O Bach! den Rohr, Gebüsch und Wald umfangen.
147
Kein güldner Sand; dein Murmeln reizt mich nur,
148
Und Zweige, die Vorhängen ähnlich hangen.
149
Wenn ich im Geist auf euch, Gebirge steh,
150
Schätz ich die Welt so klein, als ich sie seh.

151
Wie der, der sich von seiner Schönen trennt,
152
Untröstbar ist; die dunkeln Blicke kleben
153
An allen steif, ohn daß er sieht. Er rennt
154
Er seufzet tief, und sucht umsonst sein Leben,
155
Liebt Kluft und Wald, klagt, ringt die Hände, schreyt,
156
Der Wiederhall klagt auch, und mehrt sein Leid.

157
So sehn' ich mich, o grüne Finsterniß
158
Im dichten Hain! Ihr Hecken und ihr Auen!
159
Nach eurem Reiz; so klag ich, ungewiß,
160
Euch nur einmal, geschweige stets, zu schauen.
161
O zeigt euch bald! O Doris! meine Ruh,
162
Drück mir einst dort die Augen weinend zu.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ewald Christian von Kleist
(17151759)

* 07.03.1715 in Cybulino (Bobolice), † 24.08.1759 in Frankfurt (Oder)

männlich, geb. von Kleist

| im Einsatz getötet

deutscher Dichter und preußischer Offizier

(Aus: Wikidata.org)

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