32. Treue Pflicht

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Paul Fleming: 32. Treue Pflicht (1624)

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Mein Unglück ist zu groß,
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zu schwer die Not,
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so mancher Herzensstoß
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dreut mir den Tod.
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Mein Schmerze weiß von keiner Zahl.
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Vor, nach und allemal
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häuft sich die Qual.

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Ein Mensch hat alle Schuld,
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das mich doch liebt.
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Das, weil es mir ist huld,
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mich so betrübt.
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Von Liebe kömmt mir alles Leid.
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Ich weiß von keiner Zeit,
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die mich erfreut.

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Preist jemand ihre Pracht,
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so wird mir weh.
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Wer ihr gedenkt, der macht,
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daß ich vergeh'.
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Erinner' ich mich denn der Pflicht,
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was Wunder ists, daß nicht
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mein Herze bricht.

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Licht ist ihr Augenglanz,
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klar ihre Zier.
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Das macht, daß ich mich ganz
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verlier in ihr.
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Sie hat es, was mein Herze sucht,
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Scham, Schönheit, Jugend, Zucht,
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der Tugend Frucht.

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An ihr liegt Alles mir.
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Was acht' ich mich?
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Mein Sinn ist Freund mit ihr
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und hasset sich.
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Was ich beginne spat und früh,
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Was ich gedenk, ist sie,
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die Werthe, die.

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Sie hat mich ganz bei sich,
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das schöne Kind;
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jhr auch zu lassen mich
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bin ich gesinnt.
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Die Treue, die sie mir verspricht,
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find' ich in solcher Pflicht,
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sonst nirgends nicht.

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Und leb ich mich gleich tot
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in solcher Pein,
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noch hat es keine Not;
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sie, sie kans sein,
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die mir das Leben wiedergiebt,
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die mich so sehr betrübt,
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als sie mich liebt.

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Ach! daß ich ihr mein Leid
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nicht klagen kan!
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Ich bin von ihr zu weit
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itzt abgetan.
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Von Scheiden kömmt mir alle Not;
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diß macht mich blaß für rot,
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für lebend tot.

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Läuft nun mein Glücke so?
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Ach wehe mir!
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O! warum ward ich froh
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von ihrer Zier?
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Für jene kurze Frölichkeit
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hab' ich ein langes Leid
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auf allezeit.

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Bekenne selbst auf dich,
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mein kranker Sinn,
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hast du nicht Schuld, daß ich
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so elend bin?
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Warum bewegte dich die Gunst?
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Es war ja gar umsonst
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mit deiner Brunst.

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Leid' ich für jene Lust,
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so geht mirs recht.
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Mir war nicht unbewußt,
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was Frucht sie brächt'.
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Und gleichwol kunt' ich ganz nicht ruhn;
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was mich betrübet nun,
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das mußt' ich tun.

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Euch klag' ich erstlich an,
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ihr Augen, ihr.
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Wie habt ihr doch getan,
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so falsch an mir!
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Verräter wart ihr meiner Pein.
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Drum müßt ihr ohne Schein
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und dunkel sein.

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Fliest, (denn diß sollet ihr
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zur Buße tun,)
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hinfürder für und für,
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wie vor und nun.
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Quellt ewig, wie mein Schmerze quillt,
90
so wird mein Leid gestillt,
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doch nie erfüllt.

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Nicht aber läßt mein Mut
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sie eins aus sich.
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Das junge treue Blut
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beherrschet mich,
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so daß ich ganz nicht anders kan,
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ich muß ihr um und an
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sein untertan.

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Liebt einer so, wie ich,
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der sage mir,
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wie er gehabe sich
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bei Liebsbegier.
103
Ich fühle wol, was mich versehrt;
104
noch gleichwol halt' ich wert,
105
was mich gefärt.

106
Itzt ist es Mitternacht,
107
da alles ruht.
108
Mein munter Herze wacht,
109
tut, was es tut.
110
Es denkt, von müden Thränen naß,
111
von ihr ohn' Unterlaß
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und weiß nicht was.

113
Ein Kranker, der gewiß
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am Tode liegt,
115
der tröstet sich auf diß,
116
was er auch kriegt.
117
Das ist gewiß, ich muß dahin,
118
doch bleib' ich, wie ich bin,
119
frisch ohne Sinn.

120
Erbarmens bin ich wert.
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Doch klagt mich nicht,
122
bis daß sie von mir kehrt
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der Liebe Pflicht.
124
Doch wird Dianens Brudern Schein
125
eh' gehn am Himmel ein,
126
als dieses sein.

127
Mit Gott und mit der Zeit
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muß Alles sein.
129
Ein Wechsel kehrt mein Leid
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und ganze Pein.
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Hat nichts als Unbestand Bestand,
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so wird mein Ach zuhand
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in Lust verwant.

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Habt Achtung auf mein Leid,
135
auf meine Qual,
136
ihr, die ihr Wächter seid
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in Amors Saal'.
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Hebt alle meine Tränen auf
139
und schafft mir Freude drauf
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für guten Kauf.

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Ihr Sternen auch, die ihr
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vor habt geliebt
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und oftmals, wie itzt wir,
144
auch wart betrübt,
145
tut, wie man hat an euch getan,
146
schreibt meine Seufzer an
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in Jovis Plan.

148
Vergess' ich meiner Pflicht,
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ja, säum ich nur
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und halt' ich dieses nicht,
151
was ich ihr schwur,
152
so sei mir Venus nimmer gut,
153
so quäle sich mein Mut,
154
wie er itzt tut.

155
Nein! Ich will feste stehn.
156
Sie, wie sie mir verspricht,
157
wird auch mir gleiche gehn
158
und wanken nicht.
159
Des Herzens, das sich selbst nicht schont,
160
mit Treue Treue lohnt,
161
bin ich gewohnt.

162
So steht mein fester Schluß
163
unwiderruft.
164
Drauf schick' ich diesen Kuß
165
ihr durch die Luft.
166
Diß Lied auch sei von meiner Hand
167
als meiner Liebe Pfand
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ihr zugesant.

169
Glückt mirs und sagt nicht nein,
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der Alles fügt,
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so soll sies einig sein,
172
die mich vergnügt,
173
Mein letztes Wort ist: Treue Pflicht.
174
Treu' ist es: der es spricht
175
mehr kan er nicht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Fleming
(16091640)

* 05.10.1609 in Hartenstein, † 02.04.1640 in Hamburg

männlich, geb. Fleming

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller und Arzt

(Aus: Wikidata.org)

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