26. An Timoth. Polussen

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Paul Fleming: 26. An Timoth. Polussen (1624)

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Ich bin froh, daß ich was habe,
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das man dennoch hassen kan,
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und was geht mir daran abe,
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daß mich jener schel sicht an?
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Leid' ich von der Tugend wegen,
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so wird mir sein Fluch zu Segen.

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Neid ist nur bei hohen Sachen
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und die nicht gemeine sind,
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hierein setzt er seinen Rachen;
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des Gelücks Gefährt' und Kind
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steigt und fällt mit seinem Rade,
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wenn es Zorn braucht oder Gnade.

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Große Dannen, hohe Fichten,
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die bestürmt des Nordwinds Zorn,
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der doch nichts dran aus kan richten:
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keine hat kein Haar verlorn.
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Wer der Tugend an will siegen,
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pfleget allzeit zu erliegen.

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Kaphareus verlacht die Wellen,
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die sich an ihm lehnen auf.
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Scylla läßt die Wogen bellen,
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auch nicht so viel giebt sie drauf.
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Laß das Unglück' auf sie gehen,
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Tugend steht, wie Klippen stehen.

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Rost verzehrt den stillen Degen;
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stehnde Sümpfe werden faul,
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Lüft' auch, die sich nicht bewegen;
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unberitten dient kein Gaul;
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Müssiggang verderbt die Jugend;
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ungeübt verschält die Tugend.

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Tugend, die ist niemals müssig,
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sucht ihr allzeit einen Feind
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nie der Arbeit überdrüssig,
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aller Mühe steter Freund.
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Ihre Sinnen und Gedanken
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sind: stets laufen in dem Schranken.

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Die berühmbten Dattelstämme
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heben ihre Last empor,
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und tun zwischen solcher Klemme
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reicher ihre Zier hervor.
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Ein stark Herze wird erblicket,
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wenn es sein Verhängnüß drücket.

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Aus den ausgequetschten Trauben
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kömpt Lyäus süßer Saft.
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Eine Rose hat, bei Glauben,
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ungerieben schwächre Kraft.
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Tugend schmeckt und reucht gepresset,
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welche Kost ihr Weisen esset.

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Bellet, ihr erzürnten Hunde,
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bellt die stille Phöben an:
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sie bleibt wol, wo sie vor stunde,
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und hält ihre hohe Bahn.
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Weisheit ist zu hoch gestiegen,
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da kein Haß ihr nach kan fliegen.

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Jene, die ich sie sein lasse,
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die nicht mehr sind als nur sein,
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sind nicht wert, daß ich sie hasse,
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reich an Nichts, klug auf den Schein.
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Wahn ists, des ein Weiser lachet,
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der sie so voll Hoffart machet.

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Unser Pöfel hat die Sitten:
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schilt, was er nicht haben kan,
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tadelt, warumb er muß bitten,
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sieht den Nachbar hart drumb an,
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und an dem er muß verzweifeln,
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das vergönnt er allen Teufeln.

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Bessern soll michs, nicht betrüben,
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daß mich der zu tadeln pflag.
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Wer nicht etwas hat zu lieben,
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hat nicht, was man hassen mag.
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Und umb was mich dieser neidet,
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ist, an dem er Mangel leidet.

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Ich kan Einem ja vergönnen,
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daß er seines Maules braucht,
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redet er mir nicht zu Sinnen;
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wie bald ist ein Wort verhaucht!
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Hüte dich nur für den Taten!
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Gott, der wird den Lügen raten.

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Steht denn meine Schand' und Ehre
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so in Eines Lob und Schmach?
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Weit gefehlt! Wenn dieses wäre,
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so gäb' auch kein Weiser nach.
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In die Zeit sich schicken künnen,
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künnen nur geübte Sinnen.

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Diß mein redliches Gewissen
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ist mir Zeuge gnug für mich.
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Wes ich allzeit mich beflissen,
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wissen zwene: Gott und ich.
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Welcher Alles will verfechten,
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der muß heut' und allzeit rechten.

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Jupiter, wie hoch er sitzet,
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ist nicht von den Lästrern frei.
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Wenn er allzeit würd' erhitzet,
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wenn man ihn schilt ohne Scheu,
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so würd' er in kurzen Weilen
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werden arm an Blitz und Keilen.

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Will dich Einer nicht begrüßen,
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so behältst du deinen Dank.
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Setzt er dich schon nicht auf Küssen,
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sei vergnügt mit bloßer Bank!
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Er und alle, die dich hassen,
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müssen doch dich dich sein lassen.

103
Laß sie sein, die Theons-Brüder,
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die Geschwister Zoilus',
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und laß deine guten Lieder,
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die der Haß auch lieben muß,
107
die die Unehr' auch muß ehren,
108
umb die Flüß und Püscher hören!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Fleming
(16091640)

* 05.10.1609 in Hartenstein, † 02.04.1640 in Hamburg

männlich, geb. Fleming

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller und Arzt

(Aus: Wikidata.org)

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