9. Auf eine Hochzeit in Leipzig

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Paul Fleming: 9. Auf eine Hochzeit in Leipzig (1624)

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Ich weiß fest nicht, was ich dichten,
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Bräutgam, was ich setzen soll.
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Du bist Freud' und Leides voll.
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Soll ich mich nach dir denn richten,
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wie ich soll, so muß auch ich
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leid und froh geberden mich.

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Neulich sahen wir zu Grabe
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deiner liebsten Schwester ziehn.
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Nun ist auch die Mutter hin.
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Heute setzt der große Knabe
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den Termin der Trauung auf
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und zahlt eurer Liebe Kauf.

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Weinend müsset ihr nun lachen,
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lachend müsset weinen ihr,
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Liebe; Bräutgam, sie mit dir,
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du mit ihr, die diß kan machen,
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daß du seufzen bei der Lust
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und im Trauren froh sein mußt.

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Wer sich in sein Glücke schicket,
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der tut was Gott selbsten wil,
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zagt in Nöten nicht zu viel,
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braucht der Zeit, so ihn erquicket;
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sein Verhängnüß nimmt er auf,
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wie es mengt der Sternen Lauf.

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Zwar es läßt sich übel stellen,
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wann das Leid vom Herzen kömmt
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und bis an die Tränen glimmt.
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Also wenig Glut und Wellen
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können unvermieden sein,
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also wenig ernste Pein.

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Doch so ist diß auch nichts Neues,
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daß die Sonn' im Regen scheint.
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Also lacht man, wenn man weint,
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wer nur auch hat etwas Treues,
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das mit ihm die Wage hält,
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wo die leichte Schal' hinfällt.

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Ein vertrauter Freund im Leben,
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der halbirt uns unser Leid,
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duppelt gleichfals alle Freud'
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und versichert uns beineben,
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daß die Not, so uns betrübt,
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ihm auch gleiche Stöße giebt.

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Jene Tage sind zum Klagen,
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die zur Fröligkeit bestimmt.
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Selig ist, der mitte nimmt,
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was für Lust die Zeiten tragen!
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Gegenwärtigs ist Gewin;
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was schon hin ist, das ist hin.

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Es ist ohne diß ein Schatten
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unser Leben, Last und wir.
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Uns entkömmet für und für,
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was wir vor in Volmacht hatten.
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Letzlich, wenn denn alles port,
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muß sein Rest, wir selbst, auch fort.

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Unser sauersüßes Leben
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ist ein Apothekertrank,
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da vermischte Ruh' und Stank,
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herb' und süß', ein Grauen machen,
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den man, was man auch fang' an,
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scheiden nicht, nur trinken kan.

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Mäßigt, schöne Braut, das Trauren
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und seht auf den Liebsten hin,
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der mit gleichbetrübtem Sinn'
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eure Freunde hilft betauren,
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eure Freunde, die gemein
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ihm mit euch in künftig sein!

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Habt ihr ihn betrüben können,
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so macht ihn auch wieder froh!
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Sein Gesicht' ist rot und roh
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von der Zähren scharfen Rinnen.
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Eurer Küsse feuchter Schwamm
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streicht hin diese Flut und Flamm'.

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Ob diß Leid verbeut zu schauen
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eurer Hochzeit offne Zier,
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hinterhält uns der Begier
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und läßt euch zu Hause trauen,
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so weiß doch ein Ieder wol,
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wie er für euch wündschen soll.

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Euch will förderhin gebühren,
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liebstes Paar, bei Lieb' und Leid',
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als ihr schon gewohnet seid,
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gleiche Sinnen stets zu führen.
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Helfe Gott, daß diese Treu'
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alles Traurens Ende sei!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Fleming
(16091640)

* 05.10.1609 in Hartenstein, † 02.04.1640 in Hamburg

männlich, geb. Fleming

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutscher Schriftsteller und Arzt

(Aus: Wikidata.org)

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